Im Dezember dieses Jahres wird der EU-Gipfel in Kopenhagen die Osterweiterung in trockene Tücher zu bringen versuchen. Und Jacques Rupnik, Historiker an der Sorbonne, vermutet die üblichen "prosaischen Verhandlungen" um Quoten und Subventionen. Dennoch beschleicht die Bürger Europas mitunter das klamme Gefühl, als sei die Erweiterung der EU, nach Fall der Mauer mit großer Attitüde annonciert, in den letzten zwölf Jahren eher verschleppt als zügig vorangetrieben worden. In einem etwas schiefen Bild sprach Rupnik vom europäischen Bermuda-Dreieck: kaum nähere man sich der Osterweiterung, verschwände sie.Es war den zwei Osteuropäern des Podiums vorbehalten, der Enttäuschung darüber Ausdruck zu geben. Die etwas verhaltene Frage Kazimierz Woycickis, Direktor des Polnischen Instituts in Leipzig, ob man nach 1989 Zeit verplempert habe, spitzte Jiri Grusa, Schriftsteller und Botschafter Tschechiens in Wien, mit der Bemerkung zu, dass man die Gunst der Stunde verpasst hätte. Jetzt herrsche wieder die "chronische Zeit" mit ihren Gebrechen: mit nationalen Egoismen und der Unfähigkeit, den Bürgern den Sinn auch Europas im Ganzen zu vermitteln. Doch sei, so Grusa, die anstehende Entscheidung von höchster geopolitischer Bedeutung. Was Woycicki mit fast Kohl scher Verve präzisierte: die Osterweiterung sei nichts anderes als "Friedenssicherung".Ängste vor dem Ausverkauf des eigenen Landes oder Überfremdung müsse man ernst nehmen. Doch sei diese Gefahr, so Klaus Bade (Osnabrück), "übersichtlich". Bade wies indes darauf hin, dass es im Westen dennoch "Verlierer" des Prozesses geben werde: die Minder- und Unqualifizierten, deren Chancen auf Arbeit sich verschlechtern dürften - man müsse Qualifikationsprogramme schaffen.Welches Europa will man?Von Chancen und verpassten Gelegenheiten war die Rede - aber von Visionen nur am Rande. Zwar monierte Rupnik, dass man beide Ebenen, die der Ängste wie der Visionen, zusammenführen müsse. Doch wie, blieb offen. Dass es nicht (nur) darum gehen kann, was Europa koste; sondern auch, welches Europa man wolle, in welchen Grenzen, mit welchem Verhältnis von nationalstaatlicher Souveränität und transnationalen Kompetenzen, leuchtete unbenommen ein. Und nicht ohne Reiz waren auch Woycickis Andeutungen über eine europäische Erinnerungspolitik, die am Vorbild der deutschen Vergangenheitsbewältigung nach dem Zweiten Weltkrieg die eigene Geschichte, die jeweiligen nationalen Mythen kritisch hinterfragen sollte. Doch blieb es bei Andeutungen.Dass die Osterweiterung - nach Grusa eine "Westverlängerung" - letztendlich kommen würde, darin war man sich einig. Ulrike Ackermann, Moderatorin des Abends und Initiatorin des Europäischen Forums, freute sich über so viel Optimismus. Womit sie auch das Problem benannte, denn dem Podium fehlte ein Schuss Skepsis, der die Konturen schärft. Und dazu zwingt, den wohlfeilen Statements die Frage nach dem Gewusst-wie abzutrotzen. Rupniks Einschätzung, dass eine Reform des Agrarsektors kommen müsse, wollte zwar keiner widersprechen. Doch das Wie wurde nicht einmal gestreift. Wie es etwa zu verhindern sei, dass auch zukünftig etwa jene kleine Minderheit der in der Landwirtschaft Tätigen Europas Institutionen in einer Art lobbyistischer Geiselhaft hält - dafür weiß niemand Rat. Die Klärung dieser Frage ist vielleicht nur zum Teil prosaisch. Zu einem anderen Teil ist sie die höchst anspruchsvolle Frage einer Bürokratie- und Systemtheorie über die Funktionslogik moderner Institutionen.