Ost-Biografien spielten keine Rolle

Feuilleton: "Die 29er" von Stephan Schlak (23. Januar):Ich bin Jahrgang 1929, und so fühle ich mich von dem Artikel besonders angesprochen. Dass unsere Generation die letzte ist, "die sich in einem Erfahrungskontinuum deutscher Geschichte weiß", kann ich gut nachvollziehen, aber anders, als es der Autor begründet. Ich habe immer in der DDR, ab 1951 in Ostberlin gelebt, und ich fühle meine Lebenssituation überhaupt nicht beachtet. Der Autor nennt zwar mit Christa Wolf und Heiner Müller auch literarische Vertreter "nicht nur im Westen" - auch Günter Kunert lebte bis 1979 in Ostberlin - , geht aber überhaupt nicht auf das Besondere dieser Existenz des Jahrgangs ein. Wir konnten nicht reisenFür die Ost-29er konnte "Über Grenzen" nicht als Lebensmotto gelten. Uns hat sich nicht "früh die ganze Welt geöffnet", wir konnten nicht "sofort nach dem Kriege" zu reisen beginnen und nicht im Ausland studieren. Nur diese Charakteristika werden aber für den Jahrgang 1929 genannt. Das tut weh! Die Beziehung zum Krieg mag in Ost und West im Prinzip ähnlich sein. Ich habe den Bombenangriff auf Dresden erlebt. Aber die Konsequenzen, die wir im Osten aus dem Zusammenbruch zogen, sind andere. Unsere Chance lag nicht in der Öffnung nach außen. Im Gegenteil, wir fragten intensiv nach unserer Vergangenheit, nach eigenem Versagen, Schuld unseres Volkes, versuchten, "Vergangenheit zu bewältigen". Vielleicht quälten sich die 68er im Westen stellvertretend mit der Schuld ihrer Eltern, weil diese sie nicht selber "abgearbeitet" haben. Wir lernten unsere Situation im Sozialismus, viele Einschränkungen und Probleme als Folge unserer deutschen Geschichte und des von den Nazis begonnenen Krieges zu verstehen. Uns bewegte und bewegt, was in deutschem Namen anderen Völkern angetan worden ist. Und in diesem Sinne sind wir im Osten die Generation, die noch aus eigenem Erleben Bezug zur deutschen Geschichte hat. Warum sind nur "die Jubilare der alten Bundesrepublik" Thema des Artikels?Renate Trautmann, Berlin