Während in der Ukraine um Kiew gekämpft wird, sind die Bars in Berlin gefüllt. Zusammen mit Raul und Finn sitze ich in einem Punkschuppen im Bezirk Mitte. Einen Tag nach dem russischen Angriff sitzt das Stammpublikum und diskutiert, anstatt zu tanzen, und die Musikauswahl klingt weniger anarchistisch als sonst – aber vielleicht ist das auch Einbildung. Das Thema Krieg liegt auf jedem Tisch in der Bar.

Yelyzaveta, „Yely“, eine Freundin von Raul und Finn, ist wie wir Mitte 20 und lebt eigentlich in Kiew. Offenbar ist sie mit ihrem Partner vor dem russischen Angriff in die Hauptstadt Georgiens, nach Tbilisi, geflüchtet, während sich ihre Familien noch in Kiew und einem Vorort der Stadt befinden.

„Wenn es darum geht, dass Deutsche einberufen würden, würde ich auch so schnell es geht fliehen“, sagt Finn.

Raul sieht ihn entsetzt an. „Ich bin queer“, sagt er. „Putin greift auch ja gerade unsere Ideale und vor allem unsere Werte an. Ich würde kämpfen.“

„Unvorstellbar“, sagt Finn entschlossen. „Ich bin Pazifist.“

„Du bist ignorant“, sagt Raul.

Kalter Krieg war Vokabular unserer Eltern

So geht das noch ein paar Stunden weiter. Immer wieder stottere ich selbst etwas von Gewaltfreiheit, bis Raul genervt die Rechnung fordert. Wir gehen jeder für sich nach Hause. Bis gestern haben wir noch über Menschen gelacht, die freiwillig zur Bundeswehr gehen, „Kalter Krieg“ als Vokabular unserer Eltern betrachtet und uns gut zugeredet, immer „Frieden“ zu wollen und „gegen Krieg“ zu sein. Und das Schlimmste: Statt heute über die Ukrainer:innen zu sprechen, haben Finn und ich gut eineinhalb Stunden versucht, uns mit Grundsatzthesen aus der Realität zu quatschen.

Am nächsten Morgen bin ich mit Yely und ihrem Partner Bohdan per Videochat verabredet, um sie zu fragen, wie es ihnen geht und wie ihre Flucht aus der Ukraine ablief. Sie sitzen eng beieinander in einem Hotelzimmer in Tbilisi. Bohdan flüstert Yely irritiert etwas in ihr Ohr, während sie ihre Augenbrauen hebt und den Kopf schüttelt.

„Wir sind nicht geflohen“, sagt sie schnell. „Und wir möchten in keinem Fall als Flüchtlinge gelten!“ Bohdan nickt hastig. „Es war Glück im Unglück, dass wir nur fünf Stunden bevor die erste russische Rakete die Ukraine traf nach Georgien kamen. Wir sind die ganze Zeit dabei, unsere Familien zu kontaktieren und von hier aus zu unterstützen.“ Bald würden die beiden in ein anderes Hotelzimmer ziehen, in dem sie dann umsonst wohnen dürfen. Die Georgier seien sehr verständnisvoll und herzlich zu ihnen. Für viele sei das Jahr 2008, als russische Truppen im Land einfielen und weite Teile davon besetzten, noch allgegenwärtig.

„Entschuldigt bitte“, sage ich. „Finn und Raul hatten mir erzählt, ihr wärt aus pazifistischen Gruppen …“

„Du bist kein Pazifist mehr, wenn jemand dein Land angreift“, unterbricht mich Bohdan und sieht mir in die Augen. „Das kannst du nicht verstehen, du bist nicht in dieser Situation. Das verlangt auch keiner. Auch nicht, dass deutsche Soldaten an unserer Seite kämpfen. Wir brauchen jetzt Informationen, Geld und vor allem Waffen, um uns selbst zu verteidigen.“

Ein paar Stunden später findet in Magdeburg, der Hauptstadt meines Heimatbundeslands Sachsen-Anhalt, eine „Mahnwache“ für den Frieden statt. Menschen in grünen Warnwesten stehen vor Schildern, die vor Aufrüstung und Imperialismus warnen. Ein Mann mit roten Pausbacken von der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ geht ans Mikrofon: „Viele von euch können sich noch erinnern, dass wir mal Friedenstauben gemalt haben!“, schreit er und weitet die Augen. „Und wenn in Deutschland eine Millionen Tauben in den Botschaften ankommen, dann will ich mal die Botschaft sehen, die diese in den Schredder packen.“ Sein Geschrei wird zum Wutmonolog gegen die „anderen Kriegstreiber“, die NATO, aber allen voran: die USA.

„Geht ihr Linken doch nach Moskau!“, brüllt ein Fahrradfahrer den Rednern entgegen.

„Es ist ermüdend, euch zu erklären, dass es nie Frieden gab“

„Wir lassen uns nicht vor den Karren spannen!“, ruft eine Protestlerin zurück und warnt im selben Atemzug vor angeblicher Gleichschaltung der Medien, die Deutsche militaristisch manipulieren wollen würden. Bei der „Mahnwache“ höre ich dieselben leeren Parolen, die ich seit meiner Jugend in Ostdeutschland kenne. Einziger Unterschied: Es wird nichts Positives über Putin gesagt, dafür fällt sein Name heute so gut wie gar nicht. Und eigentlich wird hier der Realität genauso entflohen wie am Tisch in der Bar in Berlin, wenngleich die alten Redner:innen durch die Schule der PDS geprägt sind – und wir durch ein friedliches Erasmus-Studienaustausch-Zeitalter.

Ich fahre weiter, nach Halle. Dort treffe ich Inna Skliarska in ihrer Wohnung, nahe des Hauptbahnhofs. Sie ist 23, lebt seit vier Jahren in Deutschland und studiert hier Kunstgeschichte.

Während wir sprechen, sitzt ihre Familie im Keller ihres Hauses in Kiew fest. Ihr Vater habe am Tag zuvor, trotz der Gefahr, das Haus verlassen, um einen Freund der Familie zur U-Bahn zu fahren, damit dieser sich den territorialen Verteidigungskräfte anschließen könne. Ich erzähle ihr von den Protesten in Magdeburg, den Friedenstauben und meiner eigenen Pazifismus-Diskussion.

Sie verdreht die Augen. „Scheiß Hippies“, zischt sie und hält sich eine Hand vor den Mund. „Sorry! Aber wer so denkt, lebt in einer Seifenblase.“

„Meinst du damit auch mich?“, frage ich.

Sie nickt zaghaft. „Ich versteh euch ja. Aber es ist ermüdend, Menschen, gerade in unserem Alter, immer wieder zu erklären, dass es nie einen Frieden gab und dass auch der Kalte Krieg überhaupt nicht endete. Der endete nur künstlich in Köpfen von Menschen in der westlichen Welt, die sich bewusst dafür entschieden haben, nicht mehr an diesem Konflikt teilzunehmen. Wir Ukrainer reden seit über acht Jahren von diesem Krieg, seit 2014 die Krim annektiert wurde.“

Inna erzählt mir davon, wie ihre Eltern noch in den 1990ern gegen die Sowjetunion protestiert und später mit ihr am Euromaidan teilgenommen haben. Davon, wie sie mit ihren Eltern ausschließlich Ukrainisch, in der Schule aber Russisch gesprochen hatte, weil das cooler gewesen sei. Und wie jede:r in ihrer Klasse mit dem Krieg 2014 damit aufgehört habe. In meiner Schule hat niemand über diesen Krieg diskutiert, denke ich. Ein paar Monate später herrschte dort aber so etwas wie Nationalstolz, als Mario Götze Deutschland den vierten WM-Stern holte.

„Ich versuche jetzt wie so viele andere Ukrainer hier tätig zu sein“, sagt Inna. „Ich schreibe Briefe an die Botschaft, ich verbreite wahre Artikel im Internet und schreibe gegen propagandagewaschene Russen an. Meine Familie schreibt mir von Raketen, die über ihr Haus fliegen.“ Sie könne sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. „Ich bin in einem Krieg aufgewacht, lebe aber in einem Land, auf dessen Straßen kein Krieg herrscht, und treffe Menschen, die sich vor allem davor fürchten, dass Deutschland involviert wird.“

Auf der Rückfahrt scrolle ich durch Instagram. Jedes gut gemeinte Ukraine-Solidaritätsbild wirkt nach meinem Gespräch mit Inna wie der blanke Hohn. Ein Spruch auf beigem Grund lautet allen Ernstes: „Mama hat immer gesagt, wir sollen nie ohne Versöhnung zu Bett gehen, und ich hab das Gefühl, die ganze Welt ist seit Tagen sprachlos.“

Am Sonntag treffe ich Polly vor einem Café in Berlin. Sie ist 22 und studiert wie Inna Kunstgeschichte in Berlin. In ihrer Hand hält sie ein Plakat, auf dem ein Herz auf der Flagge der Ukraine zu sehen ist. Sie hatte es gemalt kurz nachdem die russische Invasion begonnen hatte. Gleich will sie damit zur großen Demonstration.

„Wie geht es deiner Familie?“, frage ich zu Beginn, etwas gestelzt.

Sie presst ein Lächeln hervor. „Das ist meine Lieblingsfrage in diesen Tagen. Was soll man sagen: nicht gut.“

Ihre Familie wohnt in Schytomyr, westlich von Kiew. Gleich am ersten Tag des Krieges wurde dort ein Militärlager zerbombt. Sie fährt mit dem Finger durch die Luft und deutet auf ein paar Gesichter, die zufrieden vor ihren Cappuccinos und Flat Whites sitzen. „Es wirkt hier im sonnigen Berlin so, als würde der Krieg nicht da sein.“ Ich schiebe meine Kaffeetasse von mir weg. Polly erzählt von ihrem Vater, er ist 58 Jahre alt, ihre Brüder sind 28 und 30. Sie fallen in die Alterskategorie der männlichen ukrainischen Bevölkerung zwischen 18 und 60, die derzeit nicht das Land verlassen darf. Aber das würden sie auch gar nicht wollen, wie Polly sagt. Sie erzählt mir von russischen Saboteuren, die ukrainische Städte mit Graffiti-Markierungen versehen, um russischen Truppen Angriffsziele zu zeigen. Ihre Familienmitglieder würden wie viele andere durch die Stadt ziehen, diese Menschen aufspüren und anzeigen. Und die Graffitis entfernen.

„Sie sind im Widerstand. Aber mein Bruder hat ein Problem damit, zur Waffe zu greifen, und mein Vater hat nie gelernt, zu schießen. Sie stehen in der Prioritätenliste der Einzuziehenden auch ganz hinten, aber im Ernstfall würden sie kämpfen“, sagt sie. Eigentlich kenne sie sich mit „Militärzeug“ überhaupt nicht aus. Dabei sei sie mit der Gefahr eines Krieges seit 2014 aufgewachsen. „Und noch kurz vor der Invasion hatte ich eine russlandkritische Story auf Instagram gepostet. Eine russische Freundin hatte mir dann persönlich vorgeworfen, Krieg zu fordern, und behauptet, die Ukraine müsse nur auf Putin eingehen, um Menschensterben zu verhindern“, sagt sie und tippt sich gegen die Stirn. „Aber das hätte bedeutet, dass es auch keine Ukraine mehr gibt. Und das werde ich niemals akzeptieren.“

Würde ich Widerstand leisten?

Ich laufe nach der Demo zwischen den Plakaten nach Hause. Ist es abstrakt, während eines Krieges „keinen Krieg“ oder „Frieden“ zu fordern? Oder weicht man mit beidem gleichermaßen der Realität aus?

Später erreichen mich mehrere Nachrichten: Ein Foto von Yely und Bohdan bei einem Protest in Tiflis und eine weitergeleitete Petition von Inna, die die Aufnahme der Ukraine in die EU fordert. Polly schickt einen Spendenaufruf und eine Grafik, die zeigt, dass nun ein Marschflugkörper einen Luftwaffenstützpunkt in Schytomyr verfehlt, mehrere Wohngebäude nahe eines Krankenhauses getroffen und zwei bis vier Menschen getötet haben soll.

Wie oft habe ich mich in den letzten Tagen dabei erwischt, mir vorzustellen, was passieren würde, wenn Putin Berlin und meine Form des freien Lebens angreifen würde. Würde ich Widerstand leisten, und wenn ja, wie? Ich hatte mich gerügt, mich das zu fragen. Es geht nicht um mich – es ist nicht meine Realität, sondern die der Ukrainer:innen. Aber diesen Krieg als fremden Konflikt abzutun, zeugt von nichts anderem als Ignoranz, die sich mit verständlicher Angst verbündet.

„Unsere Solidarität darf nicht aufhören, sondern muss ins konkrete Handeln übergehen“, hatte einer der Redner auf der Großdemonstration gesagt.

Yely, Bohdan, Polly und Inna sind längst dabei und befinden sich genauso wenig in der Ukraine wie ich. Sie flüchten sich nicht aus der Realität, indem sie bloß „gegen Krieg“ protestieren, Friedenstauben basteln oder über Pazifismus philosophieren. Sie handeln – ohne Waffengewalt, aber sie handeln.

Aron Boks, geboren 1997 in Wernigerode, ist Poertry-Slammer und Schriftsteller.

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