Berlin - „Ein Frosch!“ Das kleine schokoladenüberzogene Teil auf meinem Teller hatte Augen aus Zuckerguss und aus dem weit aufgerissenes Maul leuchtete rosa Buttercreme. Ich biss hinein und Himbeersüße füllte meinen Mund. Dreizehn Jahre alt wähnte ich mich im Himmel.

„Wir haben gestern ein deutsches Restaurant entdeckt.“ Meine Mutter strich meinem neuen Stiefvater über den Kopf. Wir alle berührten gerne Detlevs Bürstenschnitt, weil er sich wie ein frisch gemähter Rasen anfühlte. Der „crew cut“ war das amerikanischste an diesem deutschen Mann, der uns vor einem Jahr aus Berlin nach Minnesota, USA, gebracht hatte. „Es gab sogar richtiges Brot“, sagte meine Mutter. Dann seufzte sie. „Alles war so vertraut, ich fühlte mich wie in Berlin.“

Fortan gehörte das „Lincoln Del“ in Minneapolis zu unserem Leben. Immer wenn meine Mutter starkes Heimweh hatte, sind wir dort essen gegangen. Es war ein einfaches Restaurant, kleine Tische standen eng beieinander in einem großen rechteckigen Raum. In einer erleuchteten Glasvitrine standen Käsetorte und Schokoladenkuchen, Cream Pie und Erdbeer-Sahne-Shortcake, sodass man gleich an den Nachtisch denken musste.

Kindheit im geteilten Berlin

Die laminierten Speisekarten waren fast ein halben Meter hoch. Wir suchten immer das Vertraute aus: „cabbage rolls“, die uns als Kohlrouladen bekannt waren; „latkes“, die wir Kartoffelpuffer nannten; Hühnersuppe mit Matzo Balls, die wie Grießklöße schmeckten. Das Lincoln Del galt als bestes jüdisches Deli in der Stadt. Aber für uns war es ein deutsches Restaurant.

Ich wurde sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in West-Berlin geboren. Kein Einziger aus meiner Familie war in der NSDAP gewesen, die Männer hatten nicht an der Front gekämpft. Die Bombenangriffe hatten ein Ruinenfeld aus Berlin gemacht, aber meine Verwandten waren verschont geblieben. Zwei Großtanten mussten mit ihren jüdischen Ehemännern nach England fliehen. Aber es gab auch keine Widerstandskämpfer in meiner Familie. Niemand hatte sein Leben riskiert, um Juden oder Kommunisten zu verstecken. Meine Eltern waren verängstigte und traumatisierte Teenager, als die Alliierten Hitler besiegten. Nach dem Krieg erzählten die Verwandten nicht viel. Nur beim Kaffeeklatsch redeten sie immer wieder vom Hunger, den sie erlittenen hatten.

Das Berlin meiner Kindheit war eine geteilte Stadt mit Ruinen, kriegsversehrten Männern und Besatzungssoldaten die Englisch, Französisch oder Russisch sprachen. Es war die Zeit des fieberhaften Wiederaufbaus. Alle schienen sich einig, dass harte Arbeit eine Zukunftsperspektive war und das Wirtschaftswunder ein Neuanfang. Berlin war auch eine Stadt ohne Juden – doch darüber wurde nicht gesprochen. Mich beschlich oft ein bedrückendes Gefühl, dass Gespenster unter uns sind.

Es gab Unausgesprochenes und verbotene Themen. Als ich einmal im Wartezimmer eines Zahnarztes eine Zeitschrift durchblätterte, stieß ich auf fürchterliche Fotos: Haufen von ausgemergelten Leichen, ein Berg abgetragener Schuhe, hohlwangige Männer in gestreifter Kluft. Ich war acht oder neun Jahre alt und wusste, dass die Bilder ein Konzentrationslager zeigten. Das waren die Orte, an denen Juden umgekommen waren. So haben es die Erwachsenen flüsternd formuliert, als wären Millionen Menschen vom Blitz erschlagen worden. Ich versteckte die Zeitschrift unter dem Stapel auf dem Tisch. Ich wollte nicht, dass die Alten im Wartezimmer mit mir schimpften, weil ich diese Bilder angesehen hatte. Ich traute mich nicht zu weinen.

Niemand wollte das Wort „Jude“ aussprechen

Als Kind bemerkte ich, dass Menschen unangenehm berührt waren, wenn das Wort „Jude“ fiel. Jahrhunderte war es ein Stigma gewesen, unter Hitler ein Todesurteil. Gelegentlich kam es in den Nachkriegsjahren vor, dass jemand es aussprach. Dann räusperten sich die Erwachsenen und griffen nach ihren Zigaretten. Das Gespräch versiegte, weil „Jude“ Massenmord und deutsche Schuld heraufbeschwor.

 1964 wanderte ich mit meiner Familie nach Minnesota aus. In den 1970er-Jahren verlor das Wort dort für mich seinen Schrecken. Als ich mit einem Freund den Vorlesungssaal der Universität verließ, fragte ich ihn nach dem Mann, der die guten Fragen gestellt hatte. „Du weißt schon, der große, italienisch aussehende Typ.“

„Italienisch? Wie kommst du darauf? David ist Jewish.“

Greggs Antwort überraschte mich, denn jüdisch war für mich immer noch eine gefährliche Zuordnung. Aber ich war auch erleichtert. Es war also möglich, es auszusprechen. Zumindest auf Englisch.

Sieben Jahre nachdem ich meine erste Matzo-Ball-Suppe gegessen hatte, bewarb ich mich als Kellnerin beim Lincoln Del. Ich wollte dort arbeiten, um mein Studium zu finanzieren, aber auch weil ich das Essen liebte. Es hatte mein Heimweh gestillt. Der Besitzer stellte mich ein, obwohl ich einen deutschen Akzent hatte. Ich war nicht die einzige nicht-jüdische Kellnerin, aber ich war die einzige Deutsche.

An meinem ersten Arbeitstag erschien ich in der vorgeschriebenen Kleidung: kurzer schwarzer Rock und weiße Bluse, eine schwarzglänzende Cocktailschürze, in deren großen Taschen ich Block, Stift und Trinkgeld verstauen konnte. Meine Haare trug ich hochgesteckt, auf meinem Namensschild stand Tina. Die dienstälteste Kellnerin zeigte mir die offene Küche, dort war es heiß, eng und laut. Teller klirrten, der Grill zischte, Dunst aus der Geschirrspüle vermischte sich mit dem Dampf aus dem riesigen Topf mit Borscht.

Hinter diesem Getöse war ein breiter Korridor mit Regalen, in denen Babka-Kuchen und Rugelach zum Kühlen aufgereiht waren. Daneben stand ein begehbarer Kühlschrank mit Bottichen, die sahnige Tortenfüllungen enthielten: Vanille, Schokolade, Banane. Ich war nicht die Einzige, die freiwillig Zitronen oder Petersilie aus dem Kühlschrank holte, immer mit einem Teelöffel in der Schürzentasche.

Die einzige Deutsche im jüdischen Deli

Die Gäste des Lincoln Del schienen sich zu kennen – aus der Synagoge, den Schulen der Kinder, dem Tennisklub. Sie grüßten einander überschwänglich, klopften sich gegenseitig auf die Schulter, bewunderten Babys, schnappten sich die Rechnungen von Freunden. Sie riefen Mazel Tov und Komplimente über die Tische hinweg und verkündeten lautstark ihre Meinungen. Es schien mir, als führten sie Gespräche fort, die woanders begonnen hatten.

Es war immer voll. Aber auch wenn es hektisch wurde, erwarteten die Kunden ein paar freundliche Sätze von uns Kellnerinnen. Schmoozing nannten sie das und ich begriff, dass es ein jiddisches Wort war.

Einmal hörte ich, wie eine Kundin leicht empört zu ihrem Mann sagte „Ich bin sicher, dass unsere Kellnerin Deutsche ist.“

„Aber dafür kann sie doch nichts“, erwiderte er. Ich servierte ihre Reuben-Sandwiches und sie lächelte mich an. „Ihr Akzent klingt eigentlich gar nicht deutsch.“ Sie meinte es als Kompliment, also bedankte ich mich.

Manchmal fragten mich Kunden, aus welcher deutschen Stadt ich kam. Eine silberhaarige Frau strahlte mich an, als ich ihr verriet, dass ich in Berlin geboren war. „Ein wunderbarer Ort. Die Partys und die Dinners werde ich nie vergessen.“ Sie guckte zu ihrem Begleiter „We were always drinking champagne!“ Sie wollte von mir das deutsche Wort wissen. „Ach ja, Sekt.“ Sie schnippte ihre Finger. „Damals floss der Sekt aus Springbrunnen.“

Sie musste vor Hitler in Berlin gelebt haben. Welcher Weg hatte sie nach Minnesota gebracht? Ich wagte nicht zu fragen. Später wunderte ich mich, welche Erinnerungen sie dazu bewegten, mir ein sehr großzügiges Trinkgeld zu hinterlassen.

Schlagfertigkeit auf Jiddisch

Das Kellnern im Del ergab eine steile Lernkurve. Ich lernte, was eine Kippah ist und zu welchen Anlässen sie von Männern getragen wird; dass Mizvahs gute Taten sind und jüdische Familien mit ihren Kindern über Weihnachtsbäume streiten; dass Yom Kippur der hohe Feiertag des Verzeihens ist. Ich begriff, dass viele Ausdrücke, die ich im Deutschen benutzte – Mischpoche, meschugge, Schlammassel – jiddisch sind.

Zu den Gesprächen über Bar Mitzvahs und Seders konnte ich nichts beitragen, dafür habe ich mir die besonderen Vorlieben der Kunden gemerkt: eine Portion Kascha in der Bohnensuppe, Zitronenscheiben zu den Blintzes. Manche Stammgäste bestanden darauf, von mir bedient zu werden. Sie fragten mich, wie es mit dem Studium lief, ob ich den Film „Cabaret“ schon gesehen hatte.

Ich fühlte mich in der Geselligkeit des Lincoln Dels wohl. Lag das am Essen? An den regen Gesprächen, der Schlagfertigkeit, der Selbstironie? Oder am Jiddisch? Warum war mir das Lincoln Del so vertraut? In Berlin hatte ich keine Juden gekannt. Aber vielleicht war die jüdische Kultur trotz Holocaust ins deutsche Leben eingewoben, wie Fäden in einem Teppich. Oder waren Aspekte des deutschen und jüdischen Lebens wie ein Matzo Ball: zusammen gerührt und dann zu einem festen Kloß gegart, sodass es unmöglich war, sie voneinander zu trennen. Wenn das stimmte, hatten die Deutschen im Holocaust einen Teil ihrer eigenen Kultur zerstört.

An einem Samstagabend war das Lincoln Del, wie immer, voll und laut, der Duft von gegrillten Sandwiches und Cabbage Rolls lag in der Luft. Ein Kunde rief mir zu „Bubeleh, mehr Kaffee!“ Ich ließ das Messer sinken mit dem ich gerade ein Stück Schokoladen-Pie schneiden wollte. Einen Moment lang schweifte mein Blick durch das Restaurant, streifte die vielen Menschen, die sich beim Essen unterhielten. Als hätte jemand den Ton ausgedreht, wurde es auf einmal ganz still. Dann hörte ich eine Stimme in meinem Kopf: Das ist jüdisches Leben.

Das Leben, das in Berlin fehlte

Dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, Tausende Kilometer von Berlin entfernt, stand ich im jüdischen Deli und erkannte, dass Berlin und jede andere deutsche Stadt durch Abwesenheit gezeichnet war. Die jüdischen Geschäfte, Restaurants, Cafés, Büros, in denen das Leben pulsiert hatte, ehe die Nazis an die Macht kamen – sie alle fehlten. Gewiss waren sie so munter gewesen wie das Lincoln Del. Alle diese Einrichtungen wurden „arisiert“ – überfallen, geplündert, enteignet. Kunden, Gäste und Eigentümer wurden festgenommen und ermordet. Einige konnten in einem Versteck überleben oder fliehen.

Ich bekam kaum Luft. Ganz langsam steckte ich das Messer zurück, stellte den Schokoladen-Pie in die Vitrine, bahnte mir einen Weg durch die heiße Küche. Sobald ich den Korridor erreichte, rannte ich die schmale Treppe hinunter. Im Umkleideraum setzte ich mich auf die Holzbank und weinte. Irgendwann putzte ich meine Nase und erneuerte den Lippenstift, um von meinen geröteten Augen abzulenken. Dann kehrte ich in den großen Raum zurück, servierte Pastrami-Sandwiches und Borscht, rechnete ab, steckte Trinkgeld ein.

Nach Mitternacht lief ich nach Hause. In dicken Stiefeln ging ich durch die eisigen Straßen. In meinem Studium hatte ich mich viel mit dem Holocaust beschäftigt und wusste, warum Juden nicht mehr in Berlin lebten. Doch niemals hatte ich mir ausgemalt, was die Stadt verloren hatte.

Die Autorin ist Politologin und Journalistin. Sie lebt, mit Unterbrechungen für längere Forschungsaufenthalte in Berlin, seit 1975 im kalifornischen Berkeley. Das Lincoln Del spielt eine Rolle in ihren gerade fertig gestellten Memoiren, „Divided“.

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