Moskau - Das deutsche Schlagerlied „Moskau“ von der Popgruppe Dshinghis Khan aus dem Jahr 1979 beschreibt in der ersten Strophe sehr zutreffend, wie die russische Hauptstadt von Deutschen mehrheitlich gesehen wurde: als ,,fremd und geheimnisvoll“. Sicherlich sind seit den späten 1970er Jahren sehr viel mehr Menschen aus Deutschland nach Russland und Moskau gereist und konnten sich ein realistischeres Bild von der Metropole im größten Land der Welt machen, aber stets sind die vielen Reiseberichte sagenumwoben und rätselhaft.

Als Mensch mit postsowjetischer Sozialisation und ordentlichem Wissen über Russland ist auch für mich Moskau eine Stadt voller Gegensätze und Widersprüche. Wer dort nämlich europäische und deutsche Ausgeglichenheit sucht, ist fehl am Platz. Ich schaue auf sie heute mit einem anderen, einem deutschen Blick.

Moskau ist intensiver, schneller und risikobehafteter als die meisten europäischen Hauptstädte. Schon nach der Ankunft wird man überrascht, in einem hochmodernen Flughafen gelandet zu sein, der sich mit dem von Frankfurt und London messen kann und nicht eines Entwicklungslandes mit Weltmachtanspruch entspricht.

Beim Verlassen des Flughafengeländes begegnet man unzähligen Taxifahrern, die je nach Nähe zum Gebäude und mangelnden Sprachkenntnissen teurer werden, so dass man am besten auf die russische Version von Uber, ein Unternehmen namens Yandex Go, zurückgreifen sollte. Dessen Autos fallen vor allem durch zwei Dinge auf: Erstklassiges Internet während der Fahrt und zumeist zentralasiatische Fahrer, die man in Moskau mit dem deutschen Wort ,,Gastarbeiter“ benennt.

Sie schwärmen oft von den deutschen  Autobahnen - aber auch von der relativ neuen Einführung von Geschwindigkeitsmessern, auch nach deutschem Vorbild. In Russland ist die Zahl der Verkehrstoten je 100.000 Einwohner viel höher als in Deutschland, so dass sich viele Menschen nach besser überwachten Verkehrsregeln sehen. Jeder Autofahrer in Moskau hat ein ganz besonderes Rezept, wie er die großen Staus der Metropole umfährt. Dieses Problem konnte trotz vieler Kraftanstrengungen der Stadtverwaltung bisher nur bedingt in den Griff bekommen werden.

Ich habe mir sagen lassen, dass die Verkehrsprobleme nicht selten an den vielen Kreml-Bürokraten liegen, die den innerstädtischen Verkehr durch Sperrungen zum Erliegen bringen. Die Zahl der privaten Blaulicht-Fahrer wurde in Moskau konsequent heruntergesetzt.

Die meisten internationalen Hotels liegen innerhalb des sogenannten Gartenrings, einer 15,6 km langen Ringstraße im Zentrum Moskaus. Dort befindet sich der historische Stadtkern mit den weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Sternartig gehen davon kilometerlange Boulevards und Alleen in alle vier Himmelrichtungen ab. Die Stadt ist mit mehr als 15 Millionen Menschen das größte Ballungsgebiet Europas.

Borchardt oder Grill Royal in Berlin wirken fast bescheiden im Vergleich zu Moskaus schicken Restaurants

Ob das am Kreml gelegene Hotel Metropol, das National oder das Four Seasons, viele Hotels haben eine lange und bewegte Geschichte. In der gesamten Stadt finden sich Gedenkschilder, auf denen an Ereignisse aus der Oktoberrevolution und vor allem an Lenin erinnert wird. Neben diesen Schildern aus längst vergangenen Tagen kann man beleuchtete Reklame italienischer Modemarken wie Valentino, Dolce & Gabana oder die Schilder internationaler Fastfood-Ketten finden. Die Namen dieser Ketten werden nicht selten mit kyrillischen Buchstaben geschrieben.

In Moskau begegnete mir die sowjetische Vergangenheit aus der Zeit des sozialistischen Realismus oft, sei es in Gebäuden oder Symbolen. Sie trifft auf den heute realexistierenden Kapitalismus. Man sagt nämlich über Moskau, dass es eine Stadt sei, in der das Geld auf dem Boden liegt, man müsse nur wissen, wie man es aufhebt. Das neu entstandene Geschäftszentrum Moscow City ist mit den höchsten Hochhäusern Europas ein Ausdruck dieses finanziellen Aufstrebens des Landes.

Tatsächlich ist Moskau eine Sehnsuchtsstadt für viele Russen. Es gibt unglaublich viele Chancen und Möglichkeiten. Das Gefühl eines ständigen Überlebenskampfes der Einwohner ist in der Stadt am Fluss Moskwa allgegenwärtig und in Gesprächen spürbar. Für mich der Innenbegriff des vergleichsweise jungen Kapitalismus, der in Europa und den USA längst gemäßigte Formen angenommen hat. Grundsätzlich ist Moskau eine sehr intensive Stadt, ob es die Restaurants, die Autos, die Menschen und die politische Haltung betrifft. Alles und jeder fällt auf, will auffallen. Man mag in Russland den Durchschnitt und die Ausgewogenheit weniger als in Deutschland.

Spätestens beim Besuch von gastronomischen Einrichtungen wird dies deutlich. In Sushi Bars kann man auch Schaschlik und Shisha bestellen. In den vielen Nachclubs ist es möglich, warme Gerichte noch in den frühen Morgenstunden zu bekommen. Für das nötige Kleingeld geht in Moskau tatsächlich vieles. Durch die niedrigen Löhne können sich Restaurants viele Servicekräfte leisten. Viele Berliner Institutionen wie das Borchardt, das Grill Royal oder gar das Adlon wirken fast bescheiden im Vergleich zu Moskaus schicken Restaurants. Aber sie sind auch eine Übertreibung, wirken überdimensional.

Moskau strebte schon immer nach Größe. Der Wiederaufbau der Christ-Erlöser-Kathedrale im Jahr 2004, in deren Fundamenten sich in sowjetischer Zeit ein Schwimmbad befand, ist nur eines von vielen Symbolen des neuen Russlands und seiner orthodoxen Kirche. Die Zahl der Gotteshäuser ist rasant gestiegen, faktisch überall sind kleine Kapellen bis zu prächtigen Kathedralen zu finden. Der Glaube saß bei den Menschen immer tief, so dass die sowjetische Propaganda gezwungen war, den Zweiten Weltkrieg als ,,Svjashenaja Vojna“, auf Deutsch Heiliger Krieg, zu betiteln, um Volksmassen zu mobilisieren.

Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg, wie er aber vor allem genannt wird, ist in der Stadt omnipräsent. Neben alten, überproportional großen sowjetischen Denkmälern ist vor allem das orange-schwarze Georgsbändchen überall wiederzufinden. Für Menschen in Moskau ist diese Erinnerung an den Krieg ein besonderer Wert.

Moskau verließ ich mit gemischten Gefühlen. Es ist eine überwältigende Stadt mit unglaublicher Geschichte und Gegenwart als Weltmetropole. Moskau ist ein eigenes Universum. Grundsätzlich gilt über Moskau und Russland die berühmte Aussage des russischen Dichters und Diplomaten Fjodr Tjuttschew aus dem Jahr 1866: „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“

Der Autor Michael Groys stammt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Er arbeitet als Politikberater in Berlin.

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