DEN HAAG/RAMALLAH, 23. Februar. Zu Beginn der Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag haben Palästinenser eine Verurteilung der umstrittenen israelischen Sperranlage gefordert. Das höchste Rechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen müsse den Zaun für illegal erklären, da dieser die Besetzung palästinensischen Gebiets zementiere, sagten palästinensische Vertreter, die als erste das Wort hatten. Israel boykottierte die Anhörungen und bezeichnete sie als einseitig. In Den Haag stellten sich rund tausend Demonstranten auf die Seite Israels, im Westjordanland demonstrierten tausende Palästinenser gegen die Sperranlage."Wenn Israel eine Mauer für seine Sicherheit gewollt hätte, hätte es sie auf seinem Territorium bauen können, und warum nicht gleich 80 Meter hoch statt der jetzigen acht Meter", sagte Nasser el Kidwa, der ständige Vertreter der Palästinenser bei den Vereinten Nationen. "Das hätte zwar nicht der Koexistenz gedient, aber niemand hätte ihre Rechtmäßigkeit in Frage gestellt." Die Sperranlage mache die im internationalen Friedensplan des Nahost-Quartetts vorgesehene Zweistaatenlösung praktisch unmöglich. Ein Anwalt fügte hinzu, die Palästinenser stellten nicht den Mauerbau an sich in Frage, sondern den Verlauf. Am Nachmittag wollten Vertreter mehrerer pro-palästinensischer Staaten vor den 15 Richtern das Wort ergreifen.Kurz vor Beginn der Sitzung in Den Haag sagte Palästinenserpräsident Yasser Arafat in Ramallah, die Anlage sei ein Hindernis auf dem Weg zu einem eigenen Staat. Die "Apartheidsmauer" ziele darauf ab, den Palästinensern Gebiet wegzunehmen und ihnen einen eigenen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt zu verwehren. Der IGH habe die Gelegenheit, Hoffnung auf Frieden zu geben. Israel erklärte in einer in Den Haag veröffentlichten Stellungnahme, die Anhörungen seien einseitig, da sie die Frage des palästinensischen Terrorismus ausklammerten und nicht das Recht der Israelis auf Leben berücksichtigten.IGH-Präsident Shi Jiuyong verwies auf die historische Bedeutung des Verfahrens. Nach den bis Mittwoch dauernden Anhörungen wird das UN-Gericht zunächst entscheiden, ob es sich in der Streitfrage zuständig sieht. Die UN-Vollversammlung hatte das Gericht im Dezember angerufen, die Rechtmäßigkeit der Anlage zu prüfen. Das völkerrechtliche Gutachten, mit dem erst in mehreren Monaten zu rechnen ist, ist jedoch nicht bindend. Israel bezeichnet den Zaun als unabdingbare Schutzmaßnahme zur Abwehr von Selbstmordattentätern. Die Palästinenser kritisieren dagegen, dass die Anlage zum Teil tief in Palästinensergebiet hineinreiche und einer endgültigen Grenzvereinbarung vorgreife.Mehrere EU-Außenminister kritisierten bei einem Treffen in Brüssel den Verlauf der Sperranlage, bezeichneten es aber zugleich als unangebracht, die Streitfrage vor dem IGH klären zu wollen, zumal Israel dessen Zuständigkeit nicht anerkenne. An der größten Kundgebung in Abu Dis, einem Vorort von Jerusalem im Westjordanland, nahm auch der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia teil. Anschließend lieferten sich palästinensische Demonstranten und israelische Soldaten heftige Straßenschlachten. Am Abend kamen auch in Jerusalem rund 300 Demonstranten vor dem Haus von Ministerpräsident Ariel Scharon zusammen und verlangten den Abbau der Sperranlage. In Den Haag unterstützten mehr als tausend Menschen mit einem Schweigemarsch die Position Israels und trugen Fotos von Opfern palästinensischer Selbstmordattentate mit sich. (AFP)Winzige Enklaven // Die umstrittene Sperrmauer Israels zum Westjordanland ist bereits auf 200 Kilometern befestigt. Im kommenden Jahr soll sie fertig werden - auf einer Länge von 728 Kilometern. Nach einer Studie der Vereinten Nationen wäre davon jeder dritte Palästinenser betroffen: 274 000 Menschen fänden sich in winzigen Enklaven eingeschlossen. 400 000 weitere hätten keinen freien Zugang zu ihrem Ackerland, zu Arbeitsplätzen, Schulen und Krankenhäusern.Die israelische Regierung nennt die Anlage "Anti-Terror-Zaun", die palästinensische Seite vergleicht sie mit der Berliner Mauer. Auf 95 Prozent der Strecke ist die Anlage 50 Meter breit. Ein elektronisch gesicherter, drei Meter hoher Zaun ist von zwei Straßen für Militärpatrouillen umgeben. Jenseits der Straßen liegen Streifen mit feinem Sand zum Feststellen von Fußabdrücken.Die Route orientiert sich grob an der unsichtbaren Waffenstillstandslinie aus dem Jahr 1967. Vor allem die noch geplanten Abschnitte würden aber tief im Westjordanland verlaufen, um jüdische Siedlungen einzuschließen.