BERLIN, 4. April. Im Fall des "Massakers von Racak" vom Januar 1999 hat es hinsichtlich der Identität einer größeren Zahl der getöteten Albaner Manipulationen gegeben. Recherchen der "Berliner Zeitung" in Racak ergaben, dass die Leichen von gefallenen UCK-Kämpfern offenbar aus dem Kosovo-Dorf weggebracht wurden, damit das Bild von dem Mord an Zivilisten nicht getrübt wurde. Zugleich wurden diese Toten in den Berichten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verschwiegen. Später stellte das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag eine Namensliste zusammen, in der die UCK-Kämpfer ebenfalls nicht auftauchen.Sowohl Vertreter der OSZE als auch Politiker westlicher Staaten hatten seinerzeit immer wieder erklärt, in Racak habe eine Massenhinrichtung unbewaffneter albanischer Zivilisten durch serbische Sicherheitskräfte stattgefunden. Das "Massaker" gilt als Schlüsselereignis auf dem Weg in den Nato-Krieg gegen Jugoslawien. Recherchen der "Berliner Zeitung" hatten bereits ergeben, dass die seit März 1999 geheim gehaltenen Autopsie-Protokolle eines finnischen Pathologen-Teams keine Hinweise auf ein Hinrichtungsszenario enthalten."Es war ein wilder Kampf"Jugoslawische Sicherheitskräfte hatten am 15. Januar 1999 Racak angegriffen. Die UCK unterhielt in diesen Tagen laut UCK-Chef Hashim Thaci "eine Schlüsseleinheit in der Region". Thaci weiter: "Es war ein wilder Kampf. Wir hatten viele Opfer zu beklagen." Doch der damalige Chef der OSZE-Beobachter in Kosovo, der US-Amerikaner William Walker, erklärte das Geschehene noch am 16. Januar zu einem Massaker an albanischen Zivilisten. Besonders empört zeigte er sich über die angebliche Hinrichtung von über 20 Männern verschiedenen Alters in einem trockenen Bachbett wenige hundert Meter oberhalb des Dorfes. Insgesamt zählten die OSZE-Beobachter 45 Tote, bei denen angeblich keine Hinweise gefunden wurden, dass es sich um UCK-Kämpfer handeln könnte. Zu den "Hingerichteten" in dem Bachbett von Racak gehörten auch drei Mitglieder der Familie Syla: Vater Shiceri Syla sowie dessen erwachsene Söhne Sheremet und Kadri. So bestätigte es ein Mitglied der Familie noch am Morgen des 16. Januar gegenüber Reportern, die mit den ersten OSZE-Beobachtern anreisten. Auf dem neuen Friedhof von Racak, der den Opfern des 15. Januar gewidmet ist, finden sich die Gräber von Shiceri und von Sheremet Syla. Aber es gibt kein Grab mit dem Namenszug von Kadri Syla. Auch auf der Liste der Toten aus Racak, die das Haager Kriegsverbrechertribunal später veröffentlichte, gibt es keinen Kadri Syla. Dabei erklärte das Tribunal ausdrücklich, dass es alle Toten, die namentlich bekannt sind, auflistete.Das Grab Kadri Sylas befindet sich auf einem abgelegenen Friedhof einige Kilometer von Racak entfernt. Kadri Syla war ein von der UCK namentlich geführter Kämpfer der Untergrundarmee. Bisher ist ungeklärt, wieso er aus der Statistik des Haager Tribunals herausfiel. Dabei wäre auch eine etwaige standrechtliche Hinrichtung dieses UCK-Kämpfers gerichtlich zu untersuchen. Ebenso wie der Tod von Shaqir Berisha, Mehmet Mustafa und Enver Rashiti. Alle drei jungen Männer stammen aus Racak. Alle drei wurden am 15. Januar getötet. Alle drei sind ausgewiesene UCK-Kämpfer. Alle drei fehlen auf der Liste des Haager Tribunals. Und alle drei haben kein Grab in Racak. Auch die finnische Pathologin Helena Ranta, die die Leichen von Racak mit ihrem Team untersuchte, bekam diese Toten nie zu Gesicht.Zusätzliche GräberBereits in den ersten Berichten der OSZE-Mission über das Geschehen von Racak wurden alle toten UCK-Kämpfer ausgeblendet. Im internen "Special Report", der wenige Tage nach der Tragödie an die Regierungen der OSZE-Mitgliedsstaaten verschickt wurde, sind nur tote Zivilisten erwähnt. Entsprechend war das Echo der Politiker: Racak wurde zu einem Synonym für die brutale Hinrichtung von friedfertigen Zivilisten durch die Serben.Dabei wussten es auch die europäischen Politiker von Anfang an besser. In einem parallel verteilten internen Bericht der EU (Report NO. 10829) hieß es bereits am 18. Januar 1999, die UCK habe berichtet, dass "sechs ihrer Kämpfer getötet worden sind und sechs verwundet". Später erhöhte sich die Zahl der Gefallenen auf mindestens acht.Für mindestens 13 der 45 Personen, die das Haager Tribunal als "in Racak ermordet" auflistet, gibt es auf dem Märtyrer-Friedhof von Racak keine Gräber. Jedenfalls nicht unter den Namen, die das Tribunal den Toten gab. Dafür tauchen auf den insgesamt 43 Gräbern fast ein Dutzend Namen auf, die nicht auf der Liste des Tribunals verzeichnet sind. In einigen Fällen kann es sich um Namensverwechslungen handeln, nicht aber in allen.RACAK "Wendepunkt" // Am 16. Januar 1999 wurden im Kosovo-Dorf Racak die Leichen von über 40 getöteten Albanern gefunden.Westliche Politiker beschuldigten die Serben der Exekution unbewaffneter Zivilisten; Racak wurde zum "Wendepunkt" auf dem Weg in den Nato-Krieg.Die Namensliste des Haager Tribunals im Internet: unter: www. un. org/icty/indictment/english/mil-ii990524e. htm