Unesco-Weltkonferenz in Taschkent: Die Pandemie hat die frühkindliche Bildung verschlechtert

In Taschkent fand die Unesco-Weltkonferenz zu frühkindlicher Bildung und Betreuung statt. Wie geht es Kleinkindern weltweit? Und woher kommt der Fortschritt in Usbekistan?

Usbekistan: Die Mauern von Ichan-Qal’a.
Usbekistan: Die Mauern von Ichan-Qal’a.Lucas Vallecillos/imago

Die Gespräche kamen auf Anhieb in hoher Intensität in Gang. Menschen aus aller Welt drängelten im Pausenfoyer des Kongresshotels Hilton in Taschkent zwischen Stehtischen, standen Schlange vor den Büfetts voller usbekischer Speisen. Es ist gerade Lunchzeit im dreitägigen Konferenz-Marathon auf dem Unesco-Weltkongress für frühkindliche Bildung und Vorschulerziehung. Bildungsexperten unterhalten sich mit Ministern aus Afrika oder Asien, Vertreterinnen von NGOs aus Europa mit Wissenschaftlern aus den USA, Lehrerinnen aus Usbekistan mit der Reporterin aus Deutschland. Sie alle vereint die eine große Frage: Was braucht es, um die Kleinsten dieser Gesellschaft mit frühkindlicher Bildung zu versorgen? Wie sollen die frühen Jahre für Kinder im Alter von null bis acht Jahren auf diesem Globus nachhaltig gestaltet werden, um sie für ihre Zukunft stark, gebildet und resilient zu machen?

Ein Thema, das kaum je auf die Agenda von Kongressen oder Gipfeln kommt. Lange Zeit war die frühe Kindheit ein blinder Fleck in der öffentlichen Ordnung. Und das, obwohl gerade kleine Kinder die verwundbarsten Erdbewohner und oft schutzlos den Folgen von Konflikten, Klimawandel, Migration und Ignoranz ausgesetzt sind. Das wollte die Unesco mit diesem Weltkongress ändern und die Anliegen der Kleinsten auf die große Weltbühne heben. Zum zweiten Mal überhaupt, nach 2010 in Moskau.

Vorteile frühkindlicher Betreuung und Bildung

Seitdem ist bekanntlich viel passiert – und auch wenig, je nachdem, wohin man blickt. So trafen sich 1500 Menschen aus 150 UN-Mitgliedsstaaten Mitte November in der usbekischen Hauptstadt, um eine aktuelle Bestandsaufnahme über die Entwicklungen und Herausforderungen in diesem Bildungsbereich vorzunehmen und politische Empfehlungen zu erarbeiten. „Early Childhood Care and Education“, kurz ECCE, lautet die Formel, um die Jüngsten weltweit mit Lernprogrammen für eine gesunde Entwicklung auszustatten.

Usbekistan: Schülerinnen in traditioneller Kleidung.
Usbekistan: Schülerinnen in traditioneller Kleidung.Fabian Sommer/dpa

Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein, die Zahlen sprechen für sich: Trotz eindeutiger Beweise für die Vorteile frühkindlicher Betreuung und Bildung zeigen neue Daten, dass eines von vier Kindern im Alter von fünf Jahren nie irgendeine Form von Vorschulerziehung erhalten hat. Das entspricht 35 Millionen von 137 Millionen Fünfjährigen weltweit, weil nur die Hälfte aller Länder eine kostenlose Vorschulbildung garantiert.

Die Covid-19-Pandemie hat die Situation der Kinder im Vorschulalter noch verschlechtert und die Ungleichheit im Zugang zu Bildung vergrößert – nicht nur in den ärmeren Ländern. „Es geht um nichts weniger, als das Gesellschaftsmodell zu definieren, in dem wir leben wollen“, sagte die Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay bei der Eröffnung, „um eine Gesellschaft, die sich um ihre Kinder kümmert, sie anleitet und ihnen all die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdienen.“ So zielte die Konferenz darauf ab, politische Verpflichtungen für radikale Veränderungen und neue Maßstäbe für die Betreuung und Bildung der Jüngsten zu mobilisieren: für Inklusion, Qualität und Wohlbefinden, für Pädagogen, Lehrer und Betreuer, für Innovationen, Strukturen und solide Finanzierung. Und eine abschließende Willenserklärung zu erarbeiten – die „Tashkent Declaration“.

Lösung für die frühkindliche Bildung

Schnell war klar, dass das nicht nur Schlagworte sind. Viele Teilnehmer kamen aus Krisengebieten wie etwa aus Mali oder vom Horn von Afrika. So sagte der Vertreter aus Eritrea auf Nachfrage, ob frühkindliche Bildung in seinem Land überhaupt möglich sei: „Wir müssen in erster Linie überleben!“ Wasser, Ernährung – darum gehe es in seinem Land. Mütter und Kinder werden getötet in dem gegenwärtigen Konflikt, einem „Krieg der Supermächte“ – er nannte die USA, Russland und neuerdings auch China.

Andererseits ermutigte es zu hören, wie viele Akteure privater Bildungsinitiativen weltweit im Einsatz sind. Sie leisten einen wichtigen Beitrag in der Unterstützung von Regierungen. Der Nepalese Purna Kumar Shrestha von Voluntary Service Overseas mit Sitz in London beschreibt, wie diese Organisation lokale, nationale und internationale Freiwillige miteinander verknüpft und in den am stärksten marginalisierten und gefährdeten Gemeinschaften der Welt Projekte, Lern- und Spielprogramme umsetzt. Beispielsweise im dürregeplagten Kenia oder in Bangladesch mit aus Myanmar geflüchteten Rohingya.

Aus Polen war die junge Ada Milewska angereist, wo durch den brutalen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine seit Ende Februar Hunderttausende Flüchtende ins Land strömen, vor allem Frauen und Kinder. Milewska ist die Koordinatorin des Spynka-Projekts der Comenius-Stiftung in Warschau. Hier wird Kindern geholfen, ihre Traumata aufzuarbeiten und „damit sie ihr Recht auf ihre Kindheit wiederbekommen“.

Spynka bedeutet auf Ukrainisch Wirbelsäule, auf Polnisch korreliert es mit dem Verbinden von Dingen. Anfangs fungierten sie als Anlaufstellen für die Registrierung der Geflüchteten, zur Jobsuche und auch als Ruhezonen für die Mütter, erzählt Milewska. Als die Frauen jedoch anfingen, wegen fehlender Kinderbetreuung zurück ins Kriegsgebiet zu kehren, wurde, um das zu verhindern, das Projekt im Frühsommer massiv ausgebaut. Spynkas im ganzen Land versorgen nun ukrainische Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter. „Unser Ziel für die Zukunft ist es, nicht nur Pädagogen auszubilden, die in unseren Zentren arbeiten, sondern dass sie auch in ihre eigenen Länder zurückkehren und dort ein ähnliches Programm aufbauen können“, sagt Milewska. „Wir wollen Spynka zu einer langfristigen Lösung für die frühkindliche Bildung machen.“

Und wie steht es um Geschlechtergerechtigkeit?

Investitionen in die Vorschulerziehung unterscheiden sich sichtbar von Land zu Land. Eine These war, dass man angesichts der Vielzahl des Bedarfs sehr gute Konzepte für psychologische Hilfe brauche, die auch Erzieherinnen und Erzieher anwenden können, die keine spezifische Ausbildung in Psychologie oder Psychiatrie haben. „Was uns hier verbindet, ist die Sorge, dass gerade in der Phase der frühen Kindheit Ungleichheiten entstehen. Die wollen wir beseitigen“, sagt Roman Luckscheiter, Generalsekretär der Deutschen Unesco-Kommission. Es geht um Förderstrukturen und um den frühen Zugang zu Bildungsangeboten.

„Wir wissen aus Deutschland ja selbst, dass durch den Rechtsanspruch auf Betreuung sehr viel für den Ausbau der Kapazitäten getan wird.“ Laut einem aktuellen Bericht hat sich die weltweite Teilnahmequote an vorschulischer Bildung zwar insgesamt auf 61 Prozent im Jahr 2020 erhöht, in Ländern mit niedrigem Einkommen liegt sie aber nur bei 20 Prozent. Ein Grund ist der gravierende Fachkräftemangel. Zusätzliche 9,3 Millionen Fachkräfte werden benötigt, um bis zum Jahr 2030 vorschulische Bildung für alle Kinder weltweit sicherzustellen.

Usbekistan: Kinder spielen am Abend auf der Straße.
Usbekistan: Kinder spielen am Abend auf der Straße.Cathrin Bach/imago

Und wie steht es um Geschlechtergerechtigkeit, wer sind die Lehrkräfte? Weltweit zeige sich das Phänomen, so Luckscheiter, dass über 90 Prozent der Lehrkräfte im vorschulischen Bereich weiblich sind. „In Deutschland sind es um die 93 Prozent.“ Durch Förderangebote wolle man mehr Männer gewinnen und sie in den frühkindlichen Bildungsbereich holen. Es ist ein universelles Thema. Und so, wie sich die Gesellschaften wandeln und entwickeln, müssen sich auch Curricula, Methoden, Themen weiterentwickeln. „Da kann man hier den Austausch suchen, und wer wo mit Erfahrungen helfen kann.“

Vorschulerziehung für Tausende Kinder

Die Unesco gibt Empfehlungen und sie kann über ihre Instrumente Standards setzen, mit den Teilnehmerländern Lehr- und Lernprogramme entwickeln, Daten erheben und Monitoring betreiben, die Umsetzung aber obliegt der Arbeit und den jeweiligen Ausprägungen vor Ort.

Es braucht also den politischen Willen und zunehmende finanzielle Mittel. Das zeigt das Gastgeberland Usbekistan geradezu vorbildhaft. 2017 hat die Regierung im Zuge des Reformkurses unter Präsident Schavkat Mirziyoyev aus dem Bildungsministerium ein eigenständiges Ministerium für frühkindliche Bildung herausgeschält. Seitdem wurde im ganzen Land nicht nur in den Bau von Kindergärten investiert. Sondern auch in Aqlvoy, einen Kindergarten auf Rädern, bestehend aus einer Flotte leuchtend gelber Busse, die dreimal pro Woche schwer erreichbare Dörfer in ländlichen Gebieten Usbekistans besuchen.

Die Aqlvoy-Busse bieten Tausenden von Kindern, die sonst keinen Zugang hätten, eine Vorschulerziehung – zu einem Bruchteil der Kosten für den Bau und Betrieb von Kindergärten. Das Aqlvoy-Programm ist Teil einer umfassenderen usbekischen Kampagne, die darauf abzielt, bis 2026 mindestens 80 Prozent der jüngsten Kinder in eine kostenlose Vorschule zu schicken. Sehr ambitioniert für ein Land, in dem jedes Jahr 800.000 Kinder geboren werden – bei 35 Millionen Einwohnern.

Taschkent soll ein regionales Unesco-Zentrum werden

„Aqlvoy“ heißt „clever“ und so benannt ist auch ein vom selben Ministerium gegründeter Kinder-TV-Sender. Der Kanal wurde im März 2021 gestartet, sendet auf Usbekisch, aber auch auf Russisch und Englisch. Sein Programm ist auf Bildung, abenteuerliche und humorvolle Inhalte ausgerichtet, die hauptsächlich aus den USA, Russland, Südkorea und China stammen. Selbst hier versucht die Regierung, eine Balance zwischen den Welträumen zu finden.

Geleitet wird dieses Ministerium für frühkindliche Bildung und Vorschulerziehung von Aggripina Shin. Sie weist denn auch auf den Erfolg in den fünf Jahren seines Bestehens hin: Von einer Einschulungsrate von 27 Prozent im Jahr 2017 sind jetzt fast 70 Prozent der usbekischen Kinder in eines der Vorschulprogramme eingeschrieben. Usbekistan wendet derzeit vier Prozent des BIP für Bildung auf, was laut Shin „keine Ausgabe, sondern eine Investition“ ist. „Wir arbeiten hart daran, ein neues Usbekistan aufzubauen, und die Entwicklung des Humankapitals hat Priorität“, sagt sie. „Nachhaltige Entwicklung geht verloren, wenn die jüngste Generation nicht gebildet wird.“

Präsident Mirziyoyev, der seit seinem Amtsantritt im Herbst 2016 in allen Bereichen ein ehrgeiziges Reformprogramm verfolgt, unterstreicht zum Abschied: „Dort, wo es Bildung und Ausbildung gibt, wird es Wissenschaft, Kultur und Entwicklung geben. Radikalismus und Extremismus werden in einer hochgebildeten Gesellschaft niemals Fuß fassen.“ Er will, dass Taschkent ein regionales Unesco-Zentrum wird. Hier sollen die Bemühungen für eine nachhaltige Entwicklung in Zentralasien koordiniert werden.

Bestandsaufnahme beim nächsten Weltkongress

Zum Schluss wurde die Erklärung von Taschkent präsentiert. Dieses Ergebnisdokument der Konferenz legt die internationale Agenda in der frühkindlichen Betreuung und Bildung bis 2030 fest. Darin wird bekräftigt, wie wichtig es ist, allen Kindern mindestens ein Jahr kostenlose und obligatorische Vorschulerziehung von hoher Qualität zu gewährleisten und die Finanzierung zu erhöhen. Empfohlen wird, mindestens zehn Prozent der Bildungsausgaben für die Vorschulerziehung und die Betreuung der Kleinsten aufzuwenden. Dem Personal solle derselbe Status, einschließlich der Bezahlung, wie Grundschullehrern gewährt werden.

„Das sind Selbstverpflichtungen der Mitgliedstaaten, auf die man sich letztlich einigt“, sagt Roman Luckscheiter. „Die Aufmerksamkeit ist jetzt da, das Wissen, dass andere auch daran arbeiten, das hilft der Sache ungemein.“ Eine Menge Aufgaben, die gelöst werden müssen und die die Delegierten nun mit nach Hause nahmen. Jedes Land muss in seiner jeweiligen Verfasstheit die passenden Möglichkeiten finden, sie umzusetzen. Die Erklärung wird Motivation entfalten. Wie nachhaltig ihre Wirkung sein wird, wird die kommende Bestandsaufnahme beim nächsten Weltkongress zeigen.

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