Die Blicke kommen aus der Vergangenheit, aus der Belle Tristesse des sozialistischen Alltags. Ausgezehrte Gestalten in ebenso abgerissener wie sorgsam durchdachter Kleidung, mit wunderlichen Haartrachten und Ringen in den Ohren, rufen den Betrachter zurück und prüfen dadurch seine Gegenwart. Man sieht noch heute, dass diese Leute sich selbst als Material begriffen. Aus Fotografien und Songs, Collagen, Filmen, Gemälden, Texten und Überwachungsakten spielt die unruhevolle Jugend der DDR unsere Sicht auf das Gestern zurück und und sieht uns dabei direkt ins Leben.Wut in vier Wänden, Aufbruch an Stellwänden, Unbotmäßigkeit in Dosen und auf Papier: Man fühlt sich unerwartet heimatlos, wenn man auf drei Etagen die Räume von "ostPunk! too much future" durchwandert und noch einmal erlebt, wie Ästhetik aus nicht staatlich kontrolliertem Anbau im Treibhaus DDR zur "Schuld" werden konnte. Eine gültige Bilanz gab es bislang zum Punk in der DDR: den 1999 von Ronald Galenza und Heinz Havemeister herausgegebene Sammelband "Wir wollen immer artig sein...". Jetzt gibt es zwei weitere gültige Beiträge: die Ausstellung "ostPunk!" und den Dokumentarfilm "Schräge Zeit" des Isländers Ólafur Sveinsson. "Wir wollen immer artig sein/ denn nur so hat man uns ge-her-ne"...", grölten die Jungs von Feeling B um Aljoscha Rompe und widersetzten sich damit gut gelaunt dem staatlichen Konformitätsbegehren. In "Schräge Zeit" erzählen fünf Ex-Punks, warum man in der DDR Punk wurde statt Mitglied des Oktoberklubs, und was aus den Ostpunks von damals geworden ist.Jan "Sputnik" spielte früher bei der Band Demokratischer Konsum verrückt. Später, als Punk und Kleinfamilie und Ost und West in seinem Kopf explodierten, wurde er im klinischen Sinn verrückt. Jan "Sputnik" ist das Zentrum von Sveinssons Film und hat die Lichtinstallation der Ausstellung betreut. Auch Henryk Gericke und Michael "Pankow" Boehlke waren mal frühe Ostpunks: Pankow als Sänger bei Planlos, Gericke bei The Leistungsleichen. "Früh" meint die Zeit von 1979 bis 1984, die in der Ausstellung, ungeachtet der technischen Primitivität, überraschend gut dokumentiert ist: Musik, Texte, Bilder, Fotos, Underground-Filme - einiges ist hier überhaupt zum ersten Mal öffentlich zu sehen, Collagen und Holzschnitte von Cornelia Schleime etwa und Super-8-Dokumentarfilme: Punks filmten Punks. Boehlke und Gericke haben sich, beraten von einem Kompetenzteam, zu dem auch Dirk Tesche, Christoph Tannert, Galenza und Havemeister gehören, als leitende Kuratoren von "too much future" profiliert.Am wichtigsten war: Die Szene spricht über sich selbst. Denn als Punk zu leben war in der DDR nicht dasselbe wie im Westen. Im Westen konnte man mit einer wilden Single in die Charts kommen, im Osten in den Knast. Im Westen wurde man von Touristen fotografiert, im Osten von der Stasi. Lebensgefühl - das war in der DDR nun mal keine Privatsache. Also hat die Ausstellungsdesignerin Andrea Pichl die dritte Etage, die das Verhältnis von Punk und Stasi dokumentiert, wie das "Ahornblatt" gestaltet: einst (auch Tanz-) Lokal und inzwischen abgerissenes Symbol der DDR-Moderne. Gleich im Titel sichert die Schau den Abstand zum "No Future" der Westpunks: Dass Lebensformen, die von den DDR-konformen abwichen, oft gegen den Willen ihrer Verfechter politisiert und als antisozialistisch, also staatsfeindlich hingestellt wurden - darüber kann jedes Pastorenkind Bücher schreiben. "Too much future" meint sarkastisch die sichere Verplantheit des DDR-Lebens - und reflektiert doch den Vorwurf der Undankbarkeit an die unruhevolle Jugend.Eine Ausstellung über DDR-Punk muss sich zwangsläufig mit den Themen Skinheads, Stasi und Kirche befassen, sie muss das aber nicht in den Mittelpunkt stellen. Punk in der DDR zu sein bedeutete auch Spaß, Aufbruch, Ausdrucksexperiment. "Wir waren jung, wir waren besoffen. Wir wollten den Mädchen auffallen", erinnert sich einer von Jans Freunden in "Schräge Zeit". Dass die Spaßpartys vom Einsatzkommando gesprengt wurden - das war nicht unbedingt das Ziel der Szene, aber es wurde natürlich Teil des realen Mythos - ebenso wie die enge Verbindung von Punk und Kunst. "Als Punk war einem damals relativ bald klar, dass man Künstler werden wollte", erzählt Gericke. Punk war eben nicht nur genialer Dilettantismus, sondern Labor.Heute kommt einem die reine Tatsache des gelungenen Anschlusses an internationale Subkultur viel interessanter vor als die politischen Geiselnahme seitens des DDR-Staats - oder auch der Westpresse, die den Ostpunk praktisch zur Opposition hochschrieb. In dieser Hinsicht aufschlussreich ist in der Ausstellung jene Wand, an der drei Texte zum DDR-Punk hängen: einer von den Punks selbst, einer aus einer Dresdner Zeitung "Union" und einer aus der Westberliner "Zitty". Und auch durchgängig sprechen hier Themenkomplexe wie Punk und Kunst oder regionale Punk-Zentren in den "Südstaaten der DDR" (Gericke) von vitaler Einflussnahme, Verbreitung und Entwicklung. Wichtig und grundsätzlich anders als im Westen war: DDR-Jugendliche hatten sich Freiheiten genommen, die bis dahin undenkbar waren. Sie haben hart dafür bezahlen müssen. "Schräge Zeit" führt vor, wie die Szene ausgedünnt wurde: Zurückzubleiben, nachdem die anderen in den Westen gegangen waren, hätte nicht nur das psychische Beharrungsvermögen des Einzelnen überfordert.Geschichte von unten war auch für die Leute von "too much future" wichtig. Und: ein antimuseales Konzept, also eine Gegenausstellung - weniger zum Punk-Kongress West, der 2004 in Kassel stattfand, wohl aber zur großen und von oben aufgestellten Ausstellung "Boheme und Diktatur", die das Berliner Zeughaus vor wenigen Jahren präsentierte. "Der Aspekt DDR" entschied auch über den Ort der Schau. Das Künstlerhaus Bethanien ist Projektpartner, aber Ost-Punk kann nicht in Kreuzberg präsentiert werden.Niemand bleibt ewig Punk: Mein Lieblingsfoto zeigt den heutigen Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser Hartmut Dorgerloh 1985 beim Szene-Fest in Coswig. Gültig sind Ausstellung, Buch und Film, weil sie mit ihrem Thema über diese spezielle Jugendkultur hinausweisen. Und natürlich geht es auch mit dieser Ausstellung noch einmal darum, Deutungshoheit zu erlangen und sich seiner Biografie zu versichern. Für die Projektgruppe muss es eine seltsam aufregende Zeit gewesen sein - wie es eben ist, wenn sich im Rückblick der Stolz auf die eigene Unbotmäßigkeit mit einer Art Verwunderung darüber mischt, immer noch am Leben zu sein. Zu den Folgen aufregender Vergangenheiten gehört, dass man in der Gegenwart hinsichtlich der Zeugenschaft konkurriert. Im Dezember wird auch der Punk wiedervereinigt, wenn das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig eine Ausstellung zu 50 Jahren Jugendgeschichte und zu Rock in Deutschland bis zur Gegenwart eröffnet.------------------------------ostPUNK! - too much futureAusstellungseröffnung heute um 19 Uhr. Bis 25. September 2005, mit Begleitprogramm. Ort: Salon Ost, Saarbrücker Str. 20 (U-Bahnhof Senefelder Platz). Mi - Sa: 15 bis 20 Uhr; Do: 15 bis 22 Uhr (Eintritt frei). Katalog 10 Euro.Wir wollen immer artig sein. Punk, New Wave, HipHop, Independent-Szene in der DDR 1980 - 1990, hrsg. von Ronald Galenza / Heinz Havemeister, erscheint am 1. Oktober in erweiterter Ausgabe neu: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 700 S., 14,90 Euro.Schräge Zeit Dtl. 2004. Dokumentarfilm. Regie: Ólafur Sveinsson, Kamera: Halldór Gunnarsson. Mitwirkende: Jan "Sputnik" u.a.; 90 Minuten, Farbe. Zu sehen ab 1. September im Kino Brotfabrik.------------------------------Foto: Zwischen Keller und Künstleratelier: "Als Punk war einem damals relativ bald klar, dass man Künstler werden wollte".