In Klaus Manns Emigrantenroman "Der Vulkan" (1939), in dem unglaublich viele Personen in Pariser Cafés viel über das Leiden an der Emigration reden (dabei wahlweise Heroin oder Pernod oder deutsche romantische Musik konsumierend), gibt es ausnahmsweise auch einen entspannten Abschnitt, in dem Klaus Mann mal alle fünfe grade sein lässt: "Das Leben hat viele Inhalte, und es bringt mit sich mancherlei Erschütterungen. Niemals wird es nur von einem Ereignis, von einem Umstand bestimmt. Die Emigranten denken nicht immer, nicht ohne Unterbrechung daran, dass sie sich im Exil befinden und ein gewisses Regime in der Heimat hassen oder sogar bekämpfen. Nicht stets und pausenlos können sie ,Emigranten im Hauptberuf sein Indessen hören einige große Gefühle nicht auf, das Menschenherz zu beschäftigen: Ehrgeiz und Liebe, Einsamkeit und Hunger "Ottokar Runze, der den Roman verfilmt und produziert hat, musste aus dem 500-Seiten-Buch, das nicht nur in Paris, sondern auch in Zürich, Prag und Berlin spielt, viel streichen, damit es in schmalen anderthalb Stunden Platz findet. Leider hat er dabei nicht nur die obige Stelle gestrichen, sondern auch den ganzen Normalitätsaspekt. In Runzes Version sind die Figuren nur eines, Emigranten im Hauptberuf, und zwar quälende vierundzwanzig Stunden am Tag. Sie lieben und hungern und trauern auch, aber ihr Lieben und Hungern und Trauern steht niemals nur einfach für sich, es darf nie nur menschlich sein, sondern geschieht immer im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses. Ottokar Runze ist der große Thesenproduzent, und seine hochkarätigen Schauspieler, Nina Hoss, Stefan Kurt, Meret Becker, Udo Samel haben eine hundertprozentige Thesenanwesenheitspflicht. Die These lautet nahe liegend, dass das Exil eine furchtbare Sache ist, aber weil der Film diese Beweisspur nie verlässt, geht ihm jede Lebendigkeit verloren, was Verharmlosung und Gleichgültigkeit zum Effekt hat, also genau das Gegenteil des Erhofften.Der Roman steigt so ein: Ankunft des Dichters, der Sängerin, des Philosophen, die alle 1933 aus Berlin flüchten, in einem Pariser Café. Fluchen, Verzweiflung, Verbitterung über die Situation in Deutschland, und gleichzeitig eine bohemeartige Leichtigkeit, eine Euphorie. Der Film beginnt dagegen auf dem Friedhof. Die Kamera fährt über welkes Herbstlaub und zeigt dann Katharina Thalbach als Mutter Schwalbe am Grab des genialischen Dichters Martin Korella, der sich aus Verzweiflung zu Tode gespritzt hat. Mutter Schwalbe ist eine Art stämmige Mutter vonne janze Emigrantenfamilie und erzählt jetzt die folgende Geschichte als Grabrede mit einem Berliner Unterton. Tja, mein Junge, so musste es wohl kommen! Das sind die Koordinaten: cellolastiges Requiem bei gleichzeitig knorke Galgenhumor. Wie überhaupt alles, obwohl doch ständig die Begriffe Heimat!, Kultur! und Deutschland! im schluchzenden Munde geführt werden, auch das Aroma einer schmuddelig-schicken Wohngemeinschaft ausstrahlt.Vor zwei Jahren hat Ottokar Runze einen halbfiktionalen Film über Brecht im Exil gemacht, der zu achtzig Prozent aus abgefilmten Dialogen bestand. Auch im neuen Film steht das Theoretische im Vordergrund, und am liebsten wird im "Vulkan" semidokumentarisch schwadroniert. Das ist im Film so und das war auch schon bei Klaus Mann so. Mann hat aber als Gegengewicht alle Biographien episch ausgeweitet, das ergab zwar keine wirkliche Romanform, sondern aneinander gefädelte Einzelschicksale, aber jede Geschichte hatte eine lebendige Kraft. Runze wollte das Geflecht retten, musste dafür zwangsläufig stark kürzen und zeigt von den vielschichtigen Beziehungen immer nur den emotional umschäumten Eisberg. Alles geht von Null auf Hundert, jeder Blick ist dramaturgisch stark überlastet. Plötzlich hängt Martin Korella (Christian Nickel) verzweifelt an der Nadel, plötzlich liebt er leidenschaftlich den südländisch glühenden Kikjou (Boris Terral), der plötzlich auf irgendeiner Untergrundparty halbnackt und sehr wild zu Trommelmusik getanzt hatte und plötzlich Martin wieder verlassen muss, weil er sich eine katholische Frömmelei leistet und Sex plötzlich für eine Sünde hält. Runze übersetzt in Bilder, was man von Klaus Manns Stil getrost hätte übersehen können, seinen ungehemmten Adjektivmissbrauch.Es gibt, erklären kann man das nicht wirklich, eine Ausnahme, und das ist Meret Becker als Tilly von Kammer. Tilly von Kammer wohnt mit ihrer kühlen Mutter in Zürich und wartet auf Nachricht von ihrem Geliebten, der in Berlin im Widerstand arbeitet. Ihr Freund wird im Konzentrationslager getötet werden, und Meret Becker wird nach Paris, nach Berlin und wieder nach Zürich gereist sein, sie wird, um einen Pass zu bekommen, sogar geheiratet haben, um schließlich, eine Überdosis Schlafmittel im Magen, tot in einem Hotelbett zu liegen, die Schuhe fein säuberlich auf dem Boden neben einander gestellt. Meret Becker schwebt durch diesen Film wie ein Engel. Alles an ihr ist Insichgezogenheit, Verschlossenheit, sie macht eigentlich gar nichts. Sie ist bei diesem Nichtsmachen nur durchlässig, und man sieht, wie langsam ein Lebenslicht verlöscht. Ein großes metallenes Scheppern dagegen Nina Hoss als bekannte Sängerin Marion von Kammer. Sie ist die starke, mitreißende Person der Handlung, und die Maske hat aus Nina Hoss eine zupackende Deneuve zu machen versucht. Nina Hoss sieht auch sehr gut aus, singt viel und tut und macht alles mit der Ausstrahlung einer geschäftigen Gouvernante. Nina Hoss ist die Schauspielerin des Films: Auf formale Weise akkurat, auf gespenstische Weise ausdrucksleer.Der Vulkan Deutschland 1998, 103 Minuten, Regie: Ottokar Runze, Drehbuch: Rebecca Hughes, Ursula Grützmacher-Tabori, Ottokar Runze, nach dem Roman von Klaus Mann, Darsteller: Nina Hoss, Meret Becker, Christian Nickel, Udo Samel, Sylvester Groth, Katharina Thalbach, Stefan Kurt.