Berlin - Zu den Jubiläen des neuen Jahres, die hierzulande wohl wenig Beachtung finden werden, zählt ein sprachgeschichtliches oder genauer: ein sprachpolitisches. Es markiert eine Zäsur in der Geschichte des Nahen Ostens und weist doch immer wieder Bezüge nach Deutschland und gerade nach Berlin auf.

Im Sommer 1922 erklärte Herbert Samuel, High Commissioner für Palästina, das Hebräische neben Englisch und Arabisch zur dritten Amtssprache im britischen Mandatsgebiet. Erwirkt hatte diese administrative Aufwertung einer Sprache, die seit der Spätantike Liturgie, Theologie, Wissenschaften und gelehrtem Briefeschreiben vorbehalten war, ein jüdischer Sprachwissenschaftler und Publizist. 

1858 war er als Eliezer Yitzchak Perlman im heutigen Belarus geboren worden. Seine Eltern verordneten ihm die Yeshiva, die jüdische Hochschule, um einen Rabbiner aus ihm zu machen, doch ausgerechnet dort kam er erstmals in Berührung mit geistigen Strömungen, die ihn auf ganz andere Gedanken bringen sollten.

Das Berlin der Zionisten

So gelangte er zum einen an Schriften der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, deren wichtigster Schauplatz einst das Berlin Moses Mendelssohns war. Zum anderen lernte er Anschauungen und Programme einzelner Zionisten kennen. Viele herausragende Figuren des Zionismus und große Intellektuelle unter den Auswanderern hatten ihren Lebensmittelpunkt zumindest zeitweise in Berlin, etwa Hugo Bergmann, der ein enger Schulfreund Franz Kafkas gewesen war und später in Jerusalem zum Leiter der Hebräischen Nationalbibliothek wurde; Gershom Scholem, der kongeniale Geschichtsschreiber der jüdischen Mystik und Martin Buber, der Religionsphilosoph und Übersetzer der „Erzählungen der Chassidim“, der mit Chaim Weizmann, dem späteren Präsidenten des israelischen Staates, in Zehlendorf den Jüdischen Verlag gründete.

Perlman entschied sich zunächst für ein Medizinstudium in Paris. Spätestens dort verband sich für ihn die Forderung nach einem jüdischen Staat mit dem Glauben an die Wichtigkeit einer Renaissance des Hebräischen als Sprache. Diese Überzeugung war alles andere als selbstverständlich. Theodor Herzl etwa favorisierte Deutsch als Landessprache des zu schaffenden Judenstaats; für den Gedanken einer Revitalisierung der halbtoten Sprache Hebräisch hatte er nur Spott übrig. 

Als Perlman 1881 die Aliyah, also die Auswanderung in das noch osmanische Palästina wagte, machten Juden keine zehn Prozent der dortigen Bevölkerung aus und lebten vorwiegend in den alten Zentren Jerusalem, Safed, Hebron und Tiberias. Es waren aber auch die Jahre, in denen die ersten neuzeitlichen jüdischen Siedlungen in Palästina gegründet wurden, die wie Petach Tikva (1878) und Rishon LeZion (1882) heute noch bestehen. Die Juden, auf die Perlman in Palästina traf, sprachen Arabisch, Jiddisch, Judenspanisch, Russisch.

Perlman selbst, der sich nun Ben-Yehuda nannte, soll vom ersten Tag in Eretz Israel an ausschließlich Hebräisch gesprochen haben. Seine Zeitschriften HaZvi („Der Hirsch“) und HaOr („Das Licht“) erschienen ebenfalls auf Hebräisch. Sie trugen ihm die Feindschaft von Teilen der jüdischen Orthodoxie ein, die ihre heilige Sprache durch den profanen Gebrauch herabgewürdigt sahen.

Gemeinsam mit einigen anderen wie dem Rabbi Yechiel Michel Pines gründete Ben-Yehuda den Sprachverein Tehiyyat Israel („Wiedergeburt Israels“). Mit der Gründung des Rats der hebräischen Sprache – später wurde aus ihm die Akademie der hebräischen Sprache – erhob Ben-Yehuda Anspruch auf Autorität. Vor allem aber gingen er und sein Kreis daran, den Wortschatz der Sprache der Propheten zukunftstauglich zu machen.

Tomate? Liebesapfel!

Neue Benennungen lassen sich im Hebräischen aus shorashim bilden, Wortwurzeln, die meist aus drei Konsonanten bestehen. Die mussten aber erst einmal gefunden werden. Halfen dabei im Einzelfall althebräische Texte nicht weiter, griff Ben-Yehuda vor allem auf andere semitische Sprachen wie Arabisch und Aramäisch zurück. Sogar das Deutsche kam zum Einsatz, wie seine Idee, das Wort ,iton‘ für Zeitung aus dem Wort ,et‘ für Zeit abzuleiten, zeigt.

Auch eine Bezeichnung für die Tomate, die zu biblischen Zeiten in Vorderasien unbekannt war, wollte aus einer hebräischen Wurzel entwickelt werden. In dieser Frage setzte sich allerdings Rabbi Pines gegen Ben-Yehuda durch. Er zog zur Wortbildung den veralteten deutschen Ausdruck ,Liebesapfel‘ heran. Zur agvania wurde das inzwischen auch in Palästina beliebte Gewächs schließlich, weil Pines den deutschen Wortbestandteil ,Liebe‘ mit der Wortwurzel assoziierte, die im Kern auf das Verb ,begehren‘ verweist. Wichtiger als Wörter mit deutscher Wurzel sind für das heutige Hebräisch aber Lehnwörter aus dem Deutschen, die nicht nur wie shalter, daiksl und tifdruck dem technischen, oder wie shnitsel, bretsale und binenshtish dem kulinarischen Bereich entstammen, sondern fast wie ein laitmotiv alle Lebensbereiche durchziehen.

Zur heute legendären Nagelprobe für die Alltagstauglichkeit der uralten, aber an die Bedürfnisse des 20. Jahrhunderts angepassten Sprache wurde für Ben-Yehuda die Erziehung seines Sohnes Ben-Zion, der sich später Itamar Ben-Avi nannte. Ben-Yehuda schirmte das Kind vor nahezu allen äußeren Einflüssen ab, um es rak ivrit – nur Hebräisch – hören zu lassen. Das pädagogisch fragwürdige Experiment gelang und Itamar wurde zum ersten neuzeitlichen Hebräisch-Muttersprachler.

Bei null anfangen musste Ben-Yehuda mit seinen Wiederbelebungsmaßnahmen nebenbei bemerkt nicht. Hebräisch war, zumindest in Jerusalem, bereits früher zu einer Art Pidgin-Sprache geworden, in der Juden unterschiedlicher Herkünfte einfache Gespräche führten. Außerdem waren Ben-Yehuda und sein Zirkel beileibe nicht die einzigen Wortschöpfer; auch Grundschullehrer, die erste Versuche mit Hebräisch als Unterrichtssprache machten und Übersetzer, die Shakespeare oder Goethe in die Sprache des Alten Testaments übertrugen, mussten immer wieder lexikalische Lücken schließen.

In der Bibliothek am Bebelplatz

Seine sprachwissenschaftlichen Studien führten Ben-Yehuda zeitweise zurück nach Europa, 1902 auch in die Königliche Bibliothek am heutigen Bebelplatz in Mitte. Alten Sprachbestand und neue Erfindungen führte Ben-Yehuda in einem Wörterbuch zusammen. Diesen Thesaurus „Totius Hebraitatis“ veröffentlichte er zunächst nicht in Tel Aviv oder Jerusalem, sondern bei Langenscheidt in Berlin. Auch viele der Exponenten der neu aufkommenden hebräischsprachigen Literatur verlegten Bücher und Zeitschriften in der deutschen Hauptstadt.

Das hatte zwar sicherlich mit der Rolle Berlins als Dorado der Avantgarden und Hochburg jüdischen Lebens zu tun. Hinzu kam aber der ökonomische Grund, dass in Deutschland Gedrucktes in guter Qualität und – besonders während der Hyperinflation der frühen Zwanziger – für wenig Geld zu bekommen war.

Als Hebräisch Amtssprache in Palästina wurde, hatte es sich bereits als lingua franca der jüdischen Bevölkerung durchgesetzt. Diesen Erfolg hat Ben-Yehuda noch erlebt, die Fertigstellung seines Wohnhauses im Jerusalemer Stadtteil Talpiot verpasste er jedoch um wenige Wochen. 1971 wurde es vom damaligen Bürgermeister Teddy Kollek der deutschen Freiwilligenorganisation Aktion Sühnezeichen vermacht, die es unter dem Namen Ben-Yehuda-Haus betreibt und dort unter anderem Hebräischkurse für Menschen aus aller Welt anbietet.

Das Englische verlor übrigens 1948, mit der Gründung des Staates Israel, seinen Status als Amtssprache. Dem Arabischen, das seit vielen Jahrhunderten in der Region gesprochen wird, wurde er im Jahr 2018 durch das Nationalstaatsgesetz entzogen, einem Projekt rechtspopulistischer Parteien wie Netanyahus Likud.

Der Autor ist Germanist und promoviert zur deutsch-jüdischen Literatur. 

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