Barbara Fickert ist Gründerin des Blogs „Blindgängerin“ und Initiatorin der gemeinnützigen „Kinoblindgänger GmbH“. Sie lebt seit 34 Jahren in Berlin. Kurz vor ihrer Einschulung hieß es, die Blindenschrift müsse sie nicht lernen, aber der Besuch einer Sonderschule für Sehbehinderte sei unumgänglich. Sie wurde in einer solchen eingeschult, hat aber später das Abitur an einem Regelgymnasium absolviert. Dass sie heute wieder lesen und schreiben kann, funktioniert nur dank einer vor Jahren entwickelten und seitdem stets verbesserten Sprachsoftware. Im Dezember 2013 lernte sie die „Greta und Starks App“ kennen, die Sehbehinderten Audiodeskriptionen im Kinosaal zugänglich macht. Ein Gespräch über ihre Leidenschaft zum Kino, ihre Arbeit als sehbehinderter Mensch und barrierefreies Kino.

Frau Fickert, wie definieren Sie Behinderung?

Mitte der 1960er-Jahre wurde nach vielen Untersuchungen festgestellt, dass ich hochgradig sehbehindert bin. Mein Sehrest bewegte sich damals zwischen sechs und sieben Prozent. Inzwischen bin ich im Grunde per Definition komplett blind. Ob man nun Behinderung oder Beeinträchtigung sagt, sehe ich persönlich leidenschaftslos.

Ihr Werdegang wurde stark durch Ihre Sehbehinderung geprägt.
Gab es Augenblicke, die besonders schwierig oder besonders schön waren?

Meine Eltern bekamen die Diagnose meiner Sehbehinderung, als ich fünf Jahre alt war. Trotzdem haben sie mich viele meiner Aktivitäten weitermachen lassen: Ich lernte Fahrradfahren, wurde auf Ski gestellt und durfte reiten – das hat mir viele schöne Erinnerungen geschenkt. Schwierig für mich war meine Zeit auf der Grundschule für Sehbehinderte. Wir wurden aufgrund unserer Behinderung von den sehenden Kindern auf dem Schulhof gehänselt. Ich war sehr froh, dass ich später auf ein reguläres Gymnasium wechseln konnte. Das war im Nachhinein die perfekte Inklusion, nur dass es den Begriff damals noch nicht gab. Schwierig war die Phase mit Anfang 20, als viele ihre ersten festen Freunde hatten. Als ich später von Heidelberg nach Berlin gezogen bin, habe ich recht schnell meinen heutigen Partner Jürgen kennengelernt, mit dem ich seit 1985 zusammenlebe.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Sehbehinderung schon früh Gedanken gemacht, was Sie in Ihrem Leben erreichen wollen?

Kurz vor Ende der Schulzeit war ich bei einem Berufsförderungswerk. Dort konnte man seine Berufswünsche bewerten lassen und sich Tipps abholen. Ich hatte mich damals für die Berufe Toningenieurin, Dolmetscherin und Logopädin interessiert. Von allen dreien wurde mir abgeraten und mir wurde gesagt, ich solle Masseurin oder datenverarbeitende Kauffrau werden. Da ich auf beides keine Lust hatte, dachte ich mir, ich mache mein eigenes Ding und habe mich an der Uni in Mannheim für Betriebswirtschaft eingeschrieben. Das ging daneben, weil ich in Mathematik ziemlich mies war. Es gab aber einen Kurs in Rechtswissenschaften in diesem Studium, und ich habe gemerkt, dass mir das Spaß macht, also habe ich mich in Heidelberg für Jura eingeschrieben. In der Schule wussten alle, dass ich sehbehindert war. In Mannheim habe ich versucht, das zu vertuschen – wahrscheinlich aus Eitelkeit. Irgendwann bekam ich mit, dass ich als arrogant galt, weil ich nicht zurückgrüßte, weil ich logischerweise nicht immer erkannte, wenn mich jemand grüßte. Im Jurastudium in Heidelberg habe ich dann immer direkt beim ersten Kontakt gesagt, dass ich sehbehindert bin. Irgendwann wusste das ganze Semester Bescheid, und ich hatte dort eine gute Zeit. Anschließend bin ich nach Berlin gezogen und habe dort weiterstudiert, nur das Examen habe ich versemmelt. Dann kam Jürgen in mein Leben. Der hatte einen Kurierdienst, bei dem ich angefangen habe zu arbeiten. Dort bin ich beruflich reingewachsen, war im Büro, habe Aufträge angenommen und verteilt. Im Nachhinein hätte ich schon gern etwas mit Jura gemacht, aber mir war schnell klar, dass ich dafür Assistenz gebraucht hätte, worauf ich keine Lust hatte. Ich arbeite doch lieber möglichst selbstständig.

Andi Weiland
Zur Person 

Barbara Fickert ist Gründerin des Blogs „Blindgängerin“ und Initiatorin der gemeinnützigen „Kinoblindgänger GmbH“.

In Heidelberg und Berlin hat sie ein Jurastudium begonnen, aber nicht abgeschlossen. Später arbeitete sie als Logistikerin.

Im Dezember 2013 lernte sie die „Greta und Starks App“ kennen, die Sehbehinderten Audiodeskriptionen im Kinosaal bietet. Sie setzt sich dafür ein, dass mehr Filme für Sehbehinderte zugänglich werden.

Wann haben Sie das erste Mal Ihre Leidenschaft fürs Kino entdeckt?

Meine Eltern waren leidenschaftliche Kinogänger und haben mich früh mit ins Kino genommen. Der erste Film, an den ich mich bewusst erinnere, war „Vier Fäuste für ein Halleluja“ mit Bud Spencer und Terence Hill, der 1971 in die Kinos kam, und den ich gemeinsam mit meinem Vater angeschaut habe.

Warum ist Kino für sehbehinderte Menschen interessant?

Ein Grund, warum ich schon immer extrem gerne ins Kino ging, ist die große Leinwand, auf der ich viel mehr erkennen konnte als auf der Mattscheibe zu Hause. Die ganz besondere Akustik spielt eine große Rolle. Sie ermöglicht, jedes Geräusch und vor allem die Musik in sich aufzusaugen. Und dann ist das Kino ein unkompliziertes Gemeinschaftserlebnis - daran wollen auch Blinde und Sehbehinderte teilhaben. Vorausgesetzt, dass ich eine Audiodeskription im Ohr habe, kann ich an denselben Stellen wie alle anderen mitlachen, mitweinen und überhaupt jedes Gefühl ganz klar miterleben.

Wie kam es dazu, dass Sie den Blog „Blindgängerin“ ins Leben gerufen haben?

Dazu gibt es eine tolle Anekdote, die 2009 stattgefunden hat. Ich bin in ein Taxi gestiegen und meinte zum Fahrer: „Bitte zum Cinema Paris!“ Daraufhin fragte mich der Taxifahrer, ob ich das Blindsein nur spiele. Er dachte wohl, ich sei entweder verrückt oder eine Schauspielerin, die sich auf eine neue Rolle vorbereitet. Beim Aussteigen wurde mir klar, dass er sich einfach nicht vorstellen konnte, warum eine blinde Frau ins Kino geht. Die Idee hinter dem Blog war in erster Linie, andere Blinde zu animieren, ins Kino zu gehen, aber auch, die Sehenden etwas mehr aufzuklären und zu sensibilisieren. Außerdem schreibe ich einfach für mein Leben gern.

Es folgte die Gründung der Kinoblindgänger GmbH. Worum geht es da?

Weil ich bei meinem Kinobesuch auf eine Audiodeskription angewiesen bin, habe ich recht schnell mitbekommen, welche Filme mit dieser ausgestattet sind und welche nicht. Die Universal AG hat aus sozialem Engagement ihre Filme barrierefrei gemacht – Disney hat dann nachgezogen. Internationale Arthouse-Filme bekommen so gut wie nie eine Audiodeskription. Ziel ist es, mit der Kinoblindgänger GmbH wenigstens einen Film pro Jahr barrierefrei zu machen. Außerdem machen wir Lobbyarbeit für die Kinobegeisterten mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung in der Filmbranche.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch Ihr Engagement etwas verändert hat?

Wenn wir über deutsche Filme sprechen, die so gut wie immer Fördergeld erhalten, müssen diese seit 2014 auch die barrierefreie Fassung mitliefern. Diese ist im Kinosaal aber nur dann nutzbar, wenn die Verleiher sie in der kino-unabhängigen App „Greta & Starks“ zugänglich machen. Ich sensibilisiere die Verleiher regelmäßig, aber es gibt immer noch Luft nach oben. Die internationalen Arthouse-Filme der unabhängigen Filmverleiher fallen leider immer noch durch den Rost: keine deutschen Fördergelder, keine barrierefreie Filmfassung – also weder Audiodeskription noch erweiterte Untertitel. Mein persönliches Engagement wurde kürzlich von einem Verleiher folgendermaßen gewürdigt: „Sie haben in der Filmbranche einen Stein ins Rollen gebracht.“ Ich glaube, es ist eher ein Kieselsteinchen.

Ist es nicht Aufgabe der Filmbranche, barrierefreies Kino zu ermöglichen?

Eigentlich schon. Ein guter Anfang wäre, die barrierefreien Fassungen, die es schon gibt, in die „Greta & Starks App“ aufzunehmen, eine App, die es blinden Menschen ermöglicht, barrierefrei Filme zu genießen. Es wäre außerdem toll, wenn internationale Produktionen auch barrierefrei würden, insbesondere die, die auf den großen Festivals laufen. Das ist auch bis zu einem gewissen Punkt verständlich: Der Filmeinkauf ist teuer, die Synchronisierung kommt on top, und die barrierefreie Fassung kostet 7000 bis 9000 Euro, abhängig von der Länge des Films. Da wünsche ich mir einen Fördertopf, aus dem man schöpfen kann.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen für barrierefreie Kinofassungen?

Vor dem Schreiben des Blogs habe ich mich bei mehreren Anbietern beworben. Jörn Witt von speaker-search war der Einzige, der reagierte. Dort durfte ich dann immer wieder beim Einsprechen von Audiodeskriptionen beisitzen und Feedback geben. Parallel dazu habe ich meinen Blog gestartet und angefangen, über die Qualität von Audiodeskriptionen zu schreiben. Inzwischen arbeite ich für fünf bis sechs Anbieter barrierefreier Kinofassungen.

Was genau ist eine Audiodeskription?

Eine Audiodeskription macht Sichtbares hörbar! Es werden die zentralen Handlungselemente, Kostüme, Gestik, Mimik und Dekors in Worte gefasst – knapp, präzise und lebendig – und in die Dialogpausen eingesprochen. Das heißt konkret: Wo findet das Geschehen statt? Wer spricht? Wie sehen die Leute aus? Möglichst viele Details in kurzen, knackigen Sätzen.

Was sind erweiterte Untertitel?

Erweiterte Untertitel sind für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen – machen also Hörbares sichtbar. Das Wörtchen „erweitert“ bedeutet, dass neben den Dialogen auch eine Beschreibung von Geräuschen und Filmmusik eingeblendet wird, zum Beispiel Telefonklingeln, ein Schuss, ein Schrei, dramatische Streichermusik oder fröhlicher Hip-Hop.

Was war Ihr bisher spannendstes Projekt?

Der Dokumentarfilm „Für Sama“ aus dem Jahr 2019. Im April 2012 filmte die Studentin Waad al-Kateab mit ihrem Handy, wie brutal das Assad-Regime auf Studentenproteste in Aleppo reagierte. Während der nächsten fünf Jahre kamen über 500 Stunden Filmmaterial darüber zusammen, wie dramatisch sich die Lage in Aleppo entwickelte. Nach ihrer Flucht mit ihrem Mann und ihrer knapp einjährigen Tochter im Dezember 2016 nach London machte sie aus dem geretteten Filmmaterial einen Dokumentarfilm. Der Film hat 2019 das Human Rights Filmfestival in Berlin eröffnet. Die Festivalleitung hat sich sehr dafür eingesetzt, dass er eine barrierefreie Fassung bekommt, die von der Aktion Mensch finanziert wurde. Wir hatten damals nicht viel Zeit, und die Bilder waren so verschreckend und verstörend, dass sie mich und das ganze Team seelisch und körperlich sehr mitgenommen haben. Dennoch ein Film, den ich persönlich jedem empfehlen kann. Am Ende wurden wir für die barrierefreie Fassung mit dem Hörfilmpreis belohnt.

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