Was das Sommerhaus von Albert Einstein und das Schneefernerhaus auf der Zugspitze verbindet

Die Firma Christoph & Unmack AG hatte ihren Sitz in Niesky in der Oberlausitz. Sie revolutionierte den Holzbau und schenkte der Zugspitze und Albert Einstein ein Haus.

Das Schneefernerhaus auf der Zugspitze.
Das Schneefernerhaus auf der Zugspitze.Hartmut E. Lange

Außergewöhnliche Geschichten beginnen oft ganz banal, diese mit einem mürrischen Vater. Alljährlich im August findet bei uns in Dießen ein Flohmarkt statt. Ich hatte keine Lust hinzugehen, null Bock hätte meine Tochter dazu gesagt. Ich befand mich gerade in einer Phase des Abstoßens von Dingen, einer Phase der Reduktion, wie es ein Freund so treffend formuliert hatte. Und die Gefahr besteht schließlich immer, wenn man einen Flohmarkt besucht, selbst mit dem Vorsatz, nichts kaufen zu wollen und nur zu schauen, dass man am Ende doch wieder mit fünf Büchern unterm Arm und einer alten Messinglampe nach Hause kommt, die leider nicht mehr funktioniert, aber so aussah, als müsse man sie unbedingt besitzen.

Ganz anders ging es meiner Tochter, Leonie hatte Bock auf Flohmarkt, und zwar mächtig. Angeblich brauchte sie dringend eine Jacke, aus Jeansstoff oder aus Leder, und ich sollte ihr Styling-Berater sein. „Ach bitte Papa, komm doch mit“, bettelte sie und sah mich mit diesem Augenaufschlag an, bei dem Väter einknicken. Wenn eine 16-jährige Tochter so einen Satz sagt, sollte man sich als Vater darüber im Klaren sein, dass diese Bitte in Zukunft nicht mehr so oft zu hören sein wird – also ging ich mit.

Bestimmung oder Zufall?

Das weitläufige Gelände rund um den Dampfersteg war mit mehr als hundert Tischen zugestellt, Händler aus ganz Süddeutschland waren angereist. Dazwischen wimmelte es von Menschen wie in einem Ameisenhaufen. In sommerlicher Fröhlichkeit und von Urlaubsstimmung geprägter Kauflaune flanierten die Leute durch die Gassen zwischen den Ständen. Hitze und viele Menschen, dicht gedrängt auf einen Haufen, genau das war es, weshalb ich nicht zum Flohmarkt wollte, ich sehnte mich nach dem schattigen Platz an meinem Schreibtisch.

Und dann geschah etwas, wo ich mich noch heute frage: Wie funktioniert so was, wie laufen diese Dinge ab im Leben? Ist es reiner Zufall oder von irgendwoher gesteuerte Bestimmung? Aber an so was glaube ich nicht.

Seit Wochen beschäftigte ich mich mit der Geschichte eines Unternehmens, das in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Pionierarbeit auf dem Gebiet des Holzhausbaus geleistet hatte. Die Firma war bekannt und gefragt, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Neben zahlreichen namenlosen Holzbauten, von denen noch etliche existieren, gab es einige prominente Aufträge in der über 100-jährigen Firmengeschichte. Zum Beispiel die höchste Herberge Deutschlands auf der Zugspitze, sie war von der Christoph & Unmack AG erbaut worden. Dieses Touristenheim, ein fünfgeschossiges Holzhaus im Stil der Moderne, war 1930 das erste Gebäude der Hotelanlage Schneefernerhaus. Bei einem Lawinenabgang im Mai 1965 wurde das Haus so stark beschädigt, dass man es abreißen musste. Und nun hielt ich das Erbauerschild in den Händen. Wie war es dazu gekommen?

Der Grundriß des Schneefernhauses.
Der Grundriß des Schneefernhauses.Hartmut E. Lange

Wir schlenderten zwischen den Tischen entlang, wahllos verweilten wir mal hier und mal da, manchen Ständen schenkten wir auch gar keine Beachtung. „Schau mal Papa, aus deiner Firma“, rief Leonie plötzlich und hielt einen Skischuh mit der Aufschrift LANGE in die Höhe. Als sie als kleines Mädchen zum ersten Mal Skifahrer mit ihrem Namenszug an den Füßen auf der Piste entdeckt hatte, hab ich ihr erklärt, dass es nie schaden kann, ein zweites finanzielles Standbein zu haben. Und dass ich von meiner Firma in Nordamerika kein großes Aufheben machen wollte, leuchtete ihr ein. Dieser Witz hatte inzwischen einen langen Bart in unserer Familie, aber um ihn auf dem Flohmarkt noch mal aufzuwärmen, dafür fand ihn meine Tochter gut genug.

Eine Erinnerung aus der Geburtsstadt

Ich wäre niemals an diesem Stand stehen geblieben, durch den LANGE-Schuh nun aber doch. Ich schaute mich ein wenig zwischen den Auslagen um. Lauter billiges Zeug, Poltergeschirr, jede Menge Krimskrams, der übliche Flohmarktramsch. Dazwischen ein unscheinbares Metallschild, nicht größer als ein A4-Blatt, mit schwarz brünierter Oberfläche, leicht verschmutzt. Auf dem Schild prangte eine erhabene Schrift, und ich traute meinen Augen kaum, was ich da las. Leonie war bereits ein paar Tische weiter und wunderte sich, wieso ihr Vater noch immer an dem Skischuh festhing. Also kam sie zurück und schaute mir über die Schulter. „Niesky?“, fragte sie überrascht. „Ist das nicht das Nest, in dem du geboren bist?“ Ich nickte nur, denn ich war sprachlos über diesen außergewöhnlichen Fund.

Als das Touristenheim Mitte der 60er-Jahre abgerissen werden musste, hatte offenbar irgendjemand das Erbauerschild gerettet, und nun war es auf dem Flohmarkt in Dießen am Ammersee aufgetaucht. 35 Jahre lang hing es in 2650 Meter Höhe auf dem höchsten Berg Deutschlands neben der Eingangstür des Schneefernerhauses und verkündete den Besuchern, wer dieses riesige Gebäude aus Holz, so elegant wie ein Schwalbennest, an die Felswand geklebt hatte.

Leonie sah mich erstaunt an, denn sie kannte meine Recherchen der letzten Wochen, hatte Fotos und Baupläne vom Hotel auf der Zugspitze auf meinem Schreibtisch gesehen, und ich hatte ihr stolz erzählt, dass „meine Nieskyer“ mal ganz oben waren.

Wir bauen Deutschlands höchstes Hotel auf der Zugspitze!

Wieso steht dieser Händler an diesem Sonntag in Dießen, und nicht in Ulm, Nürnberg oder Erfurt? Wieso gehe ich – trotz großer Lustlosigkeit – doch auf den Flohmarkt? Wieso bleibe ich gerade an diesem Tisch stehen? Wieso finde gerade ich dieses Schild?

„Was für ein Zufall!“, murmelte ich mit ungläubigem Kopfschütteln. „Das ist kein Zufall, Papa“, widersprach meine Tochter im Tonfall tiefster Überzeugung. „Das Schild hat hier auf dich gewartet“. Mir gefiel diese Erklärung.

Als 1928 eine Zahnradbahn auf die Zugspitze geplant wurde, haben die Bauherren vermutlich gedacht: Gemütlich fährt man eine Stunde bergauf, steigt aus dem schicken Waggon, und wenn das Wetter mitspielt, hat man einen atemberaubenden Blick über die schneebedeckten Gipfel: die Plattspitzen, den Höllenkopf, die Riffelwandspitze, den Waxenstein, den Manndl und wie sie alle heißen. Und wenn man das gesehen hat, was dann? Eine Weißwurst und ein Bier wären nicht schlecht, oder Kaffee und Kuchen. Aber wo? Also war sich die Chefetage der kürzlich gegründeten Bayerischen Zugspitzbahn AG schnell einig, dass da oben ein schönes Haus hinmusste, mit Restaurant und Übernachtungsmöglichkeiten. Der Plan für die Hotelanlage, benannt nach dem Gletscher auf dem Zugspitzplatt, dem Schneeferner, war geboren.

Zwei Jahre später herrschte große Aufregung in Niesky, einer Zehntausend-Seelen-Gemeinde in der Lausitz. Neben Jubel über den besonderen Auftrag flossen auch Tränen, erzählte Bauleiter Arthur Ritschel Jahre später seiner Enkeltochter. „Zwei Monate weg von zu Hause, klagten junge Ehefrauen. Wir Männer waren da ganz anderer Meinung: So was passiert nur alle hundert Jahre, und wir können dabei sein. Wir bauen Deutschlands höchstes Hotel auf der Zugspitze!“ Mit „wir“ meinten sie ihre Firma, den größten Arbeitgeber der Region, die Christoph & Unmack AG, älteste und größte Spezialfabrik für Holzbauten aller Art.

Die Mannschaft wohnte in Holzhütten im Basislager auf 1700 Meter

Ihre bisher außergewöhnlichste Baustelle befand sich auf 2650 Meter Höhe an einem 45 Grad steilen Hang. Kein Problem, dachten die Lausitzer Holzbau-Spezialisten, schließlich war es bereits Frühsommer. Sie hofften auf einen sonnigen Arbeitsplatz mit wunderschöner Aussicht. Doch dann waren sie ziemlich überrascht von den widrigen Bedingungen da oben, als sie Ende Mai 1930 den Bauplatz betraten. Woher sollten sie es auch wissen; die höchsten Erhebungen in ihrer Heimat waren alles andere als alpines Gelände, zwei Rodelberge, Sonnenhügel und Katzenbuckel, keine zwanzig Meter hoch. „Meine Männer sind fast am Verzweifeln“, schrieb der Bauleiter auf einer Postkarte an seine Frau. „Seit Tagen schneit es hier oben. Morgens, wenn wir aus den Hütten treten, ist das Baumaterial weg.“ Immer wieder verschwanden Balken und Bretter unter einer dicken Schneedecke. Dann war erst mal Schneeschippen angesagt, bevor die eigentliche Arbeit beginnen konnte.

Ein Werbeprospekt aus den 1950er Jahren.
Ein Werbeprospekt aus den 1950er Jahren.Hartmut E. Lange

Die Mannschaft wohnte in Holzhütten im Basislager auf 1700 Meter, gemeinsam mit über 1000 anderen Arbeitern, die seit zwei Jahren Bahngleise über steile Hänge und durch zähe Felswände in die Höhe trieben. Auf 19 Kilometern Streckenlänge mussten 1900 Meter Höhenunterschied überwunden werden; eine ingenieurtechnische Meisterleistung, nur möglich durch zahlreiche Sprengungen und komplizierte Tunnelbauten. Der Transport zum Bauplatz erfolgte mit mehreren Hilfsseilbahnen. Zu sechst schwebten die Arbeiter in offenen Holzgondeln, die wie riesige Schweinetröge aussahen, über Baumwipfel und tiefe Schluchten. Trotz aller Widrigkeiten: In einer Rekordzeit von nur 39 Tagen errichteten die Nieskyer ein beeindruckendes fünfgeschossiges Hotel, mit Gaststätte, moderner Küche und über 100 Betten. Am 8. Juli 1930 wurde das Touristenheim, gemeinsam mit der Zugspitzbahn, eingeweiht.

Am 15. Mai 1965 zerstörte ein alpines Naturereignis das Haus

Durch die fertige Bahnstrecke konnte nun viel einfacher und schneller Material für den zweiten, aus Stahl und Beton geplanten Gebäudekomplex nach oben transportiert werden. Bereits am 20. Juni 1931 empfing das Luxushotel Schneefernerhaus seine ersten zahlungskräftigen Gäste.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anlage für Deutsche gesperrt, Touristenheim und Luxushotel wurden Recreation Facility der US Army, Erholungsstätte für GIs. 1952 gingen die Gebäude zurück in deutsche Hand und wurden wieder für Zivilisten geöffnet.

Auf allen Bauplänen wird das hölzerne Schneefernerhaus als provisorisches Touristenheim bezeichnet. Wie lange dieses prächtige Provisorium existieren sollte, wurde aber nirgends erwähnt. Am 15. Mai 1965 beantwortete ein alpines Naturereignis diese Frage. Ein gewaltiger Lawinenabgang forderte zehn Menschenleben, hinterließ zahlreiche Verletzte und beschädigte das Gebäude so stark, dass es abgerissen werden musste. Das verbliebene Luxushotel schloss Anfang der 90er-Jahre seine Pforten. Heute beherbergen die robusten Steinbauten eine Umweltforschungsstation.

Aber was hat das alles mit dem Sommerhaus von Albert Einstein zu tun?

Als ein Mann Einstein ein Holzhaus bauen wollte

Eine Baustelle mit prominentem Auftraggeber hatten die Lausitzer Holzbau-Spezialisten bereits ein Jahr vor dem Großprojekt auf der Zugspitze. 1929 plante die Stadt Berlin, dem Nobelpreisträger Albert Einstein zum fünfzigsten Geburtstag ein Haus im Grünen zu schenken. Einstein hatte verlauten lassen, dass er ein Holzhaus bevorzugen würde. Als das der leitende Architekt der Christoph & Unmack AG zufällig in einer Fachzeitschrift las, hatte er eine größenwahnsinnige Idee, wie er Jahre später in einem Interview erzählte: „Ich war wild entschlossen, das Haus für Albert Einstein baue ich!“

Noch am selben Tag fuhr der 28-jährige Konrad Wachsmann – damals noch ein Unbekannter in der Branche – in die 200 Kilometer nördlich gelegene Hauptstadt. Im Berliner Telefonbuch fand er Einsteins Adresse, klingelte wenig später in der Haberlandstraße 5, und stand dann einer rundlichen Dame gegenüber. „Elsa Einstein war sehr abweisend“, erinnerte sich Wachsmann. „Ein barsches ‚Was wollen Sie?‘ war die Begrüßung.“ Seit ihr Ehemann 1921 den Nobelpreis bekommen hatte, tauchten immer wieder Maler und Fotografen auf, die vorgaben, die Besten ihres Faches zu sein, und Einstein porträtieren wollten. Wachsmann behauptete ebenfalls, der Beste seines Faches zu sein, womit er den Bau von Holzhäusern meinte. Als er verriet, dass Chauffeur und Wagen vor der Haustür warteten und man gemeinsam das von der Stadt Berlin empfohlene Grundstück besichtigen könne, taute die kühle Professorengattin allmählich auf. Dass die schicke Limousine samt Fahrer vom Berliner Büro seines Arbeitgebers ausgeliehen war, verschwieg der verwegene Besucher. Am Ende der mehrstündigen Besichtigungstour war das Eis gebrochen, Elsa lud Wachsmann ein: „Kommen Sie doch morgen zum Abendessen, Einstein ist dann auch da“.

Der Bau für Einsteins Haus begann 1929

Voller Euphorie zeichnete Wachsmann noch während der Rückfahrt im Zug erste Entwürfe. In Niesky angekommen, ging er in sein Büro und arbeitete die ganze Nacht durch. Am nächsten Morgen gab er den Ingenieuren und Zeichnern fünf Stunden Zeit, um seine Skizzen in konkrete Baupläne umzusetzen. Am frühen Nachmittag eilte er mit mehreren Papierrollen unterm Arm erneut zum Bahnhof, und am Abend saß er beim berühmtesten Physiker der Welt am Tisch. Grundsätzlich gefielen Einstein die Entwürfe, einige zu modern geratene Details musste Wachsmann jedoch ändern, um sie dem eher konservativen Geschmack des Auftraggebers anzupassen.

Albert Einsteins Sommerhaus in Caputh.
Albert Einsteins Sommerhaus in Caputh.Hartmut E. Lange

Bauherr Albert Einstein! Da wollte der junge Architekt natürlich keinen Fehler machen, deshalb ließ er das Haus in einer riesigen Montagehalle in Niesky probehalber aufstellen. Danach reiste er, begleitet von zehn Fachleuten der Christoph & Unmack AG, nach Caputh bei Potsdam, um Ende August 1929 mit dem Bau des Sommerhauses zu beginnen.

Die Geschichte von Konrad Wachsmann

Ein Geburtstagsgeschenk ist allerdings nie daraus geworden. „Wieso sollen wir diesem Juden ein Haus schenken?“, stichelten immer wieder Deutsch-Nationale provokant gegen den Berliner Bürgermeister Gustav Böß, dessen Idee die Schenkung gewesen war. Als Einstein von den Streitigkeiten erfuhr, bezahlte er Grundstück und Haus aus eigener Tasche. Am 2. Oktober 1929 konnte er sich endlich in seinem neuen Arbeitszimmer an den Schreibtisch setzen, den auch Konrad Wachsmann entworfen hatte, und erste Briefe mit der neuen Adresse im Briefkopf schreiben. Caputh wurde die nächsten drei Jahre Einsteins Sommeridyll.

Niesky hat einiges zu bieten, was an die Christoph & Unmack AG und ihre 3800 Mitarbeiter von damals erinnert. In den 1920er-Jahren hatte die Firma mehrere Holzhaussiedlungen im Ort errichtet, Musterhäuser, in denen Werksangehörige wohnten. Noch heute existieren über 80 Häuser und eine Holzkirche aus dieser Zeit, die Teile des Stadtbildes prägen und eine Art Freilichtmuseum für Architekturinteressierte darstellen. Die einstige Direktorenvilla in der Goethestraße 2 wurde 1927 erbaut, sie ist neben Einsteins Sommerhaus das einzige noch existierende Holzhaus von Konrad Wachsmann in Deutschland. Das zu DDR-Zeiten heruntergekommene Objekt wurde mit Mitteln des Bundes und des Freistaates Sachsen aufwendig restauriert, seit 2014 ist das Konrad-Wachsmann-Haus der Öffentlichkeit zugänglich.

Der begabte Architekt hatte 1932 den Rom-Preis der Preußischen Akademie der Künste erhalten, der mit einem Stipendium und dem Aufenthalt in der Villa Massimo verbunden war. Nach der Machtergreifung der Nazis gab Wachsmann den Preis zurück, lebte aber bis 1938 weiterhin in Italien. Danach ging er nach Frankreich, wo es nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen für ihn lebensgefährlich wurde, denn Wachsmann war Jude. Durch die intensive Unterstützung Albert Einsteins, der inzwischen in Princeton lebte, gelang es ihm, 1941 in die USA zu emigrieren. Wachsmann gilt heute als Pionier des industriellen Bauens und der Präfabrikation, der in Forschung und Lehre wesentlich zur Entwicklung des modernen Holzbaus beigetragen hat.

Meine zögerliche Haltung zu Flohmarktbesuchen habe ich aufgegeben

„Alles, was dann kam und in Berlin, New York, Tokio, Chicago, Moskau, Paris, Rom, Zürich und Warschau geschah, das alles begann in Niesky, einem Dorf der Herrnhuter Brüdergemeine. In dieser Holzfabrik entdeckte ich den Weg, der mich zum Wendepunkt im Bauen führte“, sagte Konrad Wachsmann in einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahre 1980.

Nach einigen Monaten auf meinem Schreibtisch hat das Erbauerschild einen neuen Platz gefunden. Es kehrte zurück zu den Wurzeln und liegt in einer Vitrine im Konrad- Wachsmann-Haus, das zum Museum Niesky gehört. Das schwarzbraun lasierte Gebäude mit den schneeweißen Fensterrahmen ist ein architektonisches Kleinod. Sowohl die klaren Formen als auch die intensive Farbgebung im Innern lassen den Eindruck entstehen, es handle sich um einen hölzernen Bruder der Dessauer Bauhaus-Meisterhäuser. Die in Blockbauweise errichtete Villa belegt sehr anschaulich, wie die Ideen der Moderne auch auf diesem Spezialgebiet der Architektur – dem Holzhausbau – bereits in den 20er-Jahren in den Köpfen junger Architekten wie Konrad Wachsmann Einzug gehalten hatten.

In der Dauerausstellung „Holzbauten der Moderne“ ist das Schild das einzige Überbleibsel des Touristenheims, ein Artefakt, das neben Fotos an das Schneefernerhaus auf der Zugspitze erinnert. Meine zögerliche Haltung zu Flohmarktbesuchen habe ich seit diesem wunderbaren Zufallsfund aufgegeben. Und dass Konrad Wachsmann meine Heimatstadt ein Dorf genannt hat, das hab ich ihm postum verziehen.

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