Berlin - Am Mittwoch gab es die Abschlusszeugnisse dieses sehr speziellen Schuljahres. Und mir ist der Kragen geplatzt. Nicht wegen der Leistungen meines Kindes. Sondern weil das Zeugnis mehr Hohn als Beurteilung ist. Wir haben ein Schuljahr hinter uns, das größtenteils im Homeschooling beziehungsweise im Wechselunterricht stattfand. 

Mein neunjähriger Sohn war insgesamt nur wenige Wochen im Präsenzunterricht. Das Homeschooling hat er mit Bravour gemeistert. Selbstständig und ohne zu meckern hat er sich jeden Morgen an den Schreibtisch gesetzt und alle Aufgaben ordentlich erledigt. Und das, während sein zweijähriger Bruder spielend und lärmend durch die Wohnung marodierte. Die wenigen Noten, die vergeben wurde, waren überwiegend sehr gut bis gut.

Ich dachte: Schön, dann scheint ja alles spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Vielleicht übertreiben die Eltern mit ihren Klagen, dass ihre Kinder sich während der Pandemie schulisch verschlechtert haben.

Am Mittwoch gab es die Quittung. Mein Sohn hat in den meisten Fächern eine schlechtere Note als im ersten Halbjahr bekommen. In Englisch hat er fast nur Einsen geschrieben. Auf dem Zeugnis steht eine 2 – Begründung: mangelnde Mitarbeit. Er hat Rotz und Wasser geheult.

Zum Notenzeugnis gibt es eine Beurteilung des „Arbeits- und Sozialverhaltens“. Auch hier Verschlechterungen in den Punkten „Selbstständigkeit“, „Verantwortungsbereitschaft“ und „Zuverlässigkeit“. Das sei bei ihm nur noch „teilweise ausgeprägt“. Da bin ich explodiert.

Ein wütender Anruf bei der Klassenlehrerin 

Ich habe die Klassenlehrerin angerufen und meine Wut rausgelassen. Soll man nicht machen, immer erst eine Nacht darüber schlafen. Aber mein Kind saß schluchzend auf der Couch. Ein Kind, das ich im Homeschooling als motiviert und ehrgeizig erlebt habe. Das immer mehr gearbeitet hat, als verlangt wurde. Freiwillig. Ich hätte gar nicht die Kraft gehabt, ihn zu triezen. Neben dem Haushalt und tausend anderen Dingen, die gedrängt haben, hatte ich außerdem noch einen Zweijährigen in der Trotzphase bei Laune zu halten.

Außerdem hat mein Sohn im Lockdown zwei bis drei Bücher in der Woche gelesen, sich eigenständig Rechenwege überlegt, mitunter aufs Zocken verzichtet, um „Fakten-Zeit“ (den Begriff hat er sich ausgedacht) zu machen, wo er im Internet recherchiert hat. Mit anderen Worten: ein selbständiger, verantwortungsbereiter, zuverlässiger Schüler. Auf dem Zeugnis ist davon nichts zu sehen.

Natürlich vergeigt mein Sohn auch mal was, ihm passieren oft Schusselfehler, und er hat ein Aufmerksamkeitsproblem. Er driftet im Unterricht oft gedanklich weg. Daher hätte ich wegen der einen oder anderen Note unter normalen Umständen kein Fass aufgemacht. Aber es sind keine normalen Umstände. Dass insbesondere Kinder und Jugendliche hart von den Maßnahmen getroffen wurden, darüber konnte man täglich in den Medien lesen. Es führte zu hitzigen Debatten, wenn auch mit mangelnden Ergebnissen.

Das Zeugnis ignoriert die pandemiebedingten Umstände komplett. Sie werden nicht mal erwähnt. Das Zeugnis wirkt, als sei es unter Normalbedingungen zustande gekommen. Es bildet nirgendwo all die neu gewonnenen Fertigkeiten ab: das Selbstlernen, die Teilnahme an Videokonferenzen, die selbstständige Arbeit mit Lernvideos, der Umgang mit neuen Medienformaten. Kurzum: den Zuwachs an digitaler Bildung. All das wird mit keinem Wort erwähnt.

Privat
Die Autorin: 

Anousch Mueller ist Autorin des Romans „Brandstatt“ (C.H.Beck) sowie des Sachbuchs „Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen“ (Riemann Verlag). Aktuell arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. Sie hat zwei Söhne und lebt in Berlin.

Stattdessen wird ein mittelmäßiges Zeugnis für ein paar klägliche Wochen Präsenzunterricht ausgestellt, in dem mein Sohn nicht ausreichend mitgearbeitet haben soll. Das ist es also, was am Ende zählt. Dienst nach Vorschrift. Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung. Die Kopfnoten gibt es längst nicht mehr. Aber das Zeugnis atmet den Duft traditionellen Lernens in pandemiefreien Zeiten.

Dieses Zeugnis ist ein Armutszeugnis, ein Anachronismus. Aber selbst damit hätte es Möglichkeiten gegeben, die besonderen Herausforderungen zu würdigen. Auf dem Standardzeugnis ist Raum für „Bemerkungen“. Da wäre Platz gewesen für ein paar anerkennende Worte. Man hätte bei den Noten auf- statt abrunden können. Oder man hätte alternative Zeugnisse ausstellen können, die das Selbstlernen im Homeschooling berücksichtigt und gelobt hätten. Man hätte den Kindern vermitteln können: Ihr habt in einem Jahr mehr gelernt als in einen Lehrplan passt. Und ihr habt das herausragend absolviert.

Ich möchte anmerken, dass ich die Klassenlehrerin meines Sohnes sehr schätze. Sie war während des Homeschoolings eine große Stütze, und sie unterrichtet nur einen Teil der Fächer. Ich habe mich für meinen Ausbruch entschuldigt.

Es mag sogar das schlechte Gewissen reingespielt haben: Hätte ich meinen Sohn mehr unterstützen sollen? Habe ich ihn zu oft sich selbst überlassen? Denn zur Wahrheit gehört auch, dass mein Sohn das Homeschooling besser auf die Reihe gekriegt hat als ich. Es war mir eine tägliche Last, mich durch die unübersichtliche Cloud zu kämpfen, alles zusammenzuhalten, nichts zu vergessen, die Wagenladungen an PDFs auszudrucken. Dazu Korrekturen vorzunehmen und Dinge zu erklären, von denen ich selbst kaum Ahnung hatte. Es hat mich unendlich genervt.

Ich gebe mir für das Schuljahr eine Drei Minus und meinem Sohn eine Eins mit Sternchen.

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