Tucholsky ist begeistert. "Ein schlecht rasierter Mann mit Stielaugen, der aussieht wie ein Droschkenkutscher, betritt in einem unmöglichen Frack und mit ausgelatschten Stiefeln das Podium. Er guckt dämlich ins Publikum und hebt ganz leise, so für sich hin, zu singen an ", schreibt er 1921 in der "Weltbühne", "diese Leichtigkeit ist unbeschreiblich, dieser Fettbauch hat eine Grazie, die immer wieder mitreißt!" Karl Valentin lobt den Kollegen im Geiste der Komik zwar wortkarg, aber mit Nachdruck: "Des mog i! Des is a ganz Großer!" Und Max Herrmann-Neisse zollt Otto Reutter im "Berliner Tageblatt" 1926 Anerkennung erster Güte: "Reutter ist der begabteste und selbständigste der deutschen Varietékomiker, der Ahnherr einer Humoristengilde, die (ohne Reutters Können, Liebenswürdigkeit, persönlichen Charme) seine wirklich witzige, an Einfällen reiche Art bestahl und verkitschte."Alle lieben den dicken Otto, der seine Pointen schwerelos wie Seifenblasen steigen läßt. In nur einem Jahrzehnt ist der Sohn eines Hausierers aus der Altmark mit seinen selbstgemachten Couplets zum tonangebenden deutschen Varietékünstler aufgestiegen. Und so frappierend ist sein Charme, so sympathisch sein bodenständiges Gemüt, daß ob dieser Originalität kein Mäkler gegen ihn reden mag. Reutter hat, wie seine Lieblingsautoren Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter und Wilhelm Busch, einen Hang zum "realistischen Philosophieren" ­ zum maßvollen Räsonieren über den Lauf der Welt ­, und so entstehen Texte aus dem Beobachten der kleinen und großen Dinge. Mal aus einem Kneipengespräch, mal aus dem Lesen der aktuellen Presse: "Und da wird nun geschrieben ­ in einem fort / ein großer Artikel ­ von Mode und Sport / und von Kunst ein ganz kleiner ­ denn das liest ja doch keiner. / Und dann das Lokale ­ mit Raub und Mord / die Leiche hab·n se - der Mörder ist fort / und noch zehn Seiten ­ mit Schwindel und Pleiten / und Sterbefällen ­ ·s wird alles gebracht / was uns morgens beim Kaffee Vergnügen macht."Damit könnte er noch heute als Medienkritiker Ehre einlegen. Doch über das amüsierte Konstatieren der Verhältnisse hat er nie hinausgewollt: Reutter ist kein Satiriker, nicht am politischen Kabarett interessiert.Auf welcher Bühne der kleine Dikke mit dem wirren, zur Tolle gebändigten Haarschopf und den auffällig hellen, hervorquellenden Augen auch steht, die Zuschauer vergöttern ihn. Verschmitzt lächelt der schmale Mund im Mondgesicht, die Hände sind über dem geräumigen Bauch gefaltet, die trügerisch gemütliche Stimme erteilt Ratschläge wie diesen: "Sei modern und arbeit· nicht so heftig ­ / fremder Schweiß erhält dich frisch und kräftig. / Bist du stets zur Arbeit nur bereit, / bleibt dir zum Verdienen keine Zeit!" Viele dieser Weisheiten, wie "Ick wunder mir über janischt mehr" oder "Seh· ich weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg" haben längst den Status einer Spruchweisheit erreicht.Otto Reutter hat in seinem Leben mehr als 1 000 Couplets geschrieben, die Tucholsky schwärmen lassen: "Ein Refrain immer besser als der andere ­ wie muß dieses merkwürdige Gehirn arbeiten, das zu jeder lustigen Endzeile immer noch eine andere Situation erfindet. Und was für Situationen "Nicht auszudenken, daß Otto Reutter einst "Heringsbändiger" werden sollte. So wollte es zumindest der Vater, der mit Pferd und Wagen über die Dörfer zog und so den Lebensunterhalt verdiente. Im Haus der Familie im altmärkischen Gardelegen befand sich ein Laden und über dem sollte dereinst geschrieben stehen: "Otto Pfützenreuter, Kolonialwaren" (den Nachnamen änderte Otto auf Wunsch eines Theaterdirektors, nach dem Weglassen von "Pfützen" protestierte jedoch ein anderer Komiker gleichen Namens, und so kam das zweite "t" hinzu).In Ottos Sinne war das nicht, hatte er doch schon als Kind für gespielte Szenen aus dem Eheleben seiner Eltern den Eintritt von einem Pfennig pro Person verlangen können. Der liebevollen Unterstützung seiner Mutter Emilie konnte er sich gewiß sein, schaffte er es doch immer wieder, ihre trübe Stimmung zu verscheuchen, wenn der Ehemann wieder einmal monatelang durch die Lande zog.Der Vater aber ließ sich nicht erweichen. Einen "Theaterspieler" wollte er in der Familie nicht dulden. Otto, geboren am 24. April 1870, wurde nach dem Besuch der einklassigen Volksschule mit 14 Jahren in Gardelegen "in die Lehre gegeben". Seinem Bruder Emil, der Maler werden wollte, erging es nicht besser: Er hatte Schlachter zu werden, basta!"Wollte zum Theater ­ / Krach mit dem Vater ­ / Kaufmann gelernt ­ / heimlich entfernt" beschreibt Otto Reutter später seinen Werdegang ­ an Kürze nicht zu übertreffen und auch schon wieder fast ein Couplet. Otto beendet seine Lehre und tritt mit 17 Jahren in Mecklenburg eine Stelle als Kaufmann an. Er kündigt am ersten Arbeitstag zum nächsten Ersten und macht sich auf einem Bierwagen auf den Weg nach Berlin. Arbeit findet er nicht, zu Weihnachten muß er sogar in einem Asyl für Obdachlose übernachten. Otto kauft für 20 Pfennig, sein allerletztes Geld, eine Briefmarke und schreibt, daß es ihm glänzend gehe In "Fröbels Sommertheater" kommt er endlich als Statist unter: Man spielt das Volksstück "Siebzig und Einundsiebzig", Otto mimt einen Franzosen, der ­ die Volksseele lechzt danach! ­ natürlich jeden Abend kräftig verprügelt wird. Eines Abends vertritt er einen deutschen Offizier; in dieser Rolle schlägt er die Franzosen derart entscheidend, daß er sofort aus dem Statistenheer gestrichen wird. Aber es wird dennoch bald bergauf mit ihm gehen: Otto wird am "American-Theater" als Statist, Tischler und Bühnenarbeiter eingestellt. Und er debütiert als Komiker, unfreiwillig allerdings: Er spielt einen Mond, der ein Liebespaar belächeln soll. Leider ziehen ihm hinter den Kulissen die Kollegen die Leiter unter den Füßen weg; Reutter plumpst polternd auf die Bühne. Der von ihm verehrte Martin Bendix, der gerade seiner Partnerin das Herz ausgeschüttet hat, trägt es mit Fassung: "Na, komm· man, Annekin", sagt er, jetzt jeh·n wir nach Hause, der Mond is· ja ooch nicht mehr da!" Aber leider taucht Vater Pfützenreuter auf, mitten in der Operette "Zanzibar", wo Otto einen Schnadahüpfl singenden Neger spielt. Er bringt den vom Wege abgekommenen Sohn 1890 bei einem Buchhändler in Karlsruhe unter. Otto allerdings ist da längst nicht mehr aufzuhalten: Im "Gasthof zum Elefanten" probiert er erste Couplets aus ­ und schreibt später amüsiert: "Ich feierte gerade meinen Geburtstag, als ich den Entschluß faßte, der dramatischen Muße Valet zu sagen. Den Kopf voller Hoffnungen, die Tasche voller Manuskripte und die Geldbörse voller Lücken, befand ich mich auf dem Wege zum Schauplatz meiner künftigen Triumphe " 87 Pfennige bekommt er für seinen ersten Auftritt ­ zehn Jahre später verdient er die damals schier astronomische Summe von 20 000 Mark im Monat.Fünf Jahre wird es noch dauern, bis Otto Reutter in Bern sein erstes festes Engagement antritt. Aber dann geht alles ganz schnell: 1896 wird er vom "Apollo-Theater" in Berlin unter Vertrag genommen (und heiratet Oga Nock, die Tochter eines Lokomotivführers), 1899 tritt er erstmals im Silvesterprogramm des Wintergartens auf, bis zu seinem Tod 1931 wird er hier jedes Jahr für ein bis zwei Monate gastieren ­ allein daraus ergeben sich über vier Millionen Zuschauer.Mit knapp 30 ist Otto Reutter einer der beliebtesten und bestbezahlten Humoristen Deutschlands. Stets spielt er vor ausverkauftem Haus, sein Terminplan ist auf Jahre im voraus festgelegt, und Schallplattenproduzenten würden alles für ihn tun Mit Zille persönlich spielt er in der Revue "Chauffeur ­ ins Metropol", als Direktor des "Palasttheaters am Zoo" engagiert er Hans Albers, Adele Sandrock und Käthe Dorsch. Was bedeutet ihm der ersehnte Erfolg? Reutter, der viel zu erdverbunden ist, um zum Höhenflug anzusetzen, kauft sich ein Landhaus in seinem abgelegenen Heimatdorf Gardelegen ­ und sagt, mit einem seiner schönsten Texte, zu diesem Rummel: "In fünzig Jahren ist alles vorbei " Ist es aber nicht.