Welttoilettentag: Wenn man in Berlin für die Toilette eine Kreditkarte braucht

Seit August testet der Berliner Senat bargeldlose Toiletten. Kommt das gut an? Unsere Autoren, Teil einer Theatergruppe, machen den Praxisversuch.

IMAGO / Sabine Gudath

Der Zugang zu sauberen und sicheren Sanitäranlagen ist Teil der Menschenrechte auf Wasser, auf Gesundheit und auf Menschenwürde. Weil nach einer Schätzung der Vereinten Nationen (2017) weltweit circa 4,5 Milliarden Menschen noch keinen Zugang zu sicheren und sauberen Toiletten haben, begehen wir am 19. November 2022 den alljährlichen Welttoilettentag.

Ein fernliegendes Thema? – Nein! Denn in Berlin könnte der Zugang zu öffentlichen Toiletten bald nicht mehr jedermann und jederfrau möglich sein, sondern nur denjenigen Menschen, die mit Karte oder Smartphone bezahlen können. Ein Pilotprojekt des Berliner Umweltsenats, in Kooperation mit der Wall GmbH, testet derzeit über 260 bargeldlos zahlbare öffentliche Toiletten sowie circa 50 kostenfreie. Schon jetzt sind mit Münzen zahlbare Toiletten weitgehend abgeschafft.

Das Pilotprojekt könnte dazu führen, dass sämtliche öffentliche Toiletten in Berlin nur noch mittels EC- und Kreditkarte, über GooglePay und ApplePay sowie über die Berliner Toiletten-App bezahlt werden können. Na und, das kann doch jeder? Fehlanzeige. Die Probe aufs Exempel machte unsere Theatergruppe, die sich „die Unsichtbaren“ nennt und politische Theateraktionen im öffentlichen Raum veranstaltet, welche dem Publikum zunächst nicht als Theater, sondern als reales Ereignis erkennbar werden.

An einem Samstagmorgen begaben wir uns ohne Kreditkarte oder Smartphone zu mehreren dieser digital zahlbaren Toiletten und versuchten, gewaltfrei und bargeldlos unsere Notdurft zu verrichten. Es dauerte nicht lange, und schon versammelte sich eine Gruppe weiterer „Notdürftiger“ sowie solidarischer Passant:innen. Nahezu ein dutzend Personen, alle ohne Kreditkarte, scheiterten bei dem Versuch, Zugang zu den öffentlichen Toiletten zu bekommen.

Kinder, Obdachlose, Ältere – wer nur Bargeld hat, muss draußen bleiben

Bei der Toilette am Georg-Grosz-Platz (Kudamm) bot ein freundlicher Kellner Abhilfe, der die „Notdürftigen“ auf die Toilette eines lokal ansässigen Cafés einlud. Sehr nett und auch eine tolle Kundenwerbung. Fraglich aber, ob ein wohnungsloser Mensch, wenn er oder sie mangels Zugang zu Sanitäranlagen schmutzig und streng riechend wäre, oder eine psychisch verwirrte Person in den Genuss desselben Angebots gekommen wäre.

Was sagen Berliner:innen dazu? Wir, die „Unsichtbaren“, sammelten bei unserer Aktion die verschiedensten Stimmen ein: „Ist kaputt – nimmt keine Münzen“, sagte der erste Betroffene. Was als Fehlfunktion der Toilette wahrgenommen wird, könnte künftig Normalfall sein. Missverständlich oder intransparent kommuniziert scheint der Hinweis neben der Toilettentür, die Münzzahlung sei temporär „bis auf weiteres“ nicht möglich. Denn er verschleiert die Tatsache, dass es sich hier um ein gewolltes Pilotprojekt des Berliner Umweltsenats handelt, welches am Ende verstetigt werden könnte.

„Tja, für Kinder, die ohne Erwachsene unterwegs sind, ist das großer Mist!“, so ein Vater, der mit seiner kleinen Tochter vorbeikam. Eine Passantin: „Als wohnungslose Frau habe ich eine öffentliche Toilette viel nötiger als die Männer, ich kann nicht einfach an einen Baum gehen.“ Eine ältere Dame reagierte ebenfalls empört: „Muss ich mir jetzt ein Smartphone anschaffen, nur um aufs Klo zu gehen? Ohne Smartphone – existiert man da überhaupt noch?“ Während ein junger Mann bemerkte: „In Schweden ist das schon überall so“, entgegnete eine junge Frau: „Sieht so etwa der digitale Fortschritt aus? Warum soll ich irgendeinem Unternehmen meine Daten darüber hinterlassen, wo ich heute pinkeln war? Das mache ich nicht!“

Vielleicht ist es nicht wichtig, ob Wall und Visa wissen, wann und wo man seine Notdurft verrichtet. Tatsache ist aber, dass all die digitalen Daten, die wir überall hinterlassen müssen, ein exaktes Bewegungs-, Konsum-, Bedürfnis- und Verhaltensprofil über uns erstellen lassen. Wen interessiert dieses Profil und wer nutzt es? Wir wissen es nie genau – und deshalb können wir dem auch nicht informiert zustimmen. Das sollte nicht so sein. Denn auch Datenschutz ist ein Menschenrecht.

„Uns fragt ja keiner“ – so ein frustrierter Passant. „Man müsste denen mal hier vor die Tür kacken“ provozierte ein Spaziergänger, drastisch illustrierend, was schon jetzt ein Problem ist, dass nämlich Orte in der Nähe öffentlicher Toiletten, wie Grünanlagen und Unterführungen, zum Toilettenersatz werden. Die Frustration ist groß, Berliner:innen haben das Bedürfnis, gehört zu werden. Evaluiert werden sollen aber, laut Pressemeldung des Senats über das Projekt, am Ende der Pilotphase lediglich die Nutzungsdaten.

„Darf ein Menschenrecht an den Kosten gemessen werden?“

Wir „Unsichtbaren“ meinen aber, lieber Senat: wer soll denn dieses Pilotprojekt am Ende bewerten, wenn nicht die Notdürftigen selber, und insbesondere diejenigen, die von der Nutzung gerade ausgeschlossen sind und in den „Nutzerdaten“ gar nicht auftauchen? Der Senat antwortet: „Wir sind uns der Problematik, dass bargeldlose Zahlung bestimmten Menschen aktuell den Zugang erschwert, bewusst.“ So die Pressesprecherin des Senats. Daher würden auch kostenfreie Toiletten erprobt. Diese sind aber erheblich weniger, sie stehen weit verstreut, und man weiß nicht, wo. Die Listen gäbe es zwar im Internet. Unpraktikabel, gerade für die ausgeschlossenen Gruppen. 

Laut Stellungnahme des Senats sei der Grund für das Pilotprojekt, dass die Münzkassetten der Toiletten häufig aufgebrochen würden. Dies verursacht erhebliche Kosten. Wem also nützt eine digital bezahlbare Toilette, den (Nicht-)Nutzer:innen oder Wall? Wem sie nicht nützt, sondern verschlossen bleibt, das haben wir heute erfahren: Kindern, wohnungslosen Frauen und Männern, benachteiligten Menschen ohne Bankkonto und ohne Smartphone, und solchen, die ihr Recht auf Datenschutz wahren wollen: potenziell also uns allen!

Am 19. November 2022 ist Welttoilettentag, denn noch immer haben Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu sicheren Toiletten. Die Folge sind Infektions- und Durchfallerkrankungen, an denen jährlich circa 520.000 Kinder unter fünf Jahren sterben. Das Händewaschen mit Wasser und Seife nach dem Toilettengang kann – auch hierzulande – das Risiko von Durchfallerkrankungen erheblich senken. Wer dagegen keinen Zugang zu Sanitäranlagen hat, dessen Menschenrechte auf Wasser, Gesundheit und Menschenwürde werden verletzt.

Die Antwort auf das Problem in Berlin, und nebenbei gesagt auch die Antwort auf die Einbruchswelle in Toilettenhäuschen, kann nur heißen: Freier Zugang zu öffentlichen Toiletten, die regelmäßig gewartet und gesäubert werden, mag dies auch mit Kosten verbunden sein. Aber darf ein Menschenrecht an den Kosten gemessen werden?

Die Autor:innen gehören zur selbstorganisierten Theatergruppe „die Unsichtbaren“, die mit der Methodik des Unsichtbaren Theaters politische Diskussionen in den öffentlichen Raum trägt. Die Gruppe wird durch den Verein Kuringa e.V. unterstützt, welcher diese und weitere Methoden des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal in Berlin und international bekannt macht, praktiziert und fördert.

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