Es ist jetzt 50 Jahre her. Ich sollte mich zwecks „Klärung eines Sachverhalts“ am 8. Juni 1971 beim Wehrkreiskommando Diesterwegstraße 1, 1055 Berlin (Prenzlauer Berg) melden. So stand es auf einer einfachen Postkarte. Die Vorladung verhieß nichts Gutes. Noch vor dem Termin hatte ich die Adresse schon mal inspiziert. Sie gehörte zu einem Gebäude, das wie ein normales Mietshaus ausschaute. Es war gleich an der Ecke zur Dimitroffstraße, die heute wieder Danziger Straße heißt.

An besagtem Dienstag trat ich pünktlich gegen 14 Uhr an. Halbe Treppe hoch rechts ein Schalter, da wies ich meine Postkarte vor und wurde aufgefordert, mit dem Fahrstuhl in das oberste (fünfte) Stockwerk zu fahren. Es erwartete mich zu meiner Überraschung kein Uniformierter, sondern ein hochgewachsener Zivilist, der mich mit einem kräftigen Handschlag begrüßte, „Lorenz mein Name“. Er führte mich in einen Raum, der – nächste Überraschung – nicht wie eine Amtsstube aussah, sondern wie ein DDR-typisches Wohnzimmer mit Teppich, Schrankwand, Sesselecke. Der Mann kam gleich zu Sache: „Was halten Sie davon, wenn wir Sie mal einziehen?“ Ich war erst mal baff. Mit trockenem Mund stammelte ich, dass ich dann wohl von der Bausoldatenregelung Gebrauch machen würde …

Auch in der DDR gab es waffenlosen Wehrersatzdienst

Hier muss ich für alle Woanders- oder Nachgeborenen eine Erläuterung einschieben: Die DDR hatte 1964 einen waffenlosen Wehrersatzdienst eingerichtet: für Soldaten ohne Waffe und ohne Eid, „Bausoldaten“ genannt (Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR über die Aufstellung von Baueinheiten vom 7. September 1964). Denn als die DDR 1961 nach dem Mauerbau zum Beginn des darauffolgenden Jahres die allgemeine Wehrpflicht eingeführt hatte, sah sich die SED-Führung plötzlich damit konfrontiert, dass immer mehr junge Männer den Dienst mit der Waffe verweigerten, obwohl sie wussten, dass ihnen Gefängnis drohte. Die Zahlen waren nicht gewaltig, aber es waren, wie man heute weiß, in den ersten beiden Jahren immerhin 1550 junge DDR-Bürger, die den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert hatten. Deshalb hatte sich insbesondere die evangelische Kirche für einen Wehrersatzdienst eingesetzt.

Der Mann ging auf meine Antwort mit der Bausoldatenregelung nicht ein. „So, so“, murmelte er. Ich suchte weitere Abwehrargumente. Meines Wissens, sagte ich, werden Theologen generell nicht eingezogen. Etwas anderes hätte ich nie gehört. Ich hatte Philosophie und Theologie studiert, wollte Pfarrer werden. Ich hatte sogar schon die Weihen empfangen, die einen zum Kleriker machen. Längst hatte ich einen anderen Weg eingeschlagen, wusste aber, dass auch „abgebrochene“ Theologen nicht eingezogen wurden.

Das gehörte zu jenen Regelungen des Konkordates zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan von 1933, die von der DDR auch weiterhin erfüllt wurden. Mit dem Thema kannte ich mich aus. Auch in gemütlichen Gesprächsrunden fand man immer schöne Beachtung, wenn man von der kuriosen Tatsache erzählten konnte, dass die DDR – ohne das Reichskonkordat offiziell anzuerkennen – einzelne Verpflichtungen daraus immer noch erfüllen würde: z.B. die Gehälter der Geistlichen zu bezahlen oder eben Theologen nicht zur Armee einzuziehen.

Woher wusste er all diese Einzelheiten?

Der Mann ließ mich eine Weile reden. Ich wollte noch anbringen, dass die DDR kaum interessiert sein dürfte, sich ausgerechnet Theologen in ihre Kasernen zu holen. Dazu kam ich aber nicht mehr. „Lassen wir das“, meinte Herr Lorenz dann und wies sich als Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes aus. Das Thema Armee war erledigt, es kam auch nicht mehr vor. Der Mann brachte etwas anderes, viel Schärferes. Er warf mir vor, für den westdeutschen Verfassungsschutz zu arbeiten! Er konfrontierte mich mit Terminen und Namen. Er wusste, dass wir uns seit Jahren regelmäßig mit Bekannten aus dem Westen trafen, um „heiße“ Fragen zu diskutieren, z.B.: Was ist mit der antiautoritären Erziehung? Gibt es einen Sozialismus mit „menschlichem Gesicht“?

Dass die Stasi uns beobachten würde, hatten wir immer vermutet. Welchen gespenstischen Aufwand sie allerdings betrieben, konnten wir erst nach Auflösung der Staatssicherheit in den BStU-Kopien lesen. Die Protokolle loben auch die Kooperationsbereitschaft von Nachbarn (Prämie 25,- M). Die Einzelheiten, mit denen mich der Stasi-Offizier allerdings damals in diesem Amtswohnzimmer konfrontierte, konnte man allein durch Beobachtung nicht erfahren haben. Bis heute habe ich mir keinen Reim darauf machen können.

Allerdings bin ich nach 1990 durch Hinweise in meinen Stasi-Akten auf die Idee gekommen, dass Informationen auch durch eine undichte Stelle im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (BMB) zur „Firma“ gelangt sein könnten. Denn die Ostkontakte unserer Gäste wurden ja gefördert (Reisekosten, Geld für Bücher und andere Mitbringsel). Das war unbürokratisch, nur ein kleiner Bericht ans BMB, damit alles seine Ordnung hat … Nur eine Vermutung, die aber gemütlicher ist, als fiese Spekulationen über die eigenen Leute anzustellen.

Er wollte das „Gespräch“ gerne fortsetzen

Aber diese Überlegungen stellte ich erst im Nachhinein an. In der konkreten Situation war ich k.o. Und damit genau da, wo der Vernehmer mich haben wollte. Erst später habe ich das richtig begriffen. Man ist hilflos! Was soll man sagen? Man kann nur beteuern: Bitte glauben Sie mir: Ich arbeite nicht für ausländische Dienste! Wie aus dem Lehrbuch, werde ich später begreifen. Aber überraschenderweise ging das „Gespräch“ plötzlich anders weiter. Wie am Anfang die Sache mit dem Wehrdienst plötzlich weg war, so war jetzt auch der Verfassungsschutz-Vorwurf verschwunden.

Mit einmal war nur noch davon die Rede, dass der Mann den Gedankenaustausch mit mir sehr interessant finden würde. Er lobte meine Intelligenz, mein breites Wissen – da wäre es doch sehr schön, meinte er, trotz aller Meinungsverschiedenheiten in Kontakt zu bleiben, das Gespräch fortzusetzen. Schon die ganze Zeit, hatte ich mich gefragt, was Herr Lorenz eigentlich wollte. Das fragte ich ihn auch. Dann kam immer dasselbe: Dass des Gespräch so nützlich wäre, dass man es fortsetzen müsste, dass man Kontakt halten sollte. Worauf ich erwiderte, dass ich das nicht möchte. Und dann er wieder, und dann ich wieder, es ging im Kreis. Das Ganze dauerte fast zwei Stunden, dann war Schluss und die Sache wurde noch mal scharf.

Der Mann sagte, das Treffen müsse „unter uns“ bleiben! Da wurde ich energisch: Wo denken Sie hin! Zu Hause wartet meine Frau, da sind Freunde, die wollen alle wissen, was los war! Natürlich muss ich erzählen! Er versuchte es noch mal: „Wir können Sie verpflichten!“ Das glaube ich nicht! Ich hatte mich einigermaßen gefasst: Sie haben mich überrascht! Eigentlich bin ich nicht von Ihnen, sondern vom Wehrkreiskommando vorgeladen worden. Verpflichtet habe ich mich zu nichts! Noch mal werde ich nicht antreten. „Müssen Sie nicht“, sagte er: „Wir kommen auf Sie zu!“

Es war wie in einem billigen Krimi

Er nannte einen Termin: Dienstag in vier Wochen, 18 Uhr. Das Gespräch war zu Ende, ich konnte gehen. Plötzlich, ich stand schon am Fahrstuhl, preschte er hinterher, er wollte die Postkarte zurückhaben. Glücklich, endlich raus zu sein, habe ich sie ihm ausgehändigt. Darüber habe ich mich später sehr geärgert. An dem besagten Dienstag, vier Wochen später, klingelte es tatsächlich um 18 Uhr. Vor der Tür stand ein Mann, den ich nicht kannte. Er stellte sich als Bezirksvorsitzender einer Partei vor, die mit der SED im „Demokratischen Block“ verbunden war. Er überreichte mir seine Visitenkarte, wollte mich sprechen. Jetzt passt es wirklich nicht, ich erwarte Besuch, sagte ich erregt und schickte ihn weg.

Unsere Wohnung lag im zweiten Stock eines runden Eckhauses in der Dimitroff, Ecke Wehlauer (heute Eugen-Schönhaar-)Straße. Plötzlich konnten wir vom Küchenfenster aus im gegenüberliegenden Hauseingang in der Wehlauer den Mann stehen sehen, der von dort aus den Eingang unseres Hauses beobachtete. Es war wie in einem billigen Krimi. Ich lief sofort runter, wollte ihn zur Rede stellen, er verschwand über den Hof (damals gab’s kaum verschlossene Haustüren). Ich lief hinterher, meine Frau sah weiter aus dem Fenster, sie sah, wie er aus dem Eingang um die Ecke in der Dimitroff kam und verschwand. Ein anderer Besuch kam nicht. Die Sache war vorbei.

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