ORANIENBURG. Die Stadt wirbt um Touristen. 2009 lockte die Landesgartenschau etwa 580 000 Besucher in den Schlosspark von Oranienburg. Auch in diesem Jahr wurde der Park am sanierten Schloss für Spaziergänger hergerichtet. Doch eigentlich müsste Oranienburgs Innenstadt evakuiert und abgeriegelt werden - so wie es bei ausrangierten Truppenübungsplätzen üblich ist, auf denen noch tödliche Altlasten lauern. Denn 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden in der Oranienburger Erde noch immer hunderte Blindgänger vermutet.Bomben, die jederzeit hochgehen können. So wie in Göttingen, dort starben Anfang Juni drei Männer bei der Explosion eines Blindgängers. Weil so etwas auch in Oranienburg droht, gehen die Stadt und der Kreis Oberhavel nun ungewöhnliche Wege. Sie erwägen ein Fahrverbot für die Innenstadt.Anlass sind nicht nur die tragischen Ereignisse von Göttingen, es sind auch die Ergebnisse des Gutachters Wolfgang Spyra. Der Professor der Technischen Universität Cottbus spricht in seiner Expertise von einer akuten Gefahr, die durch Blindgänger in Oranienburg besteht und davon, dass eine "Selbstdetonation" in naher Zukunft als wahrscheinlich anzunehmen ist. Die Zahl der "noch im Boden befindlichen Großbomben" beziffert Spyra auf 326. "Sie unschädlich zu machen, ist ein Wettlauf mit der Zeit", sagt Karl-Heinz Schröter, der SPD-Landrat des Kreises. Er habe aus der Studie entnommen, dass jeder Bombe mit chemischen Langzeitzünder früher oder später explodiere.Erschütterungen verhindernSchröter sagt, dass die Gefahr nicht von der Stadt und dem Kreis allein gebannt werden könne. Dass auch das Land und der Bund einspringen müssten. Dass er nicht verstehe, warum man in Potsdam über die Ankurbelung des Tourismus in der Kyritz-Ruppiner-Heide, dem einstigen Bombodrom, spreche - nicht aber über die Gefahren in Oranienburg. "Hier können die Menschen nichts dafür, dass sie täglich über Blindgänger laufen müssen", sagt Schröter.Es soll auch ein Zeichen gesetzt werden mit den Sofortmaßnahmen, die der Kreistag am nächsten Mittwoche beschließen will: Fahrverbote für Lkw und Busse in den besonders gefährdeten Gebieten der Innenstadt etwa. Dazu zählen das Areal rund um den Bahnhof der Stadt, die alte Bundesstraße B 96, die quer durch die Stadt führt, sowie die B 273. "Oranienburg muss laut Gutachten verstärkt mit Detonationen rechnen. Jede noch so kleinste Erschütterung in den gefährdeten Gebieten gilt es darum zu verhindern", erklärt Schröter diesen Schritt. Allerdings müsse man auch darauf achten, dass das öffentlich Leben in Oranienburg nicht völlig lahm gelegt wird. "Wir können nicht drei Mal in der Woche die halbe Stadt evakuieren, um eine Bombe zu entschärfen", sagt Schröter. "Das würde einige Betriebe bestimmt in den Ruin treiben."Neue Linienführungen für die Busse, die den Bahnhof anfahren, werden derzeit erarbeitet. Beschließen soll der Kreistag zudem eine Prioritätenliste der zu beräumenden kreiseigenen Grundstücke, auf denen noch Blindgänger vermutet werden. Die 18 Grundstücke mit Verdacht auf explosive Altlasten sollen in den nächsten drei Jahren abgesucht werden. Dazu gehören das Areal des Runge-Gymnasiums in Bahnhofsnähe, das Grundstück eines Oberstufenzentrums und eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes in der André-Pican-Straße, eines Ärztehauses an der Berliner Straße (alte B 96) und der Rettungswache.10,9 Millionen Euro hat der Kreis dafür erst kürzlich zurückgestellt. Viel zu wenig, um alle anderen Gefahrenstellen in der Stadt absuchen zu können. Dafür würden laut Gutachten 420 Millionen Euro benötigt.Voll funktionstüchtigMehr als 10 000 Großbomben fielen im Krieg auf Oranienburg - die noch heute "Stadt der Bomben" genannt wird. "Etwa 50 Prozent dieser Bomben waren mit chemischen Langzeitzündern ausgerüstet", sagt Gutachter Wolfgang Spyra. Es habe eine hohe Blindgängerrate gegeben. "Die Heimtücke bei den Langzeitzündern, die zum großen Teil noch voll funktionsfähig sein dürften, sind die Zelluloidplättchen, die verhindern, dass der Schlagbolzen auslöst", erklärt Spyra. Doch Zelluloid werde spröde und zersetzt sich irgendwann. "Das kann jederzeit passieren - auch ohne äußeren Einfluss", sagt der Experte für Altlasten. Seit 1990 hat es in Oranienburg drei Selbstdetonationen gegeben.Das Problem ist: Man kann nicht eine ganze Stadt räumen und absuchen. "Aber man muss alles tun, um die Gefahr zu reduzieren", so Spyra. So müssten Ausgaben der Stadt auf ein unabdingbares Maß reduziert und für die Bombenräumung genutzt werden. "Nicht jeder Kreisel muss unbedingt jetzt gebaut werden", sagt der Professor.Das Land weist die Kritik der mangelnden Unterstützung aus Oberhavel zurück. 37 Prozent aller seit 1996 für die Munitionsbergung zur Verfügung gestellten Mittel seien nach Oranienburg geflossen, heißt es - das waren immerhin 55 Millionen Euro.Der Bund sieht sich nicht in der Pflicht: Er zahlt nur für die Vernichtung von sogenannter reichseigener Munition, nicht aber für alliierte Bomben. Noch hat es kein Bundesland gewagt, dagegen zu klagen.------------------------------750 Bombentrichter pro QuadratkilometerHauptgefahr besteht in der Zone 5 (2,3 Quadratkilometer): sehr hoher Verdacht auf Langzeitzünder und eine hohe Dichte von Bombentrichtern (unter 750 pro km2) und viele Verdachtspunkte (mehr als 300 pro km2).Bei Zone 4 liegt nur die Zahl der Verdachtspunkte zwischen 200 und 300. Erst bei Zone 2 sinkt die Zahl der Trichter unter 300. Völlig verdachtsfrei ist kein Punkt der Stadt.------------------------------Karte: Oranienburg, in Gefahrenzonen aufgeteiltFoto: Explosive Altlast: Eine Fontäne aus Wasser und Sand steigt am 9. Dezember 2005 in die Luft, als in Oranienburg eine 250-Kilo-Bombe in der Havel gesprengt wird. 7 000 Menschen mussten für Stunden den Sperrkreis verlassen.