Wenn mein Dreijähriger morgens nicht rechtzeitig aufwacht, wecke ich ihn häufig mit Musik. Eine ganze Zeit lang habe ich dafür das Lied „Guten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri eingesetzt. Doch mittlerweile möchte er lieber mit „Circle of Life“, dem Titelsong aus dem Walt-Disney-Klassiker „König der Löwen“, geweckt werden.

Dieses Lied erinnert mich an die Zeit rund um die Geburt seiner kleinen Schwester 2019. Damals wurde eine britische Studie veröffentlicht, die untersucht hat, welche Songs werdende Mütter am liebsten während der Geburt im Kreißsaal hören. Die absolute Nummer eins, also der Song zu dem die meisten Britinnen am liebsten gebären, war „Circle of Life“, Kreislauf des Lebens. Seitdem ich das weiß, höre ich dieses Lied tatsächlich mit anderen Ohren.

Der Kreislauf des Lebens, der uns im Alltag immer wieder begegnet. Entweder als morgendlicher Weckruf oder bei der Geburt eines Kindes. Der Wechsel der Jahreszeiten passt da auch hinein. Kristin Graf von dem Podcast „Die Friedliche Geburt“ hat in einer ihrer Podcast-Folgen sogar mal den Zyklus einer Frau mit den Jahreszeiten verglichen. Dabei sind für sie die Tage der Periode der Winter und unsere fruchtbaren Tage der Sommer. Ich finde diese Sichtweise sehr schön und passend. Denn Neujahr liegt im Winter. Alles steht auf Neuanfang zu Beginn unseres Zyklus, während wir im Sommer zu unseren fruchtbaren Tagen aufblühen, alles ergrünt, wir genießen die Frische des Lebens und stehen in unserer Mitte.

Mit Klimawandel beschäftige ich mich jetzt das erste Mal

Mittlerweile hat der Kreislauf des Lebens aber noch eine andere Dimension für mich eingenommen: Wenn ich an Kreislauf denke, denke ich nun auch an Kreisläufe in Ökosystemen. Das liegt daran, dass ich vor kurzem die Marketing-Tätigkeiten für das grüne Start-up einer befreundeten Umweltingenieurin übernommen habe, die ein Produkt auf den Markt bringen möchte, das CO2 bindet. Zudem achtet sie in der Produktentwicklung darauf, dass es in der ganzen Herstellungs- sowie Absatz- und Entsorgungskette Ressourcen schonend bleibt.

Ich gestehe, dass ich mich erst seitdem mit dem Klimawandel beschäftige. Greta und Fridays for Future kamen zum ersten Mal 2018 auf. 2018 war ich komplett mit meinem neuen Mutterdasein beschäftigt. Also mit Themen wie „Wie überstehe ich die Säuglingskoliken meines kleinen Sohnes?“ oder „Wie schaffen wir es, als junge Eltern ein Paar zu bleiben?“

2018 und 2019 war ich komplett mit unserer Familienplanung beschäftigt und 2020 dann damit, wie ich zu Hause arbeiten und gleichzeitig meine Kinder betreuen kann. Denn Kitas hatten ja bekanntlich für sehr lange Zeit geschlossen. Seit dem 10. Mai 2021 sind Schulen und Kitas in Niedersachen, wo wir leben, wieder offen.

Seither kann ich mich richtig in das Start-up meiner Freundin stürzen. Seitdem steckt meine Nase in Büchern wie „Mensch, Erde!“ von Eckart von Hirschhausen oder „Ohne Eis kein Eisbär“, ein Kinderbuch aus der Feder von Kristina Heldmann. Ich erschließe mir den Treibhaus-Effekt neu. Langsam verstehe ich die Zusammenhänge rund um den Klimawandel.

Wir stören das empfindliche Gleichgewicht in der Atmosphäre

Ich weiß, dass ich all die Zusammenhänge irgendwann mal in der Schule gelernt hatte, konnte sie bis vor kurzem jedoch nicht mehr so ohne weiteres wiedergeben: Der Treibhauseffekt ist ein natürliches Phänomen. Er ist die Grundlage für alles Leben auf der Erde. Denn er verhindert, dass die Sonnenstrahlung ungehindert wieder ins Weltall reflektiert wird. Gäbe es diesen Effekt nicht, würden auf unserem Planeten Durchschnittstemperaturen von -18 Grad herrschen. Die kurzwelligen Sonnenstrahlen durchdringen die Erdatmosphäre sehr leicht, werden auf der Erdoberfläche in langwellige Infrarotstrahlen umgewandelt und wieder reflektiert. Die in der Atmosphäre enthaltenen Gase, zum Beispiel Kohlendioxid und Methan, lassen jedoch nur wenig langwellige Strahlung durch. Sie wird von der Atmosphäre wiederum zurück zur Erde reflektiert und sorgt für angenehme Temperaturen.

Das empfindliche Gleichgewicht zwischen natürlich vorkommenden Treibhausgasen in der Atmosphäre und der Reflektion der Sonnenstrahlen wird aber durch die Industrialisierung und Brandrodung gestört: Die Konzentration von Kohlendioxid und anderen Gasen in der Atmosphäre steigt. Die Folge: Mehr und mehr langwellige Strahlung wird reflektiert und erwärmt die Atmosphäre zusätzlich zum natürlichen Treibhauseffekt.

Der Treibhauseffekt fühlt sich also in etwa so an, wie wenn man im Sommer in ein Auto einsteigt, das zuvor lange in der Sonne stand. Die heiße Luft hat sich darin gestaut und konnte nicht entweichen. Die Schicht der Treibhausgase sind in diesem Bild die Autoscheiben. Wärme kam durch, aber nicht wieder heraus.

Aufgrund des Treibhauseffekts kann man also sagen, dass wir über Generationen hinweg das Gleichgewicht der Erde in Gefahr gebracht haben. Unser Planet heizt sich immer weiter auf. Das Eingreifen des Menschen in die natürlichen Abläufe unserer Erde, sei es jetzt durch Waldrodung, um Palmen für die Palmölgewinnung zu pflanzen oder um Futtermittel für die Nutztierhaltung anzubauen, hat dazu geführt, dass ihr natürliches Regenerationssystem aus den Fugen geraten ist.

Klimawandel: Die Erde glüht

Die Klimakrise macht mir Angst, sehr große Angst sogar. Als junge Mutter frage ich mich, was das für eine Welt ist, in die ich unsere Kinder hinein geboren habe. Wie viel werden meine Enkel und Urenkel noch von diesem Planeten miterleben? Die Erde glüht. Mit welchen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen werden sie kämpfen müssen?

Eins weiß ich gewiss: Es werden mehr physische Herausforderungen sein, als die, mit denen wir zu kämpfen haben. Dass die Klimakrise menschengemacht ist, spüre ich schon sehr lange. Genaugenommen schon seit 2003 als ich nach dem Abitur in eine kaufmännische Berufsausbildung gestartet bin. Schon damals habe ich den immens hohen Druck am Arbeitsplatz, der auf jedem einzelnen lastet, gespürt und darunter gelitten. Gedanken der Gewinnmaximierung steigern den Druck, der auf den Mitarbeitern lastet. Es begegneten mir seitdem immer wieder Menschen mit der Diagnose Burn-out.

Wir berauben die nachfolgenden Generationen um ihren Lebensraum durch das exponentielle Wirtschaftswachstum, vor allem seit den 1950er-Jahren. Wirtschaftsbereiche, technologische Entwicklungen und ganze Volkswirtschaften sind exponentiell gewachsen. Was ich damit sagen will: Unser Alltag ist nicht nur gefühlt schneller geworden. Er hat sich zu einem Rennwagen entwickelt. Man kommt nicht mehr mit.

Die Gier nach Profit und Wirtschaftswachstum hat den Kreislauf der Erde ins Schwanken gebracht hat. Diese Tatsache macht mich wütend: Dass etwas, das ich seit fast 20 Jahren spüre und in unserem System falsch läuft, nun dafür sorgt, dass unseren Enkeln sowie nachfolgenden Generationen den Lebensraum kosten wird.

Meine beobachtende, passive Rolle der letzten Jahre und diese Ohnmacht gegenüber der Naturgewalt Hitze, stimmen mich nachdenklich. Die Erkenntnis, dass die eine oder andere Sinneskrise in meinem Leben vielleicht auch durch den Druck unserer Leistungsgesellschaft entstanden ist, ebenfalls für die Klimakrise sorgt, macht mich fertig. Denn Mutter Erde und ich leiden sozusagen an der gleichen Ursache. Wie oft konnte ich nachts nicht schlafen, weil auf meinem Schreibtisch zu viel Arbeit lag? Wiederkehrende Entlassungswellen, die dafür sorgen, dass immer mehr Arbeit auf weniger Schultern verteilt wird.

Auch die Arbeitswelt muss humaner werden

Deswegen hat die Klimakrise so unheimlich viel mit uns Menschen zu tun. Sie wurde nicht nur von uns Menschen gemacht, sondern wir leiden auch gleichermaßen unter ihr. Selbstverständlich hängt es auch mit unserer Leistungsgesellschaft zusammen, dass junge Mütter gerne mal von ihrem Arbeitgeber ausgesiebt werden. Die wollen sich nämlich niemanden leisten, der wegen der Erkältung seines Kindes nicht zur Arbeit erscheint.

Dass die Arbeitswelt humaner werden muss, darüber brauche ich hier nicht zu schreiben. Dieser Punkt ist offensichtlich. Für den Klimawandel besteht jedoch Hoffnung: Die Bundesregierung hat im Mai eine Watsche vom Bundesverfassungsgericht bekommen, dass unsere Freiheit, die wir hier leben, auf Kosten der Freiheit der nachfolgenden Generationen geht. Dieses Urteil ist bahnbrechend. Das höchste, deutsche Gericht sagt: Wir dürfen nicht weiter so viel CO2 ausstoßen, sodass nachfolgende Generationen von dem CO2-Budget nichts mehr übrig haben. Denn dies würde bedeuten, dass sie ein Leben mit entsprechenden Entbehrungen führen müssten.

Das lässt mich hoffen, dass demnächst sinnvolle, soziale Modelle umgesetzt werden, welche schon längst auf dem Tisch liegen. Denn Mutter Erde hat bereits Fieber. Dieses Gedankenkarussell in meinem Kopf lässt mich um 2 Uhr nachts aufstehen, um diesen Text zu verfassen. In wenigen Minuten ist es 7.30 Uhr. Ich werde gleich in das Zimmer meines Sohnes gehen, um ihn mit „Circle of Life“ zu wecken.