Der Staatssekretär für Gesundheit, Benjamin-Immanuel Hoff, kritisiert das Vorhaben der umstrittenen Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas, im Raum Berlin einem unheilbar erkrankten Patienten aktive Sterbehilfe zu leisten. "Dignitas ist in bekannt provozierender Weise an die Öffentlichkeit gegangen", sagt er. Wie berichtet, will der Verein durch einen Fall aktiver Sterbehilfe einen Freispruch in einem sich anschließenden Gerichtsprozess erreichen. So soll ein juristischer Präzedenzfall geschaffen werden, in der Hoffnung, dass Suizidbegleitung in Deutschland künftig straffrei ist. Ob die Polizei im Vorfeld gegen Dignitas vorgehen kann, ist unter Juristen umstritten."Die Legalisierung aktiver Sterbehilfe könnte dazu führen, dass Menschen, die das Gefühl haben, der Gesellschaft zur Last zu fallen, vermehrt zu diesem Mittel greifen", sagt Hoff und beruft sich auf eine Stellungnahme des Nationalen Ethikrats zu diesem Thema. "Es sollte vielmehr darum gehen, dass wir uns um Menschen kümmern, die einsam sind, und sie bis zum Tod begleiten." Ähnlich argumentiert Ärztekammerpräsident Günther Jonitz. Er warnt: "Wenn ein Mediziner ein Medikament verschreibt, das den Tod des Patienten zur Folge hat, dann erwarten ihn berufsrechtliche und juristische Probleme." Unternehmen will er dagegen nichts. "Die Gesellschaft muss sich Gedanken darüber machen, wie sie mit dem Tabuthema Tod umgeht."Dignitas sucht gegenwärtig einen sterbewilligen Patienten, vornehmlich im Raum Berlin, aber auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen, weil für - zu erwartende - Revisionsprozesse in diesen Bundesländern der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Leipzig zuständig ist. "Und der hat in einem zurückliegenden Fall in unserem Sinne entschieden", sagt der Berliner Urologe Uwe-Christian Arnold, Vizevorsitzender von Dignitate, der deutschen Schwesterorganisation von Dignitas.Er beruft sich auf den Fall des Berliner Pfarrers Rolf Sigg, der 1999 zunächst vom Landgericht Berlin zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, weil er einer unheilbar kranken Frau ein tödliches Medikament verschafft hatte. Zwar bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil, hob die Geldstrafe aber auf. Der Pfarrer erhielt jedoch eine Verwarnung mit Strafvorbehalt. Nach deutschem Recht ist nur die passive Sterbehilfe erlaubt. So dürfen Ärzte Morphium gegen Schmerzen geben. Dieses Präparat kann lebensverkürzend sein, wenn es zu hoch dosiert wird. "Der Patient stirbt dann ein paar Stunden früher", sagt Ärztekammerpräsident Günter Jonitz. "Der Wunsch unheilbar Kranker ist nicht, zu sterben, sondern, nicht zu leiden.""Wer mit anschauen musste, wie jämmerlich Menschen krepieren können, sieht aktive Sterbehilfe in einem anderen Licht", sagt dagegen der Arzt Arnold. Nach seiner Auffassung wird Sterbehilfe in Deutschland von Jahr zu Jahr von mehr Menschen positiv gesehen. 1 300 Mitglieder hat seinen Angaben zufolge Dignitate in Deutschland.Sollten sie sich aufgrund einer unheilbaren Krankheit selbst töten wollen, müssen sie nach Zürich reisen, wo ihnen nach vorheriger Untersuchung, ein Arzt das schnell und stark wirkende Schlafmittel Natriumpentobarbital verschreibt. Dann ziehen sie sich in die "Sterbewohnung" von Dignitas zurück. Dort verabreicht ein Sterbehelfer ihnen das Medikament. Kürzlich musste Dignitas die Wohnung jedoch nach Protesten von Anwohnern aufgeben. "Ständig wurden Särge aus der Wohnung getragen", sagt Arnold. Nun gehen die Deutschen zum Sterben ins Hotel.------------------------------Dubioser VereinDignitas, 1998 von dem Schweizer Ludwig A. Minelli gegründet, bietet den 6 000 Vereinsmitgliedern aus 52 Ländern aktive Sterbehilfe an.Kritiker sprechen von "Sterbetourismus". Außerdem wird Minelli angelastet, den Suizid zu verharmlosen und psychisch Kranke beim Selbstmord zu unterstützen.Die deutsche Hospizstiftung wirft Dignitas ein "Geschäftemachen mit dem Tod" vor, weil Patienten zirka 5 000 Euro für aktive Sterbehilfe bezahlen müssen.