Die Straße führt hinauf auf 2000 Meter. Der Blick geht über die Hügellandschaft des Kosovos bis nach Serbien. In seinem Geländewagen mit Potsdamer Kennzeichen kurvt Heiner Röger zum nächsten Windrad. Der Unternehmer aus der brandenburgischen Landeshauptstadt ist verantwortlich für den Bau des größten Windparks auf dem Balkan und inspiziert gerade eines seiner größten Projekte.

Die Zahlen seines Unternehmens sind beeindruckend: 1400 Megawatt Windenergie installiert, 4200 Megawatt Windenergie in der Entwicklung, 3400 Megawatt Solarenergie in der Entwicklung, 260 Megawatt im Eigenbetrieb, über 200 Mitarbeiter. „Vor dem Winter müssen wir fertig sein“, sagt Röger zu Andrew Hemphill, seinem Manager vor Ort in den Hügeln des Kosovos. Es wird Zeit, dass sich was dreht – im November gingen die ersten Anlagen ans Netz.

Wenn Röger aus seinem Leben erzählt, sagt er gleich: „Ich bin ostsozialisiert.“ Aufgewachsen ist Röger in Berlin-Pankow, zum Ende der DDR arbeitete er als Nachrichtentechniker beim Fernsehen für „Elf 99“. Eine Biografie, die viele Brüche zeigt, ehe sie 2001 in Potsdam mit der Gründung von Notus energy seine Erfüllung fand. Eine Geschichte, die erzählt werden will.

Windräder hätten keine Zukunft, sagten seine Freunde

Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte Heiner Röger Lateinamerikawissenschaften an der Universität Rostock. 1989, im Jahr der Wende, saß er gerade an seiner Promotion zur Konterrevolution gegen die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung, geführt von Simona Bolívar. Das Thema war für den leidenschaftlichen Rockmusikfan und Sammler von Platten – die er noch heute alle besitzt – eine Projektionsfläche, sich kritisch mit dem Arbeiteraufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 auseinanderzusetzen – ohne diesen zu nennen.

Die Promotion ließ sich nicht mehr realisieren, er arbeitete dann als Motivationstrainer und Dozent in der Erwachsenenbildung; die Nachwendezeit war für viele auch die Zeit der Suche nach der neuen Bestimmung. Umfangreiche wirtschaftliche Kenntnisse erwarb er sich in einem zweieinhalbjährigen Traineeprogramm zum Filialleiter in einer großen Bank. Danach arbeitete Röger ein knappes Jahr in Sankt Petersburg, gründete später mit einem Partner ein kleines Teegeschäft, bevor er 1998 die ersten Windprojekte startete, damals zunächst für Energiekontor aus Bremen.

„Was willst du da?“, fragten ihn seine Freunde. Windräder hätten keine Zukunft – der Gegenwind in seinem persönlichen Umfeld stachelte ihn an. Aus seiner anfänglichen Begeisterung für die sich drehenden Flügel entstand schließlich das Unternehmen, das heute über 200 Mitarbeiter beschäftigt. „Als Quereinsteiger bei den erneuerbaren Energien sehe ich andere Dinge als zum Beispiel die reinen Ingenieure“, erklärt Röger, wenn man ihn nach seinem Erfolg in der Branche fragt. Wichtig sind ihm das „Denken außerhalb der Box“, der ganzheitliche Blick und auch das Unangepasste.

Von Anfang an faszinierte Röger die Ästhetik der Windräder: „An der aerodynamischen Form der Windflügel kann ich mich bis heute nicht sattsehen“, sagt er und blickt über die Hügel im Kosovo. Inzwischen hat sich das Potsdamer Unternehmen zu einem der großen unabhängigen Stromerzeuger in Deutschland entwickelt und betreibt weltweit Solar- und Windenergieanlagen.

Das Zusammenspiel von Ästhetik und Technik treibt Röger weiter an: „Je genauer wir die natürlichen Kräfte nachbilden, umso effizienter und schöner wird das Ergebnis.“ Er steigt aus seinem Toyota Land Cruiser und zeigt auf drei 69 Meter lange Rotorblätter, die auf Spezial-Lkws liegen. Kräne einer kroatischen Spedition aus Zagreb stehen bereit, der Moment, wenn die Rotorblätter hochgezogen und angebracht werden, ist einer der Stressmomente für die Ingenieure.

750 Kubikmeter Steine und Erde weggeschafft, über 300 Sprengungen durchgeführt

„Heute darf kein Wind wehen“, sagt Rögers Mann und schaut in den Himmel. Die Luft in Pristina, in der Hauptstadt des Kosovos, soll die schlechteste auf dem gesamten Balkan sein. Zwei alte Kohlekraftwerke russischer Bauart aus den 1950er-Jahren sorgen noch für Strom – doch das wird ab November Schritt für Schritt anders. Rögers Potsdamer Firma baut seit zwei Jahren 27 Windkrafträder in die Berge an der Grenze zu Serbien.

750 Kubikmeter Steine und Erde weggeschafft, über 300 Sprengungen durchgeführt, Fundamente mit einem eigens errichteten Betonmischwerk in den Bergen gebaut, über 30 Kilometer asphaltierte Straßen im Windpark angelegt. Veranschlagte Baukosten von fast 40 Millionen Euro.

Was waren die stressigsten Momente in den zwei Jahren? „Als wir in den Gesteinsproben Asbest feststellten, die Baustelle fast stillstand und wir die Ergebnisse abwarten mussten“, erzählt Andrew Hemphill. Oder als sie Munition in den Bergen fanden vom Nato-Beschuss des Serbien-Krieges aus dem Jahre 1999. Oder als fünf Meter hohe Schneeverwehungen die Straßen unkenntlich machten.

Ulrich Hansbuer
Der größte Windpark im Balkan

Das Kosovo stellt komplett auf grüne Energie um

Probleme sind da, um gelöst zu werden – nach diesem Motto hat Rögers Mann vor Ort, Andrew Hemphell aus Paretz im Havelland, seine erste große Baustelle geführt. „Auch an einige kulturelle Sachen der Kosovaren musste man sich erst gewöhnen“, merkt Hemphill an, der in Chicago groß geworden ist; er nennt sich gerne „der havelländische Amerikaner“. Die Menschen im Balkan hätten ihre eigene Mentalität. In den letzten Wochen, als sich der Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo aufgrund von Hoheitszeichen an Nummernschildern wieder einmal zuspitzte, mussten einige Lieferungen Umwege über Mazedonien nehmen.

Die 27 Türme mit einer Höhe von 110 Metern, die aus China geliefert wurden, stehen. 20 Kilometer Hochspannungsleitung mit 110 Kilovolt, ein 120-Megawatt-Umspannwerk sowie zwei Transformatoren zur Übergabe des Stromes an das Kosovo – auch das gehörte in den Verantwortungsbereich der Potsdamer Firma.

Alles wird nun rechtzeitig fertig, das Kosovo stellt komplett auf grüne Energie um. Und der Windpark im Kosovo wird komplett digital von der Potsdamer Zentrale aus gesteuert und gewartet. Nach nur zwei Jahren Bauzeit und vier Jahren Vorlauf – preußische Planung ist alles.

In Deutschland wäre ein solcher Zeitplan aufgrund der Gesetzeslage nicht mehr durchführbar, sagt Heiner Röger noch. Dabei brauchen wir hier eigentlich mehr Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien.

Langsam und vorsichtig zieht der Kran die Rotorblätter hoch, die später einen Rotordurchmesser von 136 Metern ergeben. „Erneuerbare Energien schaffen Win-win-Situationen“, sagt Röger und freut sich: „Über die Zukunft unserer Kinder“.

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