Berlin - Berlin vor 100 Jahren. Seit dem Sommer 1921 ist die Kriminalität in erschreckendem Maße gestiegen. „Engelbrecht sein Auto!“ gellt es dann oft durch die Nacht. In diesem Moment hat zum Beispiel der „Spanner“ eines anrüchigen Lokals auf dem Kurfürstendamm den Wagen von Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht erkannt und sofort lautstark Alarm geschlagen.

Als „Spanner“ hat er eigentlich die Funktion, vorbeigehende Herren zum Besuch von Nackttanzlokalen zu animieren, im Zweifelsfall aber auch vor einer Razzia der Berliner Kriminalpolizei zu warnen. Wie Pilze sind sie aus dem Boden geschossen, die Nacht- und Nackttanzlokale, und zwar mit allem, was dazu gehört. So ein Nachtlokal ist straff organisiert, geradezu zwingend nötig für den reibungslosen Betrieb ist das Personal: Kellner, Spanner, Anreißer, Schlepper, Nackttänzerin. Kriminalkommissare sind da eher unerwünscht.

Und gerade diese halbseidenen Etablissements mit den spärlich bekleideten Damen machen dem rührigen Kommissar große Sorge, fürchtet er doch, wie er später in seinen Erinnerungen festhalten wird, vor allem einen „moralischen Schaden“ bei den Gästen der diversen dubiosen Spelunken. Dass die sich jedoch – oft nach Nötigung durch den „Spanner“ – freiwillig in die Höhle des Löwen begeben, sieht der unerschrockene Kriminalist nicht. Die Bevölkerung ist indes in weiten Teilen durch die Zustände im dunklen Berlin verunsichert, sieht die Razzien aber zu ihrem eigenen Schutz als ein notwendiges Übel an.

Und während bis vor kurzem die Razzien eher konkret dazu gedient hatten, entlaufene Schwerverbrecher hinter Schloss und Riegel zu bringen, ist nun eine neue Waffe auf dem fragilen Parkett der Verbrechensbekämpfung erschienen, und zwar in Form des resoluten Kommissars Engelbrecht.

Eigentlich wollte Engelbrecht zum Militär

Oberregierungsrat Hoppe als Vertreter des Preußischen Innenministeriums hatte ihn am 1. Juli zum Leiter der Streifmannschaft der Berliner Kriminalpolizei ernannt. Und endlich, so glaubte Engelbrecht, hatte man sein wahres Potenzial erkannt. Vorbei die Zeit, da er als Leiter der Charlottenburger Sittenpolizei, als „staatlicher Tugendwächter“ ein eher unglückliches Dasein fristen musste. Dort hatte sich der am 31. Mai 1884 in Düsseldorf geborene Sohn eines höheren Postbeamten nie sonderlich wohl gefühlt.

Eigentlich hatte Engelbrecht Berufsoffizier werden wollen. Als er dann aber zunächst durch eine Krankheit ausgebremst wurde, die seine „Verwendungsfähigkeit“ stark einschränkte, bot sich eine Alternative. Im August 1911 trat Engelbrecht seine Ausbildung zum Kriminalkommissar im Polizeipräsidium von Frankfurt am Main an. Über die Umwege Norderney, Aurich und Frankreich zur Zeit des Ersten Weltkriegs gelangte Engelbrecht schließlich zunächst nach Charlottenburg und dann nach Berlin.

Dort wollte er als Substitution für die verlorene militärische Karriere einen neuen Feind bekämpfen, und so, wie er auch schrieb, eine „Gesundung Deutschlands“ vorantreiben. Sein Credo formulierte er unmissverständlich: „Den Nachtsumpf Berlins zuschütten!“ Alle sollten ihn fürchten: die Schlepper, Nepper, Spanner, Mädchenhändler, Zuhälter, Nutten, Diebe, Schleichhändler, Betreiber von illegalen Spielclubs etc. In den düsteren Kaschemmen von Berlin. In den schäbigen „Zementkellern“, wo Koks („Zement“) verkauft wird. In den armseligen Nackttanzlokalen. In den verbotenen Spielhöhlen, die eher Höllen gleichen.

Die Stadt wird, wenn es dunkel ist, für Engelbrecht zum Feind. Und alle Bewohner des dubiosen Berlin werden für das rechtschaffene Volk zur kollektiven Bedrohung. So kann er sich als Leiter der Streifmannschaft selber zum Helden stilisieren, zum Retter aller rechtschaffenen Bürger, die es vor dem verdorbenen Teil der Berliner Bevölkerung zu schützen gilt. Denn das ist für ihn durchgehend „minderwertiges Gesindel“, das es auszurotten gilt, so wie es später die Nationalsozialisten tatsächlich mit den Berufsverbrechern tun sollten, die oft im Konzentrationslager endeten.

Eine Mannschaft aus 130 Beamten

Für Engelbrecht gibt es nur Schwarz oder Weiß, dazwischen existiert für ihn nichts. Mitleid kennt er wenig, die Biografien der Verbrecher interessieren ihn in der Regel nicht, Empathie sucht man in seinen Büchern eher vergeblich. Seine Welt wird von „schmutzigen und widerlichen Weibern“, ausländischen „Aasgeiern“, „minderwertigen“ Charakteren, der „Polenplage“ und anderen Randgruppen bevölkert, denen er grundsätzlich keine Läuterung zugesteht. Daher ist es verwunderlich, dass er in der Mitte der 1920er-Jahre zusammen mit Leo Heller mehrere Bücher zum Thema Kriminalität verfassen wird, bei denen Heller einen ganz anderen Ansatz vertritt. Der sieht hinter dem Verbrecher auch immer den Menschen.

Doch Engelbrecht darf sich in seiner Funktion als leitender Kriminalbeamter in den Subkulturen Berlins keine Sentimentalitäten leisten, das würde seine Autorität untergraben. Als Leiter der Streifmannschaft ist „der Blitz“, wie Engelbrecht von der Verbrecherwelt bald genannt wird, völlig in seinem Element. Er plant jede Razzia so minutiös, wie es nur irgendwie geht. Er hat eine große Verantwortung. Der Kriminalist weiß, dass das Wort „Razzia“ auf das arabische Wort „Ghazidshah“ zurückgeht, was so viel wie „Raubzug“ bedeutet, und zwar im militärischen Sinne.

Zu Engelbrechts Glanzzeit ist die Streifmannschaft, die insgesamt aus 130 Kriminalexekutivbeamten besteht, in mehrere Einzelstreifen eingeteilt, die von erfahrenen Kriminalbeamten angeführt werden und deren Aufgaben bereits aus den Namen erkennbar sind: Große Razzienstreife, Pfandleiherstreife, Taschendiebstreife, Päderastenstreife und einzelne Fahndungskommandos. Ziel der Razzien, bei denen unerwartet ganze Straßenzüge abgesperrt und durchsucht werden – und das zumeist um Mitternacht –, ist es vor allem, die Berliner Verbrecherwelt auf Dauer zu beunruhigen. Sie aus der Gegend, in der sie sich heimisch fühlt, vertreiben, ihre Subkulturen zerstören, gesuchter Verbrecher habhaft werden.

Kampf gegen Nachtlokale und Glücksspiel

Heute kann man anhand von Engelbrechts Erinnerungen auch eine nostalgische Topographie der Berliner Verbrecherwelt rekonstruieren, deren bekannteste Kaschemmen sich zum Beispiel in der Linienstraße, der Auguststraße und in der Joachimstraße befanden, in der Gegend des Schlesischen Bahnhofs, des Alexanderplatzes und im Wedding. Engelbrecht, der seinen Kampf gegen die Nachtlokale und die Stätten des Glücksspiels stoisch und zügig durchführt, scheint zunächst auf Wohlwollen bei seinen Vorgesetzten zu stoßen. Im Oktober 1921 setzt man ihn auch noch auf die Mordbereitschaftsliste der Kriminalpolizei, auf der in der Regel 16 Namen von Kriminalkommissaren verzeichnet sind, die Mordfälle und schwere Kapitalverbrechen aufklären sollen.

Seine Berufserfahrung, sein Insiderwissen, seine kriminalistischen Erfolge führen dazu, dass er unter die Schriftsteller geht und auch Vorträge im Rundfunk hält. Unter anderem schreibt er mit Leo Heller zusammen „Die Kinder der Nacht“ und die „Berliner Razzien“, er  verfasst auch Beiträge für kriminalistische Fachzeitschriften. Doch nicht allen Kollegen gefällt der stänig wachsende Output des Schriftstellers Engelbrecht, und vor allem stören sich viele zunehmend an seiner politischen Einstellung. Zeitungen wie die Rote Fahne und der Vorwärts kritisieren die offen nationale Einstellung des stadtbekannten Kommissars, man beschimpft ihn als reaktionär.

Als man ihn im Polizeipräsidium auffordert, auch für demokratische und linksgerichtete Zeitungen zu schreiben, lehnt Engelbrecht dies strikt ab. Zu Konflikten kommt es vor allem mit Bernhard Weiß, der ab 1925 der Chef der Berliner Kriminalpolizei ist und der 1927 zum Polizei-Vizepräsidenten ernannt wird. Weiß ist überzeugtes Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und politisch somit ein völliger Gegenpol. Am 2. Juli 1927 bittet Engelbrecht um Entlassung aus dem Polizeidienst, unter Weiß könne und wolle er nicht mehr arbeiten. Zudem sei sein Gesundheitszustand nicht imstande, den vielfältigen Angriffen gegen seine Person standzuhalten.

Eintritt in die NSDAP

Die Entlassung wird nach einer ärztlichen Untersuchung abgelehnt, Engelbrecht, heißt es, sei kerngesund. Daraufhin schreibt Engelbrecht ein begründetes Abschiedsgesuch, woraufhin ihn Polizeipräsent Zörgiebel schließlich doch noch aus dem Staatsdienst entlässt. Die Ansprüche auf ein Ruhegehalt hat Engelbrecht allerdings unwiderruflich verloren. Engelbrecht geht zunächst zwei Jahre lang auf Reisen und hält in den darauf folgenden Jahren mehr als 350 Vorträge über seine Erlebnisse in der Verbrecherwelt des In- und Auslands.

Im Oktober 1928 gründet er den „Überwachungsdienst für Handel & Industrie“, am 1. Mai 1933 tritt er in die NSDAP ein. Zwei Jahre später bietet er in einem Brief an Reichsminister Hermann Göring seine Dienste „im Kampfe um die Schaffung eines neuen nationalen Deutschlands“ an. „Alle wahrhaft nationalen deutschen Männer“ seien dafür unentbehrlich. Doch der Anbiederungsversuch ist nicht von Erfolg gekrönt, eine Antwort Görings an den „treu deutschen“ Kriminalisten nicht überliefert. Die Rückkehr in den Staatsdienst bleibt Engelbrecht versagt.

Am 7. Juni 1945 wird er – Augenzeugin ist seine Ehefrau Hanna – in Berlin-Frohnau verhaftet und am 15. Juni 1945 durch die operative Gruppe Nr. 20 des NKWD (Ministerium für Innere Angelegenheiten der UdSSR) dem Speziallager Nr. 3 in Berlin Hohenschönhausen übergeben, das am 22. April von sowjetischen Streitkräften als Haftarbeitslager aufgebaut worden ist. Als Haftgrund heißt es lapidar: „Mitarbeiter bei der Polizei“. Am 14. Oktober 1945 ist Ernst Engelbrecht dort gestorben, die genaue Todesursache wird in den Akten des Deutschen Roten Kreuz nicht genannt. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.