Berlin - Am Anfang jeder Problemlösung steht die möglichst exakte, möglichst übersichtliche Problemerfassung. Dies gilt gerade auch für das alles überragende Problem der Gegenwart: die globale Bedrohung durch Klimakatastrophe, Versauerung der Ozeane und Artensterben sowie die täglich neu erwiesene Unfähigkeit, darauf wirksam zu reagieren.

Obwohl viel dazu gesagt und geschrieben wird, fehlt erstaunlicherweise wohl immer noch eine leicht fassbare Beschreibung des Problemkerns mitsamt seiner Verursachung. Was also verhindert angemessene individuelle und gesellschaftliche Reaktionen auf die erkennbare existenzielle Bedrohung? Es ist die grenzenlose Toleranz des Klimas gegenüber dem einzelnen Menschen, das Auseinanderfallen von persönlicher und gemeinsamer Gefährdung in der dicht bevölkerten und technisch hochentwickelten Welt der Gegenwart: Was auch immer der Einzelne tut, ob er „viel fliegt, viel Fleisch isst, viele Kinder bekommt“ (so der Autor Jonathan Safran Foer), ist für das Klima unerheblich; der Einzelne kann dem Klima auch in unserer hochtechnisierten Wirtschaftsgesellschaft selbst bei bösem Willen nichts antun.

Das grüne Paradox

Erst dadurch, dass es milliardenfach geschieht und sich über Generationen hinweg wiederholt, wird menschliches Handeln auf dem erreichten Entwicklungsstand von Wissenschaft, Technik und Populationsdichte zerstörerisch und entfaltet spürbare Rückwirkungen auf die menschliche Gemeinschaft.  Erschwerend kommt hinzu, dass die Rückwirkungen regelmäßig nur mit erheblichen Verzögerungen sowie blind zuschlagen. Wenn sie nämlich zuschlagen, scheren sie sich nicht darum, ob die Getroffenen als Vielflieger, Fleischesser, Eltern etc. selber zu den Klimaproblemen beigetragen haben oder nicht.

Diejenigen mit den kleinsten ökologischen Fußabdrücken, etwa die überwiegend einkommensschwachen, nicht motorisierten Anwohner der großen, belasteten Hauptverkehrsstraßen, die Bewohner der Slums in Haiti oder der Niederungen des Ganges, trifft es oft am härtesten. Besonders problematisch ist jedoch, dass einsichtiger, verantwortungsbewusster individueller Verzicht auf besonders umweltschädigendes Verhalten, wo es denn – selten genug – anzutreffen ist, letztlich die Gefahren für Umwelt, Klima und Arten nicht entschärft. Individuelle Verzichtsleistungen, die im Übrigen auch nicht von allen aufgebracht werden können, ermöglichen nämlich all jenen, die unbeschwert weitermachen wie bisher, unbekümmerten, zusätzlichen Verzehr. Dies ist das tragische, grüne Paradox.

Es gilt im Kleinen wie im Großen: Wenn einzelne Staaten zum Beispiel ihren Verbrauch fossiler Energien einschränken, dann sinken die Preise für Kohle, Gas und Öl. Andere Staaten können und werden dann mehr davon verbrauchen, zumal die Förderländer ihre Schätze nicht unverwertet im Boden liegen lassen; notfalls werden sie sie sogar verramschen. Demgemäß strebt der globale Verbrauch fossiler Energien – allen ständigen, anderslautenden Bekundungen für schnelle Klimaneutralität zum Trotz – gegenwärtig einem Gipfelpunkt entgegen. Insbesondere die Kohle ist im Vormarsch, und die fossilen Brennstoffreserven reichen bei derzeitigem Verbrauch noch hundert Jahre.

imago/Cameron Davidson
Was verhindert angemessene Reaktionen auf die existenzielle Bedrohung?

Strom weltweit: Der Gesamtverbrauch steigt

Dazu ein paar harte Fakten. Während 1991 in den Regionen Afrika, Naher Osten, Asien und Pazifik noch 1069,3 Millionen Tonnen Kohle gefördert wurden, waren es 2020 schon 6107,1 Millionen Tonnen; Förderung und Verbrauch haben sich also knapp versechsfacht. Der Anteil des mit erneuerbaren Energien hergestellten Stroms ging in Deutschland im vergangenen Jahr um 18,6 Prozentpunkte zurück - zugunsten konventionell erzeugten Stroms. Bis 2040 wird damit gerechnet, dass der Anteil konventionell erzeugten Stroms weltweit zwar von derzeit 70,5 auf 62 Prozent zurückgeht; der Strom aus erneuerbaren Energien wächst aber wohl nur von 15,6 auf 23 Prozent (zum Vergleich das Wachstum der Kernenergie: von 13,9 auf 16 Prozent).

Da der Gesamtverbrauch zunimmt, beinhaltet der sinkende Anteil des konventionell erzeugten Stroms eine absolute Zunahme. Dementsprechend befeuert China sein Wirtschaftswachstum mächtig per Kohleverstromung. Der Journalist Gabor Steingart resümiert: „Das zur Schau gestellte Klimabewusstsein von Politikern und Medien kontrastiert mit der Tatsache, dass die Förderung, der Verkauf und der industrielle Verbrauch fossiler Brennstoffe einem Allzeithoch entgegenstreben.“ 

Ordnungspolitische Instrumente, die gegen diese existenzbedrohende Entwicklung wirksam helfen würden, sind durchaus vorhanden. Zu nennen sind vor allem kostenwahre Preise (Preise, welche die externen Kosten der Waren und Leistungen enthalten), des Weiteren namentlich Gebote/Verbote sowie Rationierungen und Kontingentierungen. Diese Instrumente wirken überwiegend demokratisch-egalitär, denn sie treffen alle gleich. Trotzdem sind sie extrem unpopulär; ein übler Ruf ist ihnen erfolgreich angehängt worden. Aus diesem Grund kommen die ordnungspolitischen Instrumente – zumal unter den Bedingungen einer parlamentarischen Demokratie sowie freier internationaler Abkommen – regelmäßig erst dann zum Einsatz, wenn das Wasser Oberkante Unterlippe steht, sprich sobald und soweit die Grenze ertragbarer Umweltbelastung für die Beteiligten sich unmittelbar erkennbar abzeichnet.

Daher gilt: Der Verzicht der Einsichtigen verlängert den Verzehr der Uneinsichtigen und Gedankenlosen; kollektives, problemgerechtes Handeln kommt, wenn überhaupt, nur in Ansätzen oder zu spät zustande. „Nicht ich/nicht wir/nicht jetzt/nicht so/zu spät“, heißt es deshalb allenthalben. Währenddessen wächst die ökologische Belastung ohne Unterlass. 

Technische Lösungen retten uns nicht

Deshalb die Frage: Was kann in dieser existenzbedrohenden Lage Rettung oder doch wenigstens einen Zeitgewinn bringen? Technische Lösungen jedenfalls nicht, insbesondere keine groß- oder gar geotechnische wie CCS (Carbon Capture and Storage), Ausbringung von Eisensulfat in die Meere oder von Sulfat-Aerosolen in die Atmosphäre. Unter dem Strich ist Technik nicht Lösung, sondern Problem. Weil sie regelmäßig mittel- oder unmittelbar mit erhöhtem CO2-Ausstoß verbunden sind, sind es gerade die hochentwickelten technischen Fähigkeiten, welche die immer dichter verbreitete Menschheit in die aktuelle Lage gebracht haben. Technische Lösungen haben im Laufe der Zeit neue, unvorhergesehene Probleme geschaffen; Probleme, die regelmäßig größer waren als diejenigen, die mit ihrer Hilfe gelöst wurden. Mit mittelalterlicher Technik dagegen konnte man das Erdklima nicht aufheizen.

Einen gangbaren Pfad weg vom Abgrund weist Arbeitszeitverkürzung. Arbeitszeitverkürzung zu hinreichenden Löhnen heißt verlängerte Freizeit, Zeitwohlstand. Wie von der modernen Arbeits- und Verhaltensforschung bestätigt, ist Zeitwohlstand einerseits eine Quelle weiterer Produktivitätsfortschritte – ausgeruhte, entspannte Menschen arbeiten effektiver und kreativer. Anderseits ist Verkürzung der Wochen- oder Lebensarbeitszeit das bestgeeignete Mittel, um die unhaltbar gewordenen Verbindung zwischen dem Wachstum der Produktivität und dem Wachstum der Wirtschaft aufzulösen. Denn Produktivitätsgewinne können statt für Wirtschaftswachstum auch zur Verkürzung der Arbeitszeit genutzt werden (sowie zur Kombination von Wachstum und Freizeitgewinn): Mehr freie Zeit statt noch mehr Waren und Dienstleistungen.

Zusätzlich ebnen Arbeitszeitverkürzungen den Weg zu Vollbeschäftigung. Damit verbessern sie die Chancen für eine leistungsgerechte Primärverteilung der jährlichen gesellschaftlichen Wirtschaftsleistung, eine Verteilung, die zugleich Wirtschaftskrisen zu verhindern hilft und die Chancen für sozialen Ausgleich ohne besondere staatliche Steuerung verbessert. Außerdem entfalten vermehrte Freizeit/verkürzte Arbeitszeit keinen sonderlichen Investitionsbedarf, folglich keinen nennenswerten zusätzlichen Steuer- und/oder staatlichen Kreditbedarf: Arbeitszeitverkürzung ist frei von Schulden, Steuern und sonstigen gesellschaftlichen Belastungen erhältlich. Die schwarze Null in öffentlichen Haushalten jedenfalls wird durch vermehrte Freizeit nicht gefährdet.

imago/Chris Emil Janßen
Vorschlag: Mehr freie Zeit statt noch mehr Waren und Dienstleistungen.

Arbeitszeitverkürzungen als wirksamste Medizin

Obendrein steigert Zeitwohlstand die Zufriedenheit; Arbeitszeitverkürzung sichert die erforderliche physische und psychische Entspannung, hilft gegen Rückenprobleme und Depressionen, gegen Burn-outs und Schlaflosigkeit als den neuen Volkskrankheiten; kurz: Im Zeitwohlstand fallen Umweltschutz und Menschenschutz zusammen. Arbeitszeitverkürzung auf dem erreichten Stand von Wissenschaft und Technik ist deshalb die wirksamste und kostengünstigste Medizin, über die wir verfügen.

In unserer hochproduktiven Wirtschaft kann uns Zeitwohlstand jenes Maß an persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Entspannung verschaffen, welche unverzichtbare Voraussetzung für jene Konsensfähigkeit und Mobilisierungskraft ist, die uns vom Weg in den Abgrund abbringt und zu eingreifendem, zielführendem Gestalten unserer (Um-)Welt zu führen vermag. Dabei muss Zeitwohlstand mit sozialem Ausgleich einhergehen. Denn ohne sozialen Ausgleich sind Umwelt- und Klimaschutz nicht erhältlich: „Ihr fürchtet das Ende der Welt, wir fürchten das Ende des Monats“, skandierten die Gelbwesten noch unlängst in Frankreich.

Eine gespaltene Gesellschaft ist unfähig, die ökologische Mammutaufgabe zu bewältigen. Auf dem erreichten Stand der Produktivität gilt deshalb: Wenn etwas in unserer existenzbedrohten Lage noch weiter wachsen darf, ja wachsen muss, dann ist es die Freizeit. Befriedigender sozialer Ausgleich vorausgesetzt, braucht sich um die Grenzen ihres Wachstums niemand Sorgen zu machen. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.