BerlinHomeschooling ist gegenwärtig überall präsent. Es gibt wohl im Moment keine Familie, die darüber keine Geschichte schreiben könnte. Auch wir möchten unsere Gedanken darüber äußern und teilen. Wir, das sind Jacqueline und Oliver, beide 42 Jahre alt, und unsere 15-jährige Tochter Fabienne. Bisher sind wir ziemlich gut durch die Krise gekommen. Wir Eltern sind weiterhin voll berufstätig und weder im Homeoffice noch in Kurzarbeit. Unsere Tochter besucht die neunte Klasse einer Sekundarschule in Berlin Lichtenberg.

Der erste Lockdown im März traf uns unvorbereitet, wir haben Scherze gemacht. Zu schön war der Gedanke an früher. So lange keine Schule, im Anschluss direkt Ferien zu Ostern. Die Großeltern im Ruhestand und immer für uns da. Kein Broteschmieren am frühen Morgen. Die Tochter groß und reif genug, um alleine den Tag zu verbringen. Der Frühling ist da und der Sommer liegt vor uns …

Dann ging es los mit dem Homeschooling. Die Hausaufgabe kamen per E-Mail. Also rüsteten wir in Eigenregie zu Hause die Technik auf, statteten unsere Tochter mit Laptop, Drucker, E-Mail-Adresse und Internetflatrate aus. Das Smartphone ist sowieso unabkömmlich, Skype und Co. sind schnell installiert, also Toastbrot mit Nutella geschmiert und nebenbei den Lehrern gelauscht. Die Lehrer an unserer Schule haben sich wirklich engagiert und versucht, das Beste aus der neuen Situation zu machen. Und unsere Tochter ist eine gute Schülerin. Trotzdem waren wir als Eltern doch auch sehr gefordert.

Und zu meinem großen Erstaunen stellte ich fest, wie viel ich selbst vergessen hatte und wie viele Fragen meiner Tochter ich nicht mehr beantworten konnte – zu naheliegenden Themen der deutschen Geschichte, zu einfachen Rechenwegen und englischer Grammatik. So lernten wir zwangsläufig und nicht immer ganz freiwillig bei der abendlichen Kontrolle der Hausaufgaben dazu.

Ich wusste plötzlich wieder, wie das damals mit Napoleon war. In meiner Erinnerung hatte nur noch das Bild in Uniform von ihm existiert – mit seiner versteckten Hand. Auf einmal konnte ich wieder mitreden bei seinen Eroberungsfeldzügen in Europa bis hin zur finalen Schlacht um Waterloo. Ich lernte Englischvokabeln und analysierte Klimadiagramme in Geografie. Anne Frank kam in mein Gedächtnis zurück und ich lernte sogar im Stil des Poetry-Slam reimen. 

Vignette: Stephanie Franziska Scholz
Homeschooling - 

eine Chance, die Schulen in die Zukunft zu katapultieren. Wie geht es voran mit der Digitalisierung? Wo bleibt die neue Lernkultur? Wie läuft es zu Hause? Die neue Serie der Berliner Zeitung. 

Poetry-Slam? Fragend schaute ich meine Tochter an. Sie erklärte mir, dass sie ein Thema ihrer Wahl erzählerisch gestalten und vor der Klasse präsentieren soll. Wir wählten das Thema „Familienleben“ – und begannen zusammen zu reimen: „Wir beginnen die Story von Anfang an,/ zuerst kam die Geburt, doch was kam dann?/ Anstatt zu zweit ist man nun zu dritt/ und auch die Eltern werden wieder fit./ Die Nächte sind kürzer, die Tage oft länger, /Mama hält das aus, nur Papa wird’s bänger.“ Wir reimten uns einen Weg bis zum aktuellen Corona-Schuljahr. „Wie soll ich das alles schaffen? fragte ich mich,/ doch meine Eltern sagten mir: Keine Sorge, wir unterstützen dich!/ So lernten wir zusammen und testeten uns,/ Mama in Mathe, doch Papa bloß nicht in Kunst“. Wir lachten schallend über unsere missglückten Verse und vier Stunden vergingen wie im Fluge. Also, Homeschooling hat auch schöne und positive Seiten.

Als unsere Tochter trotz Corona ein gutes Endjahreszeugnis bekam, war ich stolz auf sie und ein kleines bisschen auch auf mich selbst.

Jetzt ist der zweite Lockdown da und die Jahreszeit düsterer, die Stimmung in der Stadt rauer und aufgeheizter. Die Kinos, die Konzert- und Schwimmhallen wieder geschlossen. Kein Freizeitverein mehr offen, der Skiurlaub gestrichen. Die Decke fällt uns auf den Kopf, und draußen herumzuspazieren ist allein auch langweilig. Das Schulpraktikum rückt näher und Plätze sind im Moment kaum zu finden. Einige Firmen antworten gar nicht auf Bewerbungen und es hagelt Absagen.

Unsere Tochter ist weiterhin motiviert und die Lehrer ziehen mit. Trotzdem wünschen wir uns alle nichts sehnlicher als die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb. Mittlerweile wohl wissend, dass Kinder ihre Freunde vermissen und die Eltern niemals gute Lehrer werden ersetzen können. In der zehnten Klasse würden wir unsere Tochter gerne wieder in ihrer Klasse sehen. Denn auch für uns Eltern wird der Lernstoff nicht mehr einfacher.

Alle Artikel aus unserer Serie zum Thema Homeschooling finden Sie hier. 


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