Meine, wie es im NS-Deutschland hieß, „halbjüdische“ Mutter, musste 1940/41 bei Siemens Zwangsarbeit leisten. Dabei verletzte sie sich am Knie und ging damit zu einem Orthopäden. Dr. Kurt Hirschfeld, ein jüdischer Arzt. Er behandelte das Knie. Meine Mutter offenbarte ihm jedoch ihre noch größere Sorge. Sie war schwanger von ihrem arischen Freund, meinem Vater, und das war ja „Rassenschande“. Und was sagt doch dieser wunderbare Arzt zu ihr: „Wenn Sie bei der Geburt einen Vater angeben müssen, dann nennen Sie mich.“

Daraus ist eine Freundschaft zwischen meiner Mutter, meinem Vater und Kurt Hirschfeld entstanden. Dieser jüdische Arzt hat rechtzeitig erfahren, dass seine Deportation in den Osten geplant war. So ging er am 18. November 1942 in den Untergrund.

In Berlin gab es nun zwei Männer mit gleichem Namen und Personaldaten

Mein Vater hat seine Kennkarte und seine Wehrmachtspapiere seinem Freund Kurt Hirschfeld überlassen, die Papiere als verloren gemeldet und neue bekommen. Der selbst im Untergrund lebende, jüdische „Passfälscher“ Cioma Schönhaus, hat die Papiere  mit den Daten meines Vaters mit dem Foto von Hirschfeld versehen und die Kennkarte wieder originalgetreu aussehen lassen. Schönhaus hat sich mit dieser Tätigkeit in der Nazizeit finanziell über Wasser gehalten.

Fortan gab es in Berlin zwei Männer mit gleichem Namen und Personaldaten. Hirschfeld arbeitete sogar unter dem Namen Gützlaff. Die beiden Freunde mussten aufpassen, nicht zusammen kontrolliert zu werden. Das wäre eine Katastrophe geworden. Sie haben beide ihr Leben riskiert.

Privat
Heinz Gützlaff, der seinem Freund Kurt Hirschfeld mit seiner Kennkarte das Leben rettete.

Dr. Kurt Hirschfeld hat überlebt mit der Kennkarte und den Wehrmachtspapieren meines Vaters. Mein Vater, Freunde, seine Freundin und spätere Frau Edith, eine Nicht-Jüdin, versteckten ihn immer wieder. Kurt Hirschfeld ging nach dem Krieg mit seiner Frau, sie konnten endlich am 1. Juni 1945 heiraten, nach Amerika. Die Kennkarte nahm er mit.

Nach seinem Tod 1971, er wurde 73 Jahre alt, kam seine Frau nach Berlin zurück. Sie hatte während des Krieges auch aktiv im Widerstand gearbeitet. Sie und die Leiterin der Gedenkstätte „Stille Helden“, ein Teil der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, kannten sich durch die Aufarbeitung dieser historischen Zeit. Edith Hirschfeld übergab die Kennkarte, die sie immer noch verwahrt hatte, dem Museum. Sie kam in eine Vitrine, die dem „stillen Helden“ Cioma Schönhaus gewidmet ist.

2011 besuchte ich das Museum für „Stille Helden“, nachdem ich einen Hinweis auf die Existenz der Kennkarte bekommen hatte. In einer Vitrine, die dem genannten „Passfälscher“ gewidmet ist, liegt die Kennkarte mit dem Foto des Arztes, den Personalangaben meines Vaters und seiner markanten Unterschrift, die ich sofort erkannte. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich.

Ich hatte die Kennkarte meines Vaters bis dahin nie gesehen

Ich kannte den Umstand aus Erzählungen, hatte aber diese Kennkarte nie gesehen. Sie hatte also die Zeit überlebt und ist in dieses Museum gekommen. Ich nahm Kontakt zu der Leiterin der Gedenkstätte auf, so konnte sie durch mich mehr über meinen Vater erfahren.

Ein Cousin von Kurt Hirschfeld, Walter Frankenstein (Jahrgang 1924), der in Schweden lebt, und auch in Kontakt zur Gedenkstätte steht, hat für meinen Vater posthum die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ der Gedenkstätte Yad Vashem beantragt, und sie ist genehmigt worden. Am 7. November 2018 hat der israelische Botschafter in Deutschland meinem Bruder und mir diese Auszeichnung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand überreicht.

Die Auszeichnung ist auf einer Urkunde und auf einer speziell geprägten Medaille zu sehen, die den Namen Heinz Gützlaff und ein Zitat aus den Schriften zur jüdischen Religion enthält: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“

Zeitgleich mit meinem Vater hat auch der Schauspieler Hans Söhnker, diese Auszeichnung bekommen. Auch er hatte Kurt Hirschfeld geholfen. Als mein Vater 1961 starb, war er 55 und ich war 16. Dadurch kenne ich ihn zu wenig, aber ich sehe ihn oft vor mir. Erst nach dem Tod seiner Frau, meiner Mutter, ich war 44, las ich Briefe von ihm, sah seine gemalten Bilder genauer an, stellte seinen Lebenslauf zusammen. Er wollte mehr als möglich war, eine gerechtere Gesellschaft war ihm ein großes Anliegen.

Es ist eine späte Liebe von mir zu ihm entstanden, durch Gedanken in seinen Briefen, durch seine Bilder. Er hatte Mut und Courage. Während seiner Tätigkeit als Schlosser bei Fritz Werner AG in Berlin, seit Anfang der 30er-Jahre, wurde mein Vater Mitglied des „Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins“ (E.V.M.B.), die für bessere Arbeitsbedingungen eintraten und unter anderem Flugblätter verteilten. In diesem Zusammenhang wurde er 1933 gemeinsam mit 15 Arbeitern verhaftet, wegen Hochverrates angeklagt und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, deren Rest er im Preußischen Strafgefängnis Berlin-Plötzensee verbüßte.

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