Wäre ich ein gläubiger Mensch, käme ich gewiss zu dem Schluss, dass der Allmächtige seine Hand im Spiel hatte, als die Wiedervereinigung in rasantem Tempo über die Bühne ging. „Kyros“ nennt man das wohl … Aufsehenerregend war es allemal. Einen sehr persönlichen Eindruck möchte ich hier zur Erinnerung beisteuern.

Ich war damals als freier Journalist tätig, Schwerpunkt „Datenschutz und Datensicherheit“. Ich war Chefredakteur des beim Handelsblatt verlegten Informationsdienstes „Datenschutz-Berater“. Da der Zusammenbruch des SED-Regimes nach meinem Wissen auch zu tun hatte mit dem Umgang mit Daten (man denke nur an die Sammelwut der „Staatssicherheit“), fühlte ich nicht nur ein staatsbürgerliches, sondern auch ein professionelles Interesse an den Vorgängen, die – zurückblickend – zu den wichtigsten Erlebnissen meines Lebens gehören.

Nach der Wende: Wo kann man tanken, schlafen, zu Mittag essen?

Wichtig ist, sich die damalige Szene vor Augen zu halten, und – was ich betone – der Generation nach 1990 als Lebenserfahrung zu vermitteln: Es gab eine höllische Bedrohung des Westens durch die sowjetischen Bestrebungen, ganz Westeuropa zu unterwerfen. Einen Beweis dafür erfuhr ich im Herbst 1990 in Dresden. Ich hatte im Juli einen Terminvorschlag für eine Datenschutz-Veranstaltung angenommen, die am 3. Oktober dort stattfinden sollte. Da war dieser Tag noch nicht als Tag der Wiedervereinigung ausgesucht worden.

<strong>Eine verlassene Kaserne der Sowjetischen Streitkräfte in Dresden, 1992</strong>
imago/C3 Pictures
Eine verlassene Kaserne der Sowjetischen Streitkräfte in Dresden, 1992

Ich sagte gern zu, denn trotz der jämmerlichen Situation Dresdens (zum Glück hatte man nicht die nötigen Hilfsmittel, die Ruinen der Frauenkirche komplett zu entsorgen, was später den Wiederaufbau erleichterte) war ich fasziniert vom Engagement spontan entstandener Bürgervereinigungen, dass ich alle Bedenken in den Wind schlug und einfach losfuhr.

Wo kann man tanken, schlafen, zu Mittag essen? Letzteres war in der Tat ein Problem, weil alle staatlichen Einrichtungen geschlossen hatten; man musste privat unterkommen – da war die Zuneigung der Leute aber erfreulich groß. Was das Tanken anging: Ich hatte einen Audi mit einem recht großen Tank – das war damals ein Segen bei Fahrten in die untergehende DDR.

Ein Augenzeugenbericht

Bei einer von einer Bürgerinitiative organisierten Veranstaltung berichtete mir ein Teilnehmer, der beim Sturm auf die Stasi-Zentrale und beim Aufräumen der vormals Königlich-Sächsischen Kaserne gegenüber der Dresdner Altstadt dabei war, beim Abendessen, also nebenbei, Folgendes:

„Als wir die Russen endlich los waren, haben wir uns um die von ihnen okkupierte ehemals Königlich-Sächsische Kaserne gekümmert. Nu, die Kerle hatten nicht nur alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, sie haben auch Wasserhähne und Klosettschüsseln mitgehen lassen. Das hat uns aufwendige Entsorgungsarbeiten erspart. Wir konnten gute neue Teile aus dem Westen installieren. Aber im Keller gab es eine Überraschung: Mehrere Hundert Straßenschilder in kyrillischer Schrift lagen da als Schutt. Statt das alles gleich in die Abfallwirtschaft zu geben, ließen wir einen Dolmetscher kommen. Ergebnis: Die Straßenschilder bildeten die Brüsseler Innenstadt ab. Die Russen wollten wohl irgendwann bis zur Kanalküste vorstoßen!“

Dieser Bericht, an dessen Glaubwürdigkeit ich aufgrund der Umstände keinerlei Zweifel habe, zeigte mir, dass die Deutschen eine ordentliche Portion „Schwein“ gehabt haben. Die späteren Funde von Munition, Geschossen und Raketen auf dem Beitrittsgebiet unterstreichen dies eindrücklich.

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