Für den politischen Gegner ist das eine Steilvorlage: Ausgerechnet der Spitzenkandidat der Grünen gerät in der Pädophilie-Affäre persönlich unter Druck, weil er für ein Kommunalwahlprogramm von 1981 verantwortlich zeichnet, in dem Straffreiheit für gewaltfreien Sex mit Kindern gefordert wurde. Das Papier ausgegraben haben die Göttinger Politologen Franz Walter und Stephan Klecha. Im Interview nimmt Klecha Trittin indes in Schutz.

Herr Klecha, man könnte fast den Eindruck gewinnen, Jürgen Trittin werde persönlich Pädophilie vorgeworfen. Es gibt Rücktrittsforderungen und massive Schuldzuweisungen. Ist das angemessen?

Diese Rücktrittsforderungen sind völlig überzogen. Man sollte bei der ganzen Debatte die Relationen nicht aus den Augen verlieren. Es ist ja schon ein Unterschied, ob man ein Wahlprogramm verantwortet, in dem Unsinn drin steht, der vielleicht nicht aufgefallen ist, oder ob man wie Daniel Cohn-Bendit über Sex mit Kindern philosophiert oder ob einem vorgeworfen wird wie Hermann Meer, damals NRW-Landesvorstandsmitglied, Kinder in seiner Kommune sexuell missbraucht zu haben. Aber dieser Unterschied ist in Wahlkampfzeiten schwer zu vermitteln.

Ist es denn dann klug, ausgerechnet im Wahlkampf scheibchenweise mit neuen Erkenntnissen zu kommen? Warum forschen Sie nicht in Ruhe und veröffentlichen dann alles in einer Studie?

Wir stecken da ein bisschen in einem Dilemma. Die Grünen wollten, dass wir Erkenntnisse sofort veröffentlichen, damit es nicht heißt, die Partei schiebe die Aufklärung bis nach der Wahl auf. Wenn wir mit diesem Zwischenbericht gewartet hätten, hätte man uns vorgeworfen, die Grünen zu schonen. Es ist auch für uns eine schwierige Situation. Wahlkampfzeiten sind nicht die besten Zeiten zum Aufklären.

Aber was ist so überraschend daran, dass in einem Kommunalwahlprogramm 1981 die Straffreiheit von gewaltfreiem Sex mit Kindern gefordert wurde, wenn die Grünen doch längst eingeräumt haben, dass das damals sogar im Grundsatzprogramm der Partei stand?

Na ja, am Anfang hieß es ja immer, es habe gar keine Beschlüsse dazu gegeben. Inzwischen wissen wir, dass es im Grundsatzprogramm entsprechende, aber eingerahmte Passagen gab und auch fünf Landesprogramme sich so verortet hatten. Neu ist, dass das auch Eingang in zwei Kommunalprogramme gefunden hatte. Das zeigt, dass die Debatte nicht nur von einer Handvoll Delegierten auf einem Bundesparteitag geführt wurde, sondern dass diese Forderung durchaus auch an der Parteibasis verankert war.

Nun ist das Thema voll im Wahlkampf gelandet. Haben Sie die Wirkung unterschätzt?

Nein, uns war immer klar, dass der politische Gegner darauf reagieren wird. Mich hat aber die Heftigkeit gewundert, mit der einige Medien das aufgreifen. Da kann man schon die Frage stellen, ob das angesichts der Substanz der Vorwürfe gegen Trittin nicht übers Ziel hinausschießt, zumal mir die unmittelbare Reaktion der Grünen wie von Trittin adäquat erscheint.

Aus heutiger Sicht fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es damals eine ernsthafte Debatte um straffreien Sex mit Kindern gab. Wie verbreitet war diese Ansicht?

Nun, viele Sexualwissenschaftler teilten damals diese Forderung. Das war es aber nicht allein. Man muss sich in die Zeit zurückversetzen. Es gab die straffreie Vergewaltigung in der Ehe, Eltern durften ihre Kinder verprügeln. Auch das damalige Verständnis von Homosexualität ist aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Das darf man nie vergessen. Damals wollten viele damit brechen. Manche kamen dabei auf die Idee, dass man doch alle Grenzen in Frage stellen könnte und fanden dafür nicht nur bei den Grünen einen Resonanzboden. Aber es gab auch Stimmen im linksalternativen Milieu wie von Alice Schwarzer oder dem Sexualwissenschaftler Günter Amendt, die frühzeitig davor gewarnt hatten, zu weit zu gehen.

Die Union fühlt sich in der ganzen Debatte moralisch sehr überlegen. Zu recht?

Ich wäre da sehr vorsichtig. Alle, die jetzt mit dem Finger auf andere zeigen, müssen sich fragen lassen, was sie damals so alles gerechtfertigt haben. Wie gesagt, die Vergewaltigung in der Ehe oder die Züchtigung von Kindern fand man in der Union lange in Ordnung. Wenn man überlegt, was in den 80er-Jahren noch so alles war, kommt man auch schnell auf die Colonia Dignidad in Chile, die von Teilen der Union massiv unterstützt wurde. Dort gab es schwerste Fälle von Folter und sexuellem Missbrauch von Kindern. Diejenigen, die jetzt anfangen, moralische Maßstäbe zu formulieren, müssen aufpassen, dass es ihnen hinterher nicht so geht wie jetzt den Grünen. Man muss die Hürde, die man sich selbst legt, im Zweifel auch überspringen können.

Was halten Sie von der CDU-Forderung, dass die Grünen einen Opferfonds einrichten sollen?

Die große Frage, die sich dabei stellt: Für welche Opfer? Geht es um grüne Opfer? Bislang haben wir Hinweise auf zwei Fälle. Bei beiden ist noch nicht einmal klar, ob die Grünen als Institution dafür verantwortlich gemacht werden können. Wenn es um einen allgemeinen Opferfonds geht, weil so ein Diskurs in der damaligen Zeit Pädophilie begünstigt hat, dann müssen sich auch andere die Frage stellen, wie steht es um meine Verantwortung. Die Union mit ihrer Unterstützung der Colonia Dignidad müsste dann auch darin einzahlen.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.