Ein Jude, ein Christ und ein Moslem sitzen auf einem Boot im Ozean. Was wie der Beginn eines geschmacklosen Witzes beginnt, ist Realität. Und diese hat noch mehr Erstaunliches zu bieten. Ein weiteres Besatzungsmitglied kann weder lesen noch schreiben – ein anderes ist Universitätsprofessor.

Eines ist US-Amerikaner, ein anderes Sowjetrusse (mitten im Kalten Krieg). Einer der Männer kommt aus ärmlichen Verhältnissen, ein anderer kann sich Diener leisten (und tut das auch). Teile der Besatzung haben sich nie zuvor gesehen und sind auch noch nie zur See gefahren. Und: Einer wusste nicht, dass Meerwasser salzig ist.

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Thor Heyerdahl und sein Boot Ra I im Hintergrund.

Die Ozeane trennten die Kontinente nicht

Die bunte Crew ist die Besatzung des historischen Schilfbootes Ra 1 im Jahr 1969. Der norwegische Wissenschaftler, Seefahrer und Experimentalarchäologe Thor Heyerdahl hat sie zusammengestellt. In der Gedankenwelt Heyerdahls waren Menschen schon vor Tausenden Jahren in der Lage, hochseetaugliche Wasserfahrzeuge zu bauen und Meeresströmungen und Winde nutzend andere Kontinente zu erreichen.

Demnach trennten die Ozeane die Kontinente und ihre Bewohner nicht, sondern sie verbanden sie. Anstatt am Schreibtisch über die Seetüchtigkeit von Wasserfahrzeugen unserer Vorfahren zu grübeln, ließ Heyerdahl sie originalgetreu nachbauen – und probierte sie aus. Sein Pragmatismus – und nicht nur dieser – war vielen Gelehrten suspekt.

Heyerdahl hatte noch nicht einmal ein abgeschlossenes Studium. Und dann auch noch seine Nähe zu den Medien! Er schrieb zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher, in denen er fesselnd von seinen Reisen erzählte. Unmöglich konnte der Norweger ein ernst zu nehmender Wissenschaftler sein. Bekannt wurde Thor Heyerdahl 1947 durch die Fahrt mit dem Floß Kon Tiki vom heutigen Peru nach Polynesien.

Ganz ohne GPS und Satellitentelefon, ohne aufblasbares Rettungsboot und Funktionswäsche. In einer Gegend fernab frequentierter Schifffahrtsrouten. Etablierte Wissenschaftler sagten der Kon Tiki ein Sinken innerhalb kürzester Zeit voraus. Die Welt hätte so kurz nach dem Krieg Dringenderes zu erledigen gehabt, als ein paar schiffbrüchige Skandinavier aus Seenot zu retten. Es kam anders: Nach 101 Tagen und 7000 Kilometern erreichte das Floß sein Ziel.

Heyerdahl bewies damit, dass von Südamerika aus die Inseln Polynesiens mit historischen Flößen aus Balsaholz erreichbar waren. Die indigene Bevölkerung im heutigen Peru nutzte solche Wasserfahrzeuge lange vor dem Eintreffen der Spanier in Südamerika im 16. Jahrhundert. Der Norweger ließ nicht locker und unternahm weitere Expeditionen, die die Möglichkeit früher Kontakte zwischen den Kontinenten beweisen sollten.

Kontakte zwischen Polynesien und Südamerika

Die Besatzung der Ra 1 schaffte es 1969 von Marokko nicht ganz bis in die Karibik. Heyerdahl brach die Expedition ab.

Ein Jahr später klappte es, dank eines verbesserten Details in der Schiffskonstruktion. Die Mannschaft des Schilfbootes Tigris war 1977 Tausende Kilometer im Persischen Golf und im Arabischen Meer unterwegs. Die Expedition zeigte, dass man mit Schilfbooten auch navigieren, also Ziele aktiv ansteuern kann. Anders als bei den vorherigen Versuchen mit der Ra 1 und der Ra 2, die eher durch Meeresströmungen und konstante Winde gedriftet sind.

Heyerdahl war bewusst, dass er mit diesen Fahrten die Kontakte zwischen Peru und Polynesien nicht stichhaltig nachweisen konnte. Aber er entkräftete die Behauptung, dass die erprobten Wasserfahrzeuge nicht seetüchtig seien. Ein Argument weniger für seine Gegner – und davon hatte er mehr als genug. Viele seiner Theorien haben sich in der Welt der Wissenschaft nicht durchsetzen können.

Ob sie widerlegt wurden, sei dahingestellt. Gewissheiten sind ja auch in der Welt der Wissenschaften relativ. Ein Beispiel: Neuere genetische Untersuchungen der kalifornischen Stanford University belegen Kontakte zwischen Polynesien und Südamerika – Hunderte Jahre vor Ankunft der Spanier in Südamerika. Ob die Kontakte eher von der südamerikanischen Urbevölkerung oder von der in Polynesien ausgingen, ist noch unklar.

Es scheint daher, als würde Thor Heyerdahl noch die wissenschaftliche Absolution erhalten: Seine Grundthese erweist sich möglicherweise doch als zutreffend. In jeder Hinsicht bunt gemischte Besatzungen heuerte Heyerdahl für die drei Schilfboote Ra 1 und Ra 2 sowie Tigris an.

Die Zusammenstellung war sicher ein zusätzlicher Risikofaktor für den Erfolg dieser sowieso schon gewagten Unternehmen. Die Crew musste sich immer auch mit den beengten Verhältnissen arrangieren. Die Korbhütte auf der Ra 1 war beispielsweise nur 2,8 x 4,0 m groß – bei sieben Besatzungsmitgliedern. Nach den Beschreibungen Heyerdahls hat sich die Besatzung auch mal angeblafft – aber nie gab es ernste Animositäten.

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Thor Heyerdahl am Fuße einer Pyramide in Guimar auf Teneriffa, wo er in den 1990er Jahren archäologische Ausgrabungen durchführte.

Am 18. April jährt sich Thor Heyerdahls Tod

Mag sein, dass zwischen all den Wachen, Reparaturen und Messungen wenig Zeit für ernsthafte Konflikte blieb, und es mag auch sein, dass der gewiefte Medienmensch Heyerdahl die Wirklichkeit ein bisschen aufgehübscht hat. Allerdings hat auch der Arzt Juri Senkewitsch – Teilnehmer beider Ra-Expeditionen – in seinem Buch über die Expeditionen genauso wenig von bösen Streitereien berichtet.

Und zudem war die Besatzung der Ra 2 fast dieselbe wie die der Ra 1. Es scheint also zwischenmenschlich ganz gut gelaufen zu sein auf der Ra 1. Menschen mit unterschiedlichsten Religionen, aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten und mit teils gegensätzlichen politischen Überzeugungen können also eine Menge zusammen erreichen, noch dazu auf engstem Raum und unter hohem Erfolgsdruck. Wenn, ja, wenn sie ein gemeinsames Ziel haben und sich gegenseitig respektieren.

Mindestens dieses geglückte Experiment ist ein bleibendes Verdienst von Thor Heyerdahl. Am 18. April jährt sich sein Todestag zum 20. Mal.

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