TEL AVIV. Man erzählt sich, dass in der New Yorker U-Bahn eine israelische Frau auf einen schwarz gekleideten Mann zugeht, der einen Bart und einen auffälligen Hut trägt. Sie fährt ihn an, dass es eine Schande sei, wie er sein Judentum zur Schau trägt. Mit diesem althergebrachten Aussehen sei es ja kein Wunder, dass man uns nicht möge, entfährt es der Frau.In der Tat, orthodoxe Juden fallen auf, besonders im nicht-israelischen Ausland. Aber hierzulande sieht man sie an fast jeder Straßenecke. Es existieren zwar keine sicheren Daten, aber das israelische Amt für Statistik geht von einer Gesamtzahl von bis zu 600 000 aus. 2006 sollen es rund sechs Prozent der Gesamtbevölkerung gewesen sein. Obwohl diese gläubigen Juden sehr präsent und mit Bart, Hut und schwarzer Kluft überall zu sehen sind, versteht die säkulare Mehrheit des Landes die Feinheiten der Kleidung nicht. Sie alle werden abschätzig einfach nur "Schwarze" genannt. Aber bei genauem Hinschauen ist nicht alles schwarz. Jede Strömung hat ihre eigene Form der Kopfbedeckungen, der Jacketts oder der Hosen.Alle streng frommen Juden tragen gleichermaßen eine traditionelle Kopfbedeckung, Kippa genannt. Der Ursprung ist im Talmud zu finden, wobei es wohl erst im 16. Jahrhundert zur Pflicht wurde, diese Kappe auch bei nicht-religiösen Handlungen zu tragen. Darüber hinaus haben sich die Charedim, wie die Orthodoxen auf Hebräisch heißen, dem Prinzip verpflichtet, nichts an den Traditionen ihrer Vorväter zu ändern. Deshalb sieht man sie selbst im israelischen Hochsommer in schwarzen Sakkos - und an den Feiertagen sogar mit Pelzhüten aus Zobel, Streimel genannt.Heute trägt jede religiöse Strömung ihre eigene Kippa-Sorte: Bunt gehäkelte werden den zionistischen Strömungen zugeschrieben, eine rein schwarze den Litauern und den chassidischen Strömungen, eine schwarze mit einem goldenen Schriftzug auf dem Rand den Lubawitscher-Chassiden und eine weiß gestrickte mit einer kleiner Bommel oben drauf den Breslower-Chassiden.Eines der markantesten Symbole einer tiefen Gläubigkeit ist der Vollbart. Unter den frommen Zionisten findet man auch gestutzte, jedoch schneiden sich die meisten den Bart nicht. Er und die dazu gehörenden Schläfenlocken, jiddisch Pajess, werden von den traditionelleren Gläubigen nicht rasiert, da im 3. Buch Mose steht, man solle sich die Kopfhaare nicht rundherum scheren und sich seinen Bart nicht barbieren.Racheli, eine Mittzwanzigerin und Mutter von drei Kindern, muss sich keine Schläfenlocken wachsen lassen, da ihre Haare einer anderen Regelung unterliegen. Weibliches Kopfhaar kann, so steht es in den Schriften, die Männer auf "andere" Gedanken bringen. Also muss eine als sittsam geltende Jüdin ihr Haar bedecken. Dies gilt allerdings nur für verheiratete Frauen. Und Racheli, orthodoxe Jüdin einer aschkenasischen Strömung, kann wählen, ob sie zum Beispiel ein Tuch oder eine Perücke trägt. "Frauen der sephardischen Strömung dürfen das nicht", sagt sie. Der führende Geistliche der Sepharden, Rabbiner Owadja Jossef, hat Toupets verboten, weil diese wie Echthaar aussehen und den Mann nach wie vor auf unsittliche Gedanken bringen können.In Rachelis Leben treffen andere Rabbiner die für sie relevanten religiösen Entscheidungen, und diese erlauben das Tragen von Fremdhaar. Heute hat die junge Frau eine weiße, mit einem schwarzen Netz überzogene Kopfbedeckung gewählt, unter der einige Strähnen hervorschauen. Auf die Frage, ob dies denn nicht zu gewagt sei, zitiert sie das Gebot, dass zwei Fingerbreit hervorschauen dürfen.Strengere Jüdinnen bedecken den Kopf so, dass nicht einmal einzelne Haare herausgucken. "Die strengsten rasieren sich den Kopf sogar, damit kein Härchen, nicht einmal versehentlich, herausrutschen kann", sagt Racheli. Sie selbst würde sich kein großes Tuch um den Kopf wickeln: "Das machen nur die Siedler im Westjordanland."Auch für den Mann haben sich unterschiedliche Sitten bezüglich der richtigen Kopfbedeckung herausgebildet, weswegen die schlichte Kippa oft nicht ausreicht. In orthodoxen Kreisen hat es sich eingebürgert, dass man ein ganzer Jude nur dann ist, wenn ein Hut getragen wird. Dieser hat sich zuweilen vom Luxus- zu einem Elementarartikel der streng religiösen jüdischen Garderobe entwickelt. Wie im Falle der Kippa, sitzt mit dem jeweiligen Hut auf jedem Haupt ein anderer Code. Die Ultra-Gottesfürchtigen teilen sich in zwei Lager auf - zumindest was die Hutfrage betrifft: Im einen sind die Litauer und Sepharden zu finden, deren Krone nur eine mittig verlaufende Falte besitzt. Selbige gibt der Tracht den Namen "Kneitsch-Hut". Die Krempe verläuft regulär.Im anderen Lager sind die Chassiden zu Hause, die die Krempe ihres Fedora-Hutes nach oben hin gebogen tragen. Ausnahme sind die Lubawitscher Chassiden, die die Krempe auf der Stirnseite nicht nur sehr stark nach unten biegen; auch sind die Einkniffe auf der Vorderseite der Krone so stark ausgeprägt, dass sie vorne äußerst spitz zuläuft. Dies ist wohl auf den verstorbenen Brooklyner Rabbiner Schneerson zurückzuführen, der unter den Lubawitscher Gläubigen messianischen Status besaß. Dieser packte stets so hart zu, dass sich eben diese Spitze bildete. Darüber hinaus verfügt diese Krempe über eine sehr markante dreiecksartige Einbuchtung auf der hinteren Oberseite. Dieses Dreieck steht für die drei höchsten Güter der Kabbala: Weisheit, Einsicht und Wissen.Aber auch andere Gruppierungen haben ihre Besonderheiten. Weil das jiddische Wort "Samet", auf Deutsch Samt, das hebräische Akronym für "Meide das Böse, tue Gutes" bedeutet, tragen die Wischnitzer Chassiden einen kreisrunden Hut, der aus Biber- oder Hasenfell gemacht wird und ein samtiges Aussehen besitzt. Teile der Sattmerer- und einige der ungarischen Chassiden tragen ebenfalls diese Sorte Hut, nur dass die Krone weitaus flacher ausfällt. Diese Form kann man in Jerusalem antreffen, ihre Träger bezeichnen sie oft als "a plattschiger Samethit".Samstags oder an Feiertagen tragen einige Gruppierungen einen Streimel, dessen Ursprünge sich in Polen oder Russland verlieren. Eine Legende besagt, dass die damaligen Juden sich einen Fuchsschwanz um die Kippa binden mussten, als Zeichen der Erniedrigung - worauf die Not zur Tugend gemacht wurde. Heute besitzt dieser bizarr anmutende Kopfschmuck solch einen vornehmen Status, dass die Versuche, ihn als Kunstpelz-Variante einzuführen, weitgehend gescheitert sind. Auch die von Altkanzler Adenauer gern getragene Hutform Homburger ist unter den Ultra-Frommen beliebt. In Israel setzen ihn Rabbiner als Zeichen besonderer Würde auf - mit einer leicht nach oben gefasste und breiteren Krempe.Rekl und HoisenAuch die Kleidung weist erhebliche Unterschiede auf. Prinzipiell tragen sowohl die Litauer, die Sepharden als auch die Lubawitscher-Chassiden Sakkos in normaler Länge. Die anderen Chassiden bevorzugen einen bis zu zehn Zentimeter unter das Knie reichenden "Rekl". Dieser besitzt zwei Knopfreihen, die rechte Seite wird über die linke geknöpft. Das kommt daher, dass man sich als orthodoxer Jude keinesfalls wie Nicht-Juden zu kleiden hat. Einige interpretieren die ungewohnte Tragweise mit kabbalistischer Symbolik, denn Rechts steht für Barmherzigkeit und Links für das Recht. So wird der Träger stets daran erinnert, welches Prinzip Vorrang besitzen soll.Unter dem langen Kaftan sind oft Knickerbocker zu finden, da sie im 19. Jahrhundert sehr populär waren. Während der Woche trägt man dazu schwarze Socken, samstags die feierlichen weißen. Die Gur-Chassiden stecken sich nach wie vor die "Hoisen" in die Socken, da sie irgendwann in der polnischen Geschichte verpflichtet worden sind, die Hosen nach Kosaken-Art zu tragen. Auch mussten sie damals ihre Schläfenlocken entfernen, weswegen sie sie unter der Kippa versteckten, was sie bis heute beibehalten haben.Solch einen traditionell gekleideten Juden, einen, der seine Rockschöße "falsch" zuknöpft, oder einen langen Gehrock trägt, wird man in Deutschland äußerst selten treffen. In der New Yorker U-Bahn sind die Chancen weit größer. Und als jene Israelin dort einen derart gekleideten Mann traf, konnte sie wohl nicht anders, als ihm ihre Meinung sagen. Als sie mit ihrer Schimpftirade fertig war, erwiderte er nur freundlich, dass er überhaupt kein Jude sei, sondern zur Amischen Religionsgemeinschaft gehöre. Hätte die Frau um die Feinheiten gewusst, hätte sie gemerkt, dass der Mann zwar einen Vollbart trug, aber keinen Schnurrbart - und demzufolge kein orthodoxer Jude sein konnte.------------------------------Zerstoben und wieder vereintChassidim, von hebräisch "die Frommen", heißen Angehörige verschiedener, voneinander unabhängiger orthodoxer Bewegungen im Judentum. Gemeinsam ist ihnen hohe Religiosität, hoher moralische Anspruch sowie eine besondere Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung findet. Besonders am Sabbat und den Festtagen suchen sie, durch Gebet, Lieder, Tänze und Ekstase Gott näher zu kommen.Sephardim heißen die Juden und ihre Nachfahren, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1531 in Portugal und Spanien (Andalusien) lebten. Sie siedelten sich mehrheitlich im Osmanischen Reich und in Nordwestafrika an. Andere zogen nach Nordeuropa, Amerika, Indien und Afrika. Sie pflegten die iberische Kultur - das unterscheidet sie von den deutsch geprägten Aschkenasim Mittel- und Osteuropas.Zionisten sind die Anhänger der jüdischen Nationalbewegung, die sich infolge des Antisemitismus in Europa um 1880 politisch zu organisieren begannen und einen eigenen jüdischen Nationalstaat anstrebten. Der jüdische Journalist Nathan Birnbaum aus Wien prägte 1890 den Begriff. Theodor Herzl schrieb im Jahr 1896 das Buch "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage".------------------------------Foto: Eine ultraorthodoxe jüdische Familie in Jerusalem beim Kapparot-Ritus: Ein Huhn wird dreimal über dem Kopf geschwungen und folgende Formel aufgesagt: "Dies ist mein Ersatz, dies ist meine Auslösung, dies ist meine Buße. Dieses Huhn (oder dieser Hahn) wird sterben, und ich werde mich eines guten und langen und friedlichen Lebens erfreuen." Das Ritual wir vor allem vor dem Feiertag Jom Kippur durchgeführt.------------------------------Foto: (5) Von links: Die fromme Jüdin verbirgt ihr Haar, ob mit Kopftuch, eng oder lose geschlungen, oder Perücke, bleibt ihr selbst überlassen. Der orthodoxe Mann trägt je nach Glaubensströmung unterschiedliche Hüte - ob die Krempe sich nach oben rollt, die Kopfbedeckung riesig und aus Pelz ist oder oben einen Kniff aufweist - in allem steckt ein Code. Unten rechts: Perückenladen für die orthodoxe Jüdin in Jerusalem.