Wie der RBB die kolonialen Verstrickungen Brandenburgs von Neuem entdeckt

Wurde die koloniale Vergangenheit Brandenburgs in Afrika nicht aufgearbeitet? Unser Autor meint: Das ist falsch – Aufklärung gibt es seit Jahrzehnten.

Ghana heute: Fischer sitzen an einem Strand der Hauptstadt Accra.
Ghana heute: Fischer sitzen an einem Strand der Hauptstadt Accra.imago/Xinhua

Man könnte vermuten, dass jede Generation sich wieder neu mit der Vergangenheit beschäftigt und versucht, sich damit auseinanderzusetzen; als gäbe es keine Bibliotheken, die gelehrte Menschen schon vor ihnen mit Büchern gefüllt haben und somit Wissen dokumentieren. Vermutlich ist es vielen Neuinteressierten zu mühselig, sich kundig zu machen.

Ein solches Verhalten ist besonders seit einigen Jahren durch den Hype um die Forderung nach „Aufarbeitung“ der deutschen Kolonialgeschichte zu beobachten. Dabei wird übersehen, dass die Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreiches bereits seit Ende der 1950er-Jahre in der DDR und etwa zehn Jahre später in der alten Bundesrepublik kritisch aufgearbeitet worden ist. Hunderte von Monografien und Sammelbänden sowie wohl mehr als tausend wissenschaftliche Studien, ganz abgesehen von einer Reihe populärwissenschaftlicher Artikel in Zeitschriften und populären Fachbüchern sowie Romane, sind seitdem erschienen.

Die Historiker und Ethnologen sind zum großen Teil hochgradig erstaunt, dass gefordert wird, sie sollen sich nun endlich mit der Kolonialgeschichte befassen, denn das sei ein unbekanntes Terrain, ja, man stellte sogar eine Amnesie der Thematik im deutschen Volk fest. Damit machen solche Forderungen aufstellende Menschen deutlich, dass sie ihre eigene bemerkenswerte Unkenntnis zum Stand des allgemeinen Wissens erheben.

Am Ende des Jahres 2022 reiste ein Journalist vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) nach Ghana und entdeckte dort unter den über 40 vorhandenen ehemals europäischen Befestigungsanlagen auch das Fort Groß Friedrichsburg. Es wurde 1683 gegründet, die Baumaßnahmen zogen sich Jahre hin, denn alles Baumaterial musste aus Brandenburg herangeschafft werden. Gold und Sklaven waren die Produkte, die der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg beziehungsweise ab 1701 zunächst noch die Preußen hier zu erhandeln hofften, um die Wirtschaft im eigenen Land, welches nach dem Dreißigjährigen Krieg darniederlag, ankurbeln zu können.

Gold und Sklaven an der Westküste Afrikas: „19.000 Menschen erfuhren ein unermessliches Leid“

An Gold kamen sie kaum heran, denn die Afrikaner überließen, wie überall an der Westküste Afrikas, den Europäern als Tauschobjekte nur so viel Gold, wie sie herzugeben bereit waren. Die Fundorte wurden nicht verraten. Mit dem Menschenhandel hatten die Brandenburger zunächst mehr Glück. Dieser florierte zwar schon vor der Ankunft der Brandenburger, wurde dann jedoch durch den transatlantischen Dreieckshandel zum millionenfachen Massengeschäft, was die Europäer reich machte und den Afrikanern Millionen an Toten und Verschleppten bescherte.

Dorf Groß Friedrichsburg in der Kolonialzeit.
Dorf Groß Friedrichsburg in der Kolonialzeit.imago/Imagebroker

Über 19.000 von afrikanischen oder arabischen Sklavenjägern geraubte schwarze Menschen gelangten über Groß Friedrichsburg in die Karibik, wo der Große Kurfürst vom dänischen König einen Teil der Insel St. Thomas gepachtet hatte, um hier einen Sklavenumschlagsplatz zu errichten. Damit war Brandenburg beziehungsweise Preußen zu jener Zeit zwar einer der kleinsten Sklavenhalterstaaten, aber 19.000 über den Ozean nach Amerika verschiffte Menschen erfuhren ein unermessliches Leid.

Die Festung wurde zwischen 1717 und 1720 an die Niederländer verkauft, da das dort erhandelte Gold nicht einmal zur Prägung der „Guinea-Dukaten“ ausreichte und der Menschenhandel durch die arabischen Sklavenmärkte und europäische Kolonialkonkurrenz gehemmt war, sodass das koloniale Abenteuer beendet wurde.

Diese kurz umrissene Geschichte ist nicht unbekannt, wie einige Journalisten des RBB kürzlich glauben machen wollten. Ein Blick in das eigene Archiv des damaligen Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) hätte genügt, um festzustellen, dass im Jahre 1995 eine eigene Produktion zur Thematik mit ausgiebigen Vorortaufnahmen mit Interviews und wissenschaftlicher Begleitung entstanden ist, die nicht nur in diesem Sender, sondern auch in allen anderen ARD-Anstalten ausgestrahlt worden ist – sogar mehrmals.

Vielleicht hätte man mit einem Blick ins Archiv einige unwahre bis unsinnige Fakten und Vorgänge verhindern können. Denn solche – nach Ex-USA-Präsident Trump – „alternative Fakten“ schaden der kritischen Kolonialgeschichtsschreibung, statt bei deren Bemühungen zur antikolonialen und antirassistischen Bildung und Aufklärung zu helfen.

Beispielsweise hätte man bei genauer Betrachtung der vorliegenden Forschungsergebnisse – ohne die Öffentlichkeit mit Übertreibungen zu strapazieren – erfahren können, dass die Brandenburger keine Menschen versklavt hatten (nur die Portugiesen, von allen Europäern, hatten an der westafrikanischen Küste einmal versucht, selbst Sklaven zu rauben), sondern gefangene Menschen, die überwiegend nicht von der Küste stammten, von afrikanischen Sklavenjägern kauften.

Ulrich van der Heyden im Jahr 1995 mit dem ORB-Team in Princes Town.
Ulrich van der Heyden im Jahr 1995 mit dem ORB-Team in Princes Town.Privat

Auch hätte man die damalige afrikanische Bevölkerung nicht desavouieren müssen, indem man meint, sich darüber echauffieren zu müssen, dass deren Anführer einen Vertrag mit den Brandenburgern unterschrieb, der „in Berlin auf Deutsch vorgefertigt worden“ sein sollte. Ja, in welcher Sprache hätte er denn geschrieben werden sollen, wenn man mit schriftunkundigen Bewohnern einen Vertrag abschließen wollte? Da ein Dolmetscher bei den Verhandlungen und dem Vertragsabschluss anwesend war, dürfte der Inhalt des Vertrages verständlich gewesen sein. Wie kann man mit solch paternalistischer Überheblichkeit annehmen, dass die Afrikaner nicht wussten, was sie taten?

Es ist bekannt, dass die Afrikaner zumindest in der Küstenregion durchaus wussten, wie sie die europäischen Konkurrenten gegeneinander ausspielen konnten. Wieso kommt dann ein heutiger deutscher Journalist zu der Meinung, „dass den Häuptlingen klar gewesen war, was sie da genau unterschrieben, erscheint aus heutiger Sicht unmöglich“?

Wie auch insgesamt die Klagen gegen eine nicht aufgearbeitete koloniale Vergangenheit des Deutschen Reiches vollkommen unberechtigt sind, so trifft diese Aussage auch für die brandenburgisch-preußische Kolonialgeschichte zu. Einige Beispiele sollen dies belegen und zugleich für interessierte Nichtwissende aufzeigen, wo und wie sie sich kundig machen können.

Koloniale Vergangenheit: Informationsangebote gibt es viele

Die damalige RBB-Dokumentation kam zustande, nachdem das Buch „Rote Adler an Afrikas Küste“ in einigen Tausend Exemplaren verkauft worden war. Es war die Zeit, als Mitte der 1990er-Jahre in Potsdam das Brandenburgische Entwicklungspolitische Institut (BEPI) gegründet wurde und sich im ganzen Land entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bildeten. Das BEPI hatte eine eigene Abteilung „Brandenburgische Kolonialgeschichte“ und bald gründete sich der Verein „Brandenburg – Prices Town – Eine Welt“.

Beide Institutionen beschäftigten sich nicht nur mit der Geschichte, sondern aktivierten auch einige Entwicklungsprojekte mit und für die Menschen, die am Fuße der Festung wohnten. Das BEPI gab eine eigene Heftreihe heraus. Von den zwischen 1992 und 2004 erschienenen 48 Ausgaben, in denen auch häufig die Kolonialgeschichte eine Rolle spielte, widmeten sich einige explizit der brandenburgischen Kolonialpolitik in Groß Friedrichsburg, auf der mauretanischen Insel Arguin sowie in der Karibik.

Es gab geführte Touristenreisen, Schulprojekte, Fotografie-Ausstellungen, Vorträge, Lehrveranstaltungen an Brandenburger und Berliner Universitäten, die Gründung einer weiteren NGO, die sich ausschließlich mit Hilfsprojekten in Princes Town, der Siedlung am Fuße der Festung beschäftigte, die Einladung von regionalen Führungspersönlichkeiten aus diesem Ort nach Brandenburg, einen Ausbruch bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse mit mehreren Toten am Fuße der Festung durch eine verfehlte „Hilfspolitik“, Diskussionen im Brandenburger Landtag, viele Radiosendungen und Interviews in den Funkanstalten, die später dann zum RBB zusammengefügt wurden, eine weitere TV-Dokumentation von Arte über den brandenburgisch-preußischen Sklavenhandel.

Fort Groß Friedrichsburg in Ghana.
Fort Groß Friedrichsburg in Ghana.imago/Obruni

Dazu mehrere Sammelbände und Monografien in den 2000er-Jahren zur Kolonialgeschichte des Kurfürstentums und preußischen Staates einschließlich mindestens zweier Romane, die lange und kontrovers geführten Diskussionen um die Erinnerungsorte, die an das koloniale Engagement des Kurfürsten erinnerten, wie die Umbenennung des Gröben-Ufers oder der Mohrenstraße in Berlin, die Widerspiegelung aller dieser Aktivitäten und Ereignisse in den lokalen Presseorganen – sollte das alles an den Verantwortlichen des RBB vorbeigegangen sein?

Oder sucht man nach dem Skandal um die Verschwendungssucht der Direktion des Senders nur nach „exotischen“ Themen, um die Zuschauer abzulenken und zu beruhigen? Kann es ein Trost sein, dass der RBB nicht das einzige Massenmedium ist, welches sich entsprechend der heutzutage oftmals undifferenziert geführten Dispute über die Kolonialgeschichte blamabel anstellt?

Schon vor einiger Zeit war in einer Tageszeitung zu lesen, dass es nunmehr soweit sei, die von den Brandenburgern beziehungsweise Preußen in Afrika geraubten Objekte in den Museen zurückzugeben. Ein Anruf bei der Redaktion brachte die Bestätigung, dass dort auch nichts bekannt sei, was geraubt hätte werden können. Zumindest konnte mitgeteilt werden, dass sich eine Kanonenkugel und ein Stein von Groß Friedrichsburg im hauptstädtischen Deutschen Historischen Museum befinden sowie die Kanonen von der Festung im Emdener Hafen.

Es kann zumindest gefragt werden, ob jemand auf die Idee kommt, dies auch als Raubgut zu bezeichnen und zurückzugeben. Dann gäbe es auch noch einen aus Holz geschnitzten Elefanten, den das damalige Fernsehteam für den „Häuptling von Brandenburg“, Manfred Stolpe, als Geschenk von dem Chief von Princes Town mitgeschleppt hatte. Könnte dieses auch als Raub- oder Beutegut angesehen werden? Denn immerhin wird in der Liste des Museumsverbandes des Landes Brandenburg das Präparat eines Krokodils, ein Geschenk Fidel Castros für einen DDR-Politiker aus dem Jahre 1971, welches sich heute im Naturkundemuseum in Potsdam befindet, unter Postkolonialismus geführt.

In Potsdam hingegen werden die dort vorhandenen Kunstwerke und Sammlungsobjekte der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die einen außereuropäischen Kontext vermuten lassen, durch die Steuerungsgruppe „Koloniale Kontexte“ gegenwärtig nach streng kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten aufgearbeitet. Der kunstgeschichtliche Blick auf diese Objekte ist neu und innovativ und könnte eigentlich Gegenstand einer ausgiebigen RBB-Recherche sein.

Prof. Dr. mult. Ulrich van der Heyden ist Historiker, Politikwissenschaftler und Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas, tätig an FU, HU und in Südafrika sowie Autor zahlreicher Bücher.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.