Am Morgen danach war sich die Mehrheit der liberalen, progressiven und konservativen Journalisten ausnahmsweise einmal einig: Das Zünglein an der Waage sei die von den Republikanern bezogene Frontstellung gegen die sogenannte Critical Race Theory (CRT) gewesen. Gerade, am 2. November 2021, war nämlich nach zehn Jahren und entgegen den meisten Erwartungen mit Glenn Youngkin wieder ein Republikaner zum Gouverneur des US-Bundesstaats Virginia gewählt worden. Auch andere Republikaner trugen bei diesen ersten größeren amerikaweiten Wahlen seit Joe Bidens Amtsantritt überraschende Siege davon.

Der Name „CRT“ (übersetzbar als „Kritische Theorie des Rassismus“) dient als Überbegriff für eine Reihe zum Teil recht verschiedener Ansätze, die sich, dem jeweiligen Selbstverständnis gemäß, im Spektrum zwischen philosophisch gefärbter Gesellschaftstheorie und konkreter Methode der Rassismusanalyse beziehungsweise -bekämpfung bewegen – dazu gleich Genaueres. Auf sie berufen sich inzwischen sowohl die „Black Lives Matter“-Bewegung wie auch manche Betriebsräte und öffentliche Gleichstellungs- und Bildungsbehörden.

Ihre Kritiker, darunter die siegreichen Republikaner und besorgte Eltern, behaupten, dass Schülern, Studenten und Teilnehmern an den an vielen Arbeitsplätzen verordneten „Sensibilitätstrainings“ mithilfe dieser Theorie der Hass auf ihr eigenes Land beigebracht werde. So werde bereits Kindern im Vorschulalter eingetrichtert, sie seien, da der Rassismus die USA im Kern bestimme und sie auch historisch auf ihm gründeten, immer schon entweder Unterdrücker (Weiße) oder Opfer (Schwarze und People of Color allgemein).

Mögliche Begriffsverwirrungen um die Critical Race Theory

Die Befürworter der CRT hielten die unerwarteten Siege Youngkins und anderer Republikaner dagegen für ein höchst beunruhigendes Zeichen, dass die „White Supremacy“ stärker und die Angst der Weißen, verdrängt zu werden, größer denn je sei – schließlich zeige sich am Wahlergebnis ja, dass die Mehrheit der Weißen sich weigere, den Rassismus „kritisch“ zu analysieren. Mehr noch, Konservative, so hieß es unter anderem jüngst im Spiegel, hätten gezielt versucht, die CRT allein schon angesichts der Bestandteile ihres Namens bei der angeblich intellektuellenfeindlichen Mittel- und Unterschicht Amerikas zum Schreckgespenst einer Umsturzbewegung zu machen, die von gewaltbereiten und gleichzeitig elitär-weltfernen Linksradikalen angetrieben werde.

Um zu bewerten, ob diese Vorwürfe – oder eben jener, die CRT indoktriniere die Jugend – auch der Sache nach gerecht sind, muss man natürlich zunächst einmal in Erfahrung bringen, wofür die CRT konkret (ein-)steht und was sie mit „kritischer“ Analyse meint – und ob es „die“ CRT überhaupt gibt. Darüber, was sie denn eigentlich ist, herrscht im US-Diskurs nämlich große Uneinigkeit und es kursieren stark divergierende Definitionen.

Lohnt es sich für den deutschen Leser da überhaupt, die Streitereien über eine hierzulande noch recht unbekannte Theorie im Detail zu verfolgen? In der Tat, denn es ist zu erwarten, dass die CRT-Diskussion – wie es auch bei jenen über Black Lives Matter, Polizeigewalt, Kolonialismus, Blackfacing oder das N-Wort der Fall war – mit einer gewissen Verzögerung und in allzu mechanischer Übertragung der amerikanischen auf die hiesigen Verhältnisse auch in Deutschland verstärkt Einzug halten wird. Um es hier dann nicht zu der Vielzahl vermeidbarer Missverständnisse und Sophistereien kommen zu lassen, die den amerikanischen Diskurs prägen, gilt es also, schon jetzt gewisse Begriffsverwirrungen aufzulösen.

imago/Michael Schick
Nicht nur in den USA, auch in Deutschland kam es nach dem Mord an George Floyd zu Protesten. Wie hier in Frankfurt am Main.

Ablehnung von Antirassisten

Tatsächlich ist die CRT in den USA erst seit vergangenem Jahr, dem des Mordes an dem Afroamerikaner George Floyd und der BLM-Proteste, in aller Munde. Vorher war sie in der Regel nur Jurastudenten und Kulturwissenschaftlern ein Begriff. So hatte sich in den 80er-Jahren unter amerikanischen Rechtsprofessoren und -studenten unter ebenjenem Namen eine Bewegung formiert, deren Anliegen es war, die offenen und versteckten rassistischen und überhaupt diskriminierenden Elemente des Justizsystems der Vereinigten Staaten kritisch zu beleuchten. Nötig sei dies deshalb, so seinerzeit der Tenor, weil vor allem im Jurastudium eine Art geschichts- und gesellschaftsvergessener Formalismus vorherrsche, der das angloamerikanische Richterrecht als weltanschaulich neutrales und über Jahrhunderte logisch-begrifflich vervollkommnetes Instrument zur unbefangenen Gerechtigkeitsschaffung vermittle.

privat
Zur Person

Niklas Straetker lebt in Berlin und New York, wo er an der Columbia University an seiner literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit schreibt. Er interessiert sich für die Beziehungen zwischen Literatur, Philosophie und Recht um 1800/1900, insbesondere bei Kafka, Musil, Kleist und Schiller. 

Den frühen, vor allem im juristischen Diskurs operierenden Protagonisten der CRT – oder zumindest deren scharfsinnigsten Vertretern – ging es also darum, aufzuzeigen, dass ein derartiger „blinder“ oder eben unkritischer Formalismus, wenn er sich seiner Situiertheit und Anwendung innerhalb asymmetrischer Machtgefüge nicht bewusst ist, Gefahr läuft, bestehende Ungerechtigkeiten zu reproduzieren, anstatt zu ihrer Überwindung beizutragen. Versteht man die CRT in diesem (engeren) Sinne, so ist es nachvollziehbar, dass manche Anti-Rassisten die Ablehnung, die ihr entgegenschlägt, für ein bedenkliches Zeichen der Borniertheit halten.

Kendis „How to be an Antiracist“ und DiAngelos „White Fragility“

Das Problem ist jedoch, dass das, was sich dieser Tage und zumal seit letztem Jahr CRT nennt (oder von Gegnern so genannt wird), mit der in den 80er-Jahren entwickelten kritischen Methode beileibe nicht mehr deckungsgleich ist. Wurde schon der frühen CRT vorgehalten, ihre berechtigte Kritik am amerikanischen Rechtssystem neige zuweilen dazu, nur noch in einer zu unscharfen und damit letztlich selbst wieder unkritischen Verurteilung des Rationalitätsprinzips zu bestehen, so ist diese Verwandlung bei vielen Ansätzen, die sich erst seit kürzerem das Label CRT auf die Fahnen schreiben (oder es auf diese geschrieben bekommen), vollends abgeschlossen. Die Losung „Aufklärungsrationalität = Kolonialismus/Imperialismus“ ist zur starren Grundposition geronnen.

Das gilt vor allem für zwei programmatische Schriften, die im protestreichen letzten Jahr viel diskutiert und zu Standardwerken der neuen CRT erklärt wurden: Ibram X. Kendis „How to be an Antiracist“ (Wie man ein Antirassist wird) und Robin DiAngelos „White Fragility“ (Weiße Zerbrechlichkeit). So sehr diese von den einen als neue Wunderwaffen im Kampf gegen den Rassismus zelebriert werden, so sehr bewirken sie ob ihres monolithischen Fokus auf den Faktor der „Rasse“ bei den anderen ein fassungsloses Kopfschütteln. Tatsächlich fühlt man sich bei ihrer Lektüre nicht selten an jene letztlich seichten Absolut-Narrative erinnert, die im frühen 20. Jahrhundert im Zuge einer selektiv-missverstehenden Rezeption der komplexen Theorien von Darwin, Marx, Nietzsche oder Freud aus dem Boden schossen.

AP
Der Autor Ibram X. Kendi. Er ist Autor des Buchs „How To Be an Antiracist“‚ dem „bisher mutigsten Buch über Rassismus im westlichen Denken“.

Liegt Anti-Schwarzer Rassismus in der DNA der Vereinigten Staaten?

Wurde seinerzeit dann gleichsam jegliche zwischenmenschliche Begegnung und jegliche gesellschaftliche Institution durch das Prisma eines verbrämten „Überlebens des Stärkeren“, „Klassenkampfes“, „Willen zur Macht“ oder „Sexualtriebs“ interpretiert, so sind bei Kendi und DiAngelo alle Interaktionen immer schon durch „Rassenbeziehungen“ determiniert. Wenn Kendi etwa in seinem im letzten Jahr nachgelegten Kinder- und Erziehungsbuch „Antiracist Baby“ als siebtes Gebot aufstellt, schon das Kleinkind in der Krabbelgruppe solle „beichten, sobald es rassistische Ideen hat“, mag sich wohl selbst der eine oder andere Anti-Rassist an den Wohlfahrtsausschuss erinnert fühlen.

Ihren vielleicht wirkmächtigsten Ausdruck erhielt die Neo-CRT allerdings 2019 im von der New York Times mitbegründeten und von einer Nicht-Historikerin geleiteten „1619 Project“, einem Versuch, die Geschichte der USA auf kritische Weise neu zu erzählen – und diese neue Erzählung auch zur Grundlage für den Geschichtsunterricht an öffentlichen Schulen zu machen. „Anti-Schwarzer-Rassismus liegt in der DNA dieses Landes“, lautet die Zentralthese der Einleitung, die sonderbarerweise also ausgerechnet auf eine biologische Metapher zurückgreift. In der ersten veröffentlichten und an Schulen verschickten Fassung des Hauptaufsatzes des Projekts wurde anstelle von 1776, dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung, nun apodiktisch 1619 zum „wirklichen Gründungsmoment“ der Vereinigten Staaten deklariert, das Jahr, in dem zum ersten Mal afrikanische Sklaven nach Nordamerika verbracht wurden.

Abraham Lincoln hat die Sklaverei nicht aus Menschenliebe abgeschafft

Nach harscher Kritik seitens durchaus linksgerichteter akademischer Historiker wurde diese Behauptung als „rhetorische Geste“ entschuldigt und in späteren Versionen – im Stillen und ohne Anmerkung – abgemildert. Ferner hieß es, einer der „Hauptgründe“ für das Bestreben der Siedler, einen von England unabhängigen Staat zu gründen, habe in deren Hoffnung gelegen, dadurch weiter ungestört Sklaverei betreiben zu können; die Formulierung wurde dann später immerhin zu „für manche Siedler“ abgeschwächt. Indes finden sich in den nachgelassenen öffentlichen oder Privatschriften der Gründungsväter schlicht keine Anhaltspunkte dafür, dass die Frage der Sklaverei für den Unabhängigkeitswunsch zentral war.

Das bedeutet nun nicht, dass sie überhaupt keine Rolle gespielt hätte. Von den meisten Historikern wird das auch ohne weiteres zugestanden – leicht lässt sich zeigen, dass der Abolitionismus (Anm. d. Red.: eine Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) auf den britischen Inseln früher an Fahrt gewann als in den nordamerikanischen Kolonien. Jedoch grenzt es an Geschichtsklitterung, diesen Umstand ohne irgendeine Art von stichhaltigen Belegen zu einem der Hauptgründe für die Unabhängigkeitserklärung zu machen. Dabei war doch die wissenschaftliche, mediale und auch gemeingesellschaftliche Diskussion über die verschiedenen Motive und Hintergrundbedingungen, die zur Unabhängigkeitserklärung oder auch zum späteren Bürgerkrieg führten, in den letzten Jahrzehnten dankenswerterweise beständig komplexer und nüchterner geworden. Weit und breit wird etwa anerkannt, dass auch Abraham Lincoln nicht aus reiner Menschenliebe die Sklaverei abschaffen wollte, sondern nicht zuletzt durch utilitaristisches Effizienzdenken und überindividuelle Systemzwänge zu dieser Überzeugung gebracht wurde.

Grundlagen des „Othering“, zu Deutsch: Zum-Anderen-Machen

Viele derjenigen, die das „Project 1619“ kritisieren, stimmen so auch vollends zu, dass Rassismus in der Geschichte der USA ein gewichtiger Strukturfaktor gewesen ist und die große amerikanische Erzählung keineswegs als die eines einzigen oder auch nur überwiegenden Triumphmarsches der Freiheit, Nächstenliebe und Demokratie verfasst werden kann. Das ist nun fast zu trivial, um ausgesprochen werden zu müssen, und fraglos sollte jeder überpatriotische Amerikaner dazu gebracht werden, diesem plumpen Fortschrittsnarrativ mit Misstrauen zu begegnen. Was den (nicht nur republikanischen) Kritikern des „Project 1619“ und der Neo-CRT als Ganzer jedoch Bauchschmerzen bereitet, ist, dass die scharfe Analysearbeit, die der Mainstream der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten zur Bildung dieses Misstrauens beigesteuert hat, nun von einer ganz anderen großen Erzählung wieder zunichte gemacht zu werden droht.

Denn genau eine solche scheint doch abermals vorgetragen zu werden, wenn man den Rassismus nicht mehr „nur“ als einen unbestritten beträchtlichen und noch ausführlicher zu untersuchenden Faktor in der amerikanischen Geschichte ansieht, sondern ihn dieser auf grob deterministische Weise gleichermaßen als den einen Urgrund und Hauptzweck unterlegt. Um so argumentieren zu können, setzt die Neo-CRT nicht zuletzt das sogenannte „Othering“ (zu Deutsch etwa: Zum-Anderen-Machen) als Urprinzip voraus. Damit ist jene psycho-soziale Operation gemeint, durch die sich – tendenziell schon im persophoben alten Griechenland, vollends entfaltet aber im angeblich biologistisch-kulturalistischen Vernunftfeldzug der Aufklärung – das (okzidentale, männliche, weiße) Subjekt allererst erschaffe. Das jedoch nur mittels der Konstruktion eines abgewerteten, gleichzeitig aber gefürchteten Anderen (des Exotischen, Untermenschen, Irrationalen oder Schwarzen), der ihm immer schon als Folie diene.

Der (republikanische) Versuch, die CRT zu diskreditieren

Ist diese radikale Ablehnung der Aufklärungstradition also das Neue, das Unerhörte an der modernen CRT? Mitnichten – schließlich wird eine bis in die metaphysischen Kategorien reichende Abrechnung mit dem angeblich in fixen, einseitig abwertenden Dichotomien – neben „Ich/Anderer“ etwa „richtig/falsch“, „Vernunft/Wahnsinn“ oder „gesund/krank“ – begründeten Wahrheitsbegriff des Westens bekanntlich schon seit Jahrzehnten im Fahrwasser eines überpointierten Poststrukturalismus betrieben. Wirklich neu ist hier nur der Umstand, dass der großenteils längst bekannte Inhalt nun unter dem Namen „CRT“ verkauft wird.

Das mag deshalb lukrativ sein, weil die ursprüngliche CRT eben kein mehrheitlich freischwebender und um sich selbst rotierender geisteswissenschaftlicher Ansatz war, sondern als in der Rechtswissenschaft verankerter tatsächlich das Potenzial besaß, greifbare Änderungen in der institutionellen Wirklichkeit der USA zu zeitigen und so auch von der breiteren Öffentlichkeit ernster genommen zu werden. In diesem Falle hätten wir es bei der neuen CRT gewissermaßen mit einem Fall von Erbschleicherei zu tun. Wenn hingegen radikale antirassistische Ansätze „CRT“ nicht als Eigenbezeichnung nutzen, sondern von ihren Gegnern mit diesem Label versehen werden, könnte dahinter eben umgekehrt das (republikanische) Kalkül stecken, die CRT allein schon ob ihres akademisch klingenden Namens bei den angeblich „Bildungsfernen“ verächtlich zu machen oder auch die alte, fundiertere CRT zu diskreditieren, indem man sie mit den aus der Hüfte schießenden neuen Konzeptionen in Verbindung bringt.

Ein Mangel an Tiefenschärfe

Hinzuzufügen ist hier noch, dass – trotz ihres Namens – (leider) weder die alte noch die neue CRT substanziell in der Tradition des hierzulande als „Kritische Theorie“ bekannten dialektischen Ansatzes steht, dessen Grundlagen die Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer in den 30er- und 40er-Jahren entwickelte. Während die alte CRT als eher konkrete Analysemethode im Gegensatz zur Frankfurter Schule nicht den Anspruch hatte, eine philosophisch fundierte Gesellschaftstheorie zu erarbeiten (dies aber auch nicht musste), besitzt die neue CRT zwar gerade diesen Anspruch, wird ihm aber nicht gerecht. Denn anders als Adorno und Horkheimer, die Marxismus, Psychoanalyse und Kantisch-Hegelianische Philosophie in einem komplexen Daueraustausch aufeinandertreffen ließen, scheint die neue CRT von einer „Dialektik der Aufklärung“ nichts mehr wissen zu wollen, sondern verharrt in einer starren Vernunftfeindlichkeit, der man, ist ihr Jargon erst einmal entschlüsselt, letztlich einen Mangel an Tiefenschärfe attestieren muss.

Deshalb werden die amerikanischen Bürger wohl auch noch bei zukünftigen Wahlen in einer ziemlichen Zwickmühle stecken. Sprechen sie sich an der Urne für die (republikanische) Anti-CRT-Kandidatin aus, laufen sie Gefahr, mit ihren Stimmen nicht bloß den Einfluss der Neo-CRT in der Schuldbildung zu drosseln, sondern womöglich auch dafür zu sorgen, dass die oft stichhaltigen Beobachtungen der alten CRT oder auch grandiose Romane wie Toni Morrisons „Beloved“ aus dem Curriculum entfernt werden. Dies ist einigen Republikanern durchaus zuzutrauen. Wenn sie für den Pro-CRT-Kandidaten (etwa einen Demokraten) votieren, so droht bei dessen Sieg die begrüßenswerte „kritische Analyse“ des Rassismus durch eine große Erzählung ersetzt zu werden, die die Sklaverei und deren noch heute zu spürende Nachwirkungen zwar richtigerweise als unmenschlichstes Kapitel der amerikanischen Geschichte begreift, sich dabei aber gerade nicht mehr im kritisch-reflektierenden Urteil, sondern in einem unspezifisch-universalen Postulat von Schuld und Sühne grundiert.

Zu wünschen wäre, dass die CRT doch den Umweg über Frankfurt macht

Akzeptiert man dieses Sündenfallnarrativ, so ist es allerdings auch einfacher, von anderen gesellschaftlichen Missständen abzulenken. Es verwundert deshalb nicht wirklich, dass sowohl dem „Project 1619“ als auch Kendi und DiAngelo gerade seitens einiger sonst nicht unbedingt als menschenfreundlich bekannter Großunternehmen Sympathien entgegengebracht werden. Schließlich ist es schmerzloser, Lippenbekenntnisse zu „Black Lives Matter“ auszusprechen oder Nicht-Weiße in Aufsichtsräten zu platzieren, als Zugeständnisse bei Kündigungsschutz oder Mindestlohn zu machen. Angesichts dessen kann man verstehen, dass manche Beobachter Teile der Anti-Rassismus-Bewegung inzwischen der sogenannten „neoliberalen Linken“ zuordnen. So mag dann irgendwann die satirische Erfolgsmeldung, private Gefängnisse würden nun zunehmend auch von Afroamerikanern betrieben, zur Realität werden, die man als Fortschritt feiert.

Zu wünschen wäre zuletzt, dass die CRT für ihre dritte Iteration doch noch den Umweg über Frankfurt macht, um als endlich wirklich „kritische“ in die USA zurückzukehren. Vielleicht gelingt ihr der ein paar Monate später folgende Wiederimport nach Deutschland dann sogar in der bereits gereiften Fassung.

Literaturhinweise: Ibram X. Kendi: „How To Be an Antiracist“, Bodley Head, London 2019, 320 S., etwa 15 Euro, deutsche Ausgabe: „How To Be an Antiracist“, btb Verlag 2020. Und: Robin DiAngelo: „White Fragility: Why It’s So Hard for White People to Talk About Racism“, Beacon Press, Boston 2018, 192 S., etwa 5 Euro, deutsche Ausgabe: „Wir müssen über Rassismus sprechen: Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein“, Hoffmann & Campe 2020.

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