Bislang verbietet nur das Standesrecht Ärzten die Hilfe beim Suizid. Einige Unionspolitiker wollen ein solches Verbot nun auch im Strafrecht verankern. Politiker wie SPD-Fraktionsvize Carola Reimann oder Peter Hintze (CDU) plädieren hingegen dafür, Ärzten die Assistenz bei einer Selbsttötung todkranker Menschen zu erlauben. Auch der Palliativmediziner Ralf Jox ist für die ärztliche Beihilfe zum Suizid – allerdings nur in Ausnahmefällen.

Herr Jox, sind Sie von einem Patienten schon mal um Sterbehilfe gebeten worden?

Mir ist das während meiner klinischen Tätigkeit vor Jahren einmal passiert. Eine Patientin mit einer neurologischen Erkrankung hatte mich etwas verklausuliert gefragt, ob man ihr Leiden nicht abkürzen könnte. Damals war es noch nicht so üblich, über Sterbehilfe zu reden. Sie kam auf eine der damals noch selteneren Palliativstationen, den Sterbewunsch hatte sie dann nicht wieder geäußert.

Die Bundestagsfraktionen debattieren derzeit über ein neues Sterbehilfegesetz. Sollten Ärzte Patienten bei der Selbsttötung helfen dürfen?

Es gibt sehr wenige Patienten, die aufgrund einer schweren Erkrankung wirklich ernsthaft überlegen, aus dem Leben zu scheiden. Aber es gibt sie. Für diese Patienten kommen andere Möglichkeiten wie zum Beispiel die palliative Sedierung am Lebensende nicht in Betracht. Zum einen wird sie erst in den letzten Stunden und Tagen praktiziert, zum anderen sind die Betroffenen dann nicht mehr bei Bewusstsein, viele wollen das nicht. Und es gibt Menschen, die einen gewissen Leidensweg in den letzten Wochen nicht mehr erleben wollen.

Das heißt, die landläufige Annahme ist falsch, dass es den Wunsch nach Sterbehilfe nicht mehr gäbe, wäre die palliativmedizinische Versorgung in Deutschland besser?

Ja, dem ist nachgewiesenermaßen nicht so. Darauf weist sogar die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hin. Wir wissen auch aus internationalen Untersuchungen, dass es selbst in Ländern mit exzellenter Palliativversorgung ärztlich assistierten Suizid gibt und über gesetzliche Regelungen diskutiert wird, etwa in England. Selbst Menschen, die in einem Hospiz bestens versorgt sind, können gelegentlich diesen Wunsch äußern. Das hat mit bestimmten Vorstellungen von Würde und Würdelosigkeit am Lebensende zu tun. Oft sind es sehr selbstbestimmte Menschen, die eine Abhängigkeitssituation nicht mehr länger erleben wollen. Dagegen kann die Palliativmedizin nicht viel ausrichten.

Aber sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich ältere und kranke Menschen unter Druck gesetzt fühlen könnten, aus dem Leben zu gehen?

Ich verstehe die Sorge. Aber ich glaube nicht, dass eine strenge Regelung für den ärztlichen Suizid das gesellschaftliche Klima verändern würde. Das haben auch Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt. Ich persönlich glaube vielmehr, dass ein Gesetz, das Ärzten unter strengen Bedingungen und im Extremfall Suizidhilfe erlaubt, dazu führen würde, dass die öffentliche Debatte wieder abflaut und der Druck eher nachlässt. Außerdem geht es dabei um sehr wenige schwerkranke Patienten, wir sprechen vom Promillebereich, die den Suizid ernsthaft in Erwägung ziehen.

Die Forderung einiger Unionspolitiker, Ärzten den assistierten Suizid zu verbieten, lehnen Sie also ab?

Ich bin überzeugt, wir brauchen ein Gesetz. Das ist dringend nötig, um für Patienten, Ärzte und Angehörige Rechtssicherheit zu schaffen. Wir sollten den Realitäten ins Auge sehen. In Deutschland wird Beihilfe zum Suizid geleistet, aber wir wissen nicht, wie oft dies geschieht. Es ist eine Art Wildwuchs. Es gibt fragwürdige Sterbehilfe-Vereine, den sogenannten Sterbetourismus in die Schweiz und einige Ärzte, die das unter der Hand tun. Ich halte es für problematisch, wenn wir keine transparenten Regeln haben, an denen sich alle Beteiligten orientieren können, und Suizidhilfe von medizinischen Laien geleistet wird, die nicht das erforderliche Wissen haben und keiner Kontrolle unterstehen.

Unter welchen Bedingungen würden Sie den ärztlich begleiteten Suizid erlauben?

Ich plädiere dafür, dass man den Einzelfall regelt, in dem man die Suizidhilfe grundsätzlich unter Strafe stellt, aber Ausnahmen für die ärztliche Suizidhilfe definiert. Entscheidend sind zwei Voraussetzungen: Es muss sichergestellt werden, dass der Patient freiverantwortlich seinen Wunsch äußert und dass alle anderen Hilfen und Behandlungen angeboten, besprochen und im Idealfall auch ausgeschöpft wurden. Das sind zwei Bedingungen, die am besten Ärzte erfüllen können.

Ihr Ärztepräsident Montgomery hält dagegen, Ärzte seien keine Techniker des Todes, sondern Helfer zum Leben.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass ein Arzt dem Leben zugewandt ist und entsprechend berät. Und in 99 Prozent der Fälle würde ein palliativmedizinisches Angebot den Betroffenen besser helfen. Dennoch ist die Frage, ob in Extremfällen, die wir uns teilweise gar nicht vorstellen können, dieser Ausweg nicht straflos möglich sein muss. Dies widerspricht nicht der Forderung nach einem Ausbau der Palliativmedizin, im Gegenteil, beides müsste miteinander kombiniert werden.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.