Berlin/Neukölln - Die Schriftstellerin Leïla Slimani sagte der Neuen Zürcher Zeitung in einem Interview im November 2021 über ihr Kindermädchen: „Es ist eine Beziehung, die unangenehm sein kann. Wir teilen eine große Intimität, sie weiß alles von mir, sie kümmert sich um die Menschen, die ich am meisten liebe, meine Kinder. Man hat den Eindruck, eine Familie zu sein, gleichzeitig weiß man, dass das nicht stimmt. Häufig kommen Kindermädchen aus bescheidenen Milieus, sie haben ein schwieriges Leben und sehen, dass mein Leben viel leichter ist. Aber so ist es. Ich versuche, so respektvoll wie möglich zu sein.“

Slimani hat mit ihrem Sprechen und Schreiben über Sorgearbeit und Klassismus in ihrem Heimatland Frankreich Debatten angestoßen, die auch hierzulande vor der Pandemie schon leisen Anklang fanden. Doch obgleich die Pandemie uns, wie durch ein Brennglas, bestehende gesellschaftliche Trends besser erkennen lässt und diese teilweise beschleunigt, bleibt von den präpandemisch gestellten Fragen nach Care-Politiken nach zwei Jahren Corona nicht mehr übrig als ein hier und dort ins Vage gerichteter Ruf nach mehr Pflegepersonal, mehr Kitapersonal, mehr Lehrer:innen, mehr Anerkennung, überhaupt, für alle.

Ich möchte in diesem Erfahrungsbericht neue alte Fragen stellen und von meiner aktuellen „Beziehung“ mit unseren Kitas berichten, die nicht unangenehm ist, wie Slimani schreibt, aber unbequem – und tatsächlich durch Corona noch intimer wurde, als vor der Pandemie.

Im Kinderladen: Yoga, Theater, veganes Essen

Ich habe ein Schulkind und zwei Kitakinder, die in unterschiedlichen Kitas betreut werden. Alle Institutionen befinden sich in Neukölln. Mein mittleres Kind geht in einen schicken Kinderladen, bei dem die Eltern den Vorstand stellen und in dem zwölf altersheterogene Kinder von vier Erzieherinnen zu veganem Essen und mit ausgefeilten Spielkonzepten betreut werden. Das jüngste Kind geht in eine der zahllosen Stadtteilkitas in freier Trägerschaft.

Während in der ersten Corona-Zeit im Kinderladen zwischenzeitlich vor allem die Kommunikation zwischen den Eltern eskalierte – Team Vorsicht und Team Augenmaß diskutierten auf dem Parkett ungenauer Informationen von Senatsseite –, kämpfte die Kita des jüngsten Kindes mit ständigem Ausfall und Kündigungen von Erzieherinnen, die unter der Last, teilweise zu zweit 14 kleine Kinder zwischen einem und zwei Jahren betreuen zu müssen, schier zusammenbrachen. Während die Elternschaft des Kinderladens, alle bürgerlich, links, ein bis zwei Kinder, die alle zu Hause Deutsch sprechen, sich in der zweiten Welle gegen die Aufnahme eines Kindes mit Fluchterfahrung aussprach, da dieses ja aus Sammelunterkünften Infektionskrankheiten wie Corona in den Safe Space des Kinderladens einschleppen könnte, so wechselte die Elternschaft der Stadtteilkita ständig: Wer was Besseres findet, ist weg.

Dabei bildet diese Kita vom Klientel her den Kiez ab: Hier werden Kinder mit arabischen, türkischen, deutschen, französischen und vielen anderen Kulturhintergründen betreut. In Sachen Integration, Realitätsbezug und möglichen Bildungschancen für einige der betreuten Kinder ist die Stadtteilkita also weit vorn – weswegen sich einige der Eltern auch für diese Kita entscheiden. Sie wollen keine „Blase“ für ihre Kinder. Der Kinderladen kostet allerdings auch einige Euros extra im Monat, was von vornherein viele ausschließt, während die Kita in freier Trägerschaft fast vollständig vom Senat finanziert wird. Dies wird spürbar in der Qualität der Betreuung: Der Kinderladen hat ein volles Konto, Theaterbesuche werden unternommen, Ausflüge organisiert, Bastelmaterial angeschafft und Yogaunterricht angeboten.

Die Stadtteilkita hingegen ist permanent am Personallimit – da viele Eltern nach kurzer Zeit etwas Besseres finden und kündigen, laufen ständig Eingewöhnungen von neuen Kindern parallel zur Betreuungszeit. Es wird nicht einmal auf den Spielplatz gegangen, seit wieder mal eine Erzieherin gekündigt hat. An Theater ist nicht zu denken. Das Spielzeug ist ständig kaputt – und so auch die Erzieherinnen. Ein Teufelskreis: Der Träger der Stadtteilkita ist genervt von wiederkehrenden Problemen und ständig wechselnder Elternschaft, zusätzlich zu sich tage- oder wochenweise wechselnden Beschlüssen zu Corona, kümmert sich schlecht um seine Angestellten, diese lassen sich krankschreiben oder wechseln gleich den Job – und das bekommen wiederum die Eltern zu spüren, die sich dann nach neuen Betreuungsplätzen umschauen.

Was hat das nun alles mit Leïla Slimanis Gesellschaftskritik zu tun? Ich habe mich vor Corona immer als Mutter begriffen, die trotz meines Teilzeit-Alleinerziehenden-Status kein Opfer von Ungleichbehandlung der Geschlechter ist. Nun erst wird mir, durch das Brennglas der Pandemie, bewusst, dass ich nur arbeiten kann, wenn andere sich währenddessen um meine Kinder kümmern. Ich hatte natürlich auch vor Corona Diskussionen über das Für und Wider von „Fremdbetreuung“ – und dagegen das Für und Wider der Kindertagesstätte als Integrationsraum, als Förderraum, als Bildungsraum, in dem soziales Miteinander und soziale Kompetenzen gelernt und mit geschultem Personal geübt werden. Doch erst jetzt wird mir schmerzlich bewusst, dass die theoretische, die nur ausgesprochene, nicht verfasste, Anerkennung dieses Raums als Bildungsort nicht ausreicht, dass es viel zu wenig Verordnungen gibt, die möglich machen, dass Kita auch sicherer Bildungsort sein darf, und nicht nur in Bezug auf Infektionsschutz über Sicherheit und Prekarität verhandelt wird.

In der Stadtteilkita: Entkräftete Erzieherinnen

Natürlich ist es problematisch, dass ich meine Kinder in die Betreuung schicken kann, ja, muss, wenn ich weiter berufsfähig bleiben möchte, während dort andere Frauen meine Familie betreuen, die teilweise nicht mal nach Tarif bezahlt werden und die mit ihren eigenen Familien noch häufiger als die Gesamtbevölkerung in Quarantäne oder Isolation sitzen. Natürlich gibt es in der Stadtteilkita zurzeit ständig Krankschreibungen, die wiederum zu verkürzten Betreuungszeiten führen, denn die Erzieherinnen sind von der Prekarität ihrer untertariflichen Anstellung so entkräftet, dass sie sich nicht auch noch mit Schnupfen (oder gar Corona) anstecken wollen.

All diese Themen tauchen dagegen im Kinderladen des mittleren Kindes nicht auf, sind schlicht nicht existent. Hier war trotz diverser Corona-Fälle noch keinen Tag geschlossen – die Absprachen zwischen Team und Eltern sind einfach und unkompliziert – und die Erzieherinnen erfahrener, besser bezahlt und vertrauen uns und einander. Auch wenn Slimanis Kommentar zum „bescheidenen Milieu“, aus dem viele der in Frankreich angestellten Kindermädchen stammen, despektierlich wirkt, ja fast beleidigend und sicherlich so nicht auf Deutschland übertragbar ist, so wagt sie doch, ein auch hier gültiges Problem der Care-Arbeit zu benennen: Weil alle arbeiten gehen wollen (und müssen), wir aber immer noch im Patriarchat leben, das vorsieht, dass sich in der normativen Kernfamilie das als weiblich gelesene Familienmitglied um die Kinder kümmert (ein Modell, das sich seit Corona wieder vermehrt durchsetzt und insbesondere Frauen durch Care-Arbeit und Erwerbsarbeit doppelbelastet, was diverse Studien zeigen), muss eine andere Person, diese Arbeit übernehmen.

Und wenn man sich das Personal in Kitas so anschaut, seien wir ehrlich, sind auch das eher Frauen. Dies hat natürlich auch vor allem mit noch nicht vollzogener Gleichstellung der Geschlechter und Gender zu tun: Frauen befassen sich mehr als doppelt so viel mit direkter Care-Arbeit als Männer – der Gender-Care-Gap beträgt hier 108,3 Prozent, stellt das Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend fest – und Frauen stellen laut Statista mehr als zwei Drittel der Beschäftigten in den unterbezahlten Berufen im Bereich der Erziehung und der Pflege. In unserer Gesellschaft scheinen sich mittlerweile die meisten einig zu sein, dass wir Bildung unbedingt brauchen und wollen: Minister:innen und Expert:innen jeder Couleur überschlagen sich damit, sie verbal wertzuschätzen. Die Meisten wollen Kitas und Schulen unbedingt offen halten und argumentieren mit dem integrativen Wert, dem sozialen Wert und den verpassten Bildungschancen, die insbesondere Kinder mit erhöhtem Integrations- oder Förderbedarf erleben, wenn die Kitas wieder geschlossen werden.

Ich bin auch vollkommen dafür, dass die Kitas aufbleiben, und frage mich trotzdem, wie es bei all diesen übereinstimmenden Plädoyers für mehr frühkindliche Förderung durch Kinderbetreuung sein kann, dass eine Kita wie unsere, die im Brennpunkt Neukölln den Spagat schafft zwischen Gentrifizierung und Integration, die so viel Engagement zeigt trotz widrigster Umstände, nicht durch Verordnungen geschützt wird.

Fragen an die Stadt Berlin

Nicht nur durch Verordnungen zum Infektionsschutz, derer es alle zwei Tage neue gibt, womit sich die Erzieher:innen noch zusätzlich herumschlagen müssen, sondern Verordnungen zum Arbeitsschutz. Wie kann es sein, dass eine Kita heute so schlecht finanziert dasteht, dass etwa die Erzieher:innen unserer Kita unter Tarif bezahlt werden, während Fachkräftemangel herrscht? Wieso gibt es nicht insgesamt mehr Bezahlung? Wieso gibt es keinen besseren, flexibleren Betreuungsschlüssel? Warum keine Möglichkeiten, dass auch in Nicht-Elterninitiativen Eltern einspringen, wenn Hilfe gebraucht wird? Wieso sind die Einstellungsverfahren für Quereinsteiger*innen so kompliziert, warum werden nicht mehr junge Männer angeworben und ausgebildet?

Meine Beziehung mit den Kitas meiner Kinder hat sich in den letzten Jahren zur sozialen Studie gewandelt, die viel über Gesellschaft in Berlin, in einem trendigen Szeneviertel im sozial stark heterogenen Milieu Neuköllns zeigt. Wir leben in einer mobilen, migrantischen, bunten, vielfältigen Stadt, die sich mehr und mehr wandelt. Ich würde mir wünschen, dass das Land Berlin dem Rechnung trägt, indem es in die jüngsten Mitglieder dieser Gesellschaft investiert – sodass Chancengleichheit und Bildung auch real den Wert zugemessen bekommen, der ihnen symbolisch schon längst zugemessen wird.

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