Berlin - Manchmal tritt die angeblich gefährlichste Frau des Kabinetts auf, und niemand bemerkt es. Die Ministerin, die keine Kamera auslässt, hält eine Rede, und keine Kamera ist da. Und die größte Besonderheit ist nicht sie, sondern eine Staatssekretärin im Dirndl.
Mitten in Berlin, mitten im Reichstag kann das passieren, so wie neulich in der Haushaltsdebatte.

Am Morgen hatte die Kanzlerin gesprochen. Die Verteidigungsministerin war erst am späten Nachmittag an der Reihe, ein paar Fachpolitiker saßen ihr gegenüber im weitgehend leeren Plenarsaal, die üblichen Besuchergruppen auf den Rängen. Aber die Journalisten waren schon lange verschwunden. Keine Fernsehkameras mehr, keine extralangen Fotoobjektive, nur das eines Bundeswehr-Fotografen, keine Schreibblöcke. Der Bundestag kann eine recht einsame, unspektakuläre Angelegenheit sein.

Ursula von der Leyen sprach gut zehn Minuten. Ukraine-Krise, Waffenlieferungen in den Irak, Bundeswehr. Schwierig, notwendig, gut aufgestellt. Es ist nicht lange her, und trotzdem war es eine andere Zeit. Es war die Zeit vor dem Schrott. In der die Ministerin agierte, nicht reagierte. Kriegsministerin nannte sie ein Magazin. Von der Leyen schickte Waffen und Soldaten und redete über den Bündnisfall. Eine Weltpolitikerin.

Jetzt ist sie zuständig für bröselnde Splitterschutzwesten und für Flugzeuge, die nicht fliegen. Für lockere Schrauben und lecke Tanks. Nicht nur Oberbefehlshaberin, sondern oberste Garagenwärterin der Bundeswehr gewissermaßen. Angela Merkel hat ihr ihre Solidarität versichert, das scheint jetzt nötig zu sein. Von der Leyen steht im Fokus, diesmal ist es ungewollt.

Das kann sie nicht so hinnehmen. Wenn sie sich zurücksehnt nach ereignislosen Bundestagsauftritten, lässt sie es sich nicht anmerken. Ursula von der Leyen ist in die Offensive gegangen. Seriöses Morgenradio, oberste Boulevardzeitung – alles gleich am Montag und mit der Botschaft: Sie ist nicht schuld, sie hat alle Probleme nur geerbt. Von anderen Ministern, die keinen Überblick hatten, die verändert haben und nicht sahen, was sie damit anrichten. Von Generälen, die nichts gesagt haben. Von Unternehmen, die die Bundeswehr im Stich gelassen haben.

Von der Leyen gilt nicht als eine, die zurücksteckt. Ehrgeizig, aufmüpfig, aggressiv, das sind die Attribute, mit denen sie belegt wird, je nach Standpunkt des Urteilenden ist das mehr oder weniger freundlich gemeint. Die Zahl derer, die weniger freundlich über die Ministerin reden, ist beträchtlich im Berliner Politikbetrieb, auch und gerade in der eigenen Partei. Es gibt nicht wenige, die finden, dass von der Leyen einen kleinen Dämpfer gut gebrauchen kann.

Ein Ärgernis für viele

"Sie übertreibt es gern“, heißt es in der CDU, wenn man dort nach Ursula von der Leyen fragt. „Es ist immer ein bisschen zu viel.“ Augenrollen begleitet solche Sätze, resignierte Seufzer, Kopfschütteln. Von der Leyen hat das Vorpreschen zum Konzept gemacht. Sie überraschte gerne mal mit Alleingängen, als Familienministerin etwa beim Durchsetzen der Kindergarten-Finanzierung. Da war Fraktionschef Volker Kauder ihr Gegner und verlor. Sie machte Altersarmut zum Thema, gegen den Willen des Regierungschefplaners, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Der bremste von der Leyens Pläne, das Thema bekam er nicht vom Tisch. Zuletzt, wenige Monate vor der Bundestagswahl, stellte sich von der Leyen bei der Frauenquote gegen Merkel, bis die einlenkte.

Sie hält sich nicht an Beschlusslagen, provoziert mit Ideen, die wirken wie aus dem Programm der SPD und es manchmal auch sind. Ein Ärgernis für die CDU. Einerseits. Ein Glücksfall, andererseits: Sie ist eine der beliebtesten Veranstaltungsredner andererseits. Wenn ein CDU-Kreisverband seine Anhänger – und vielleicht sogar noch ein paar mehr – mit Parteiprominenz locken will, lädt er am besten Angela Merkel ein, am zweitbesten Ursula von der Leyen.

Auch für die SPD ist sie eine Herausforderung: Nach ihrem Start als Bundesfamilienministerin im Jahr 2005 stiegen die Kompetenzwerte der Union auf diesem Feld. Bei der nächsten Bundestagswahl 2009 hatte der damalige Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier dann das Alternativmodell aus dem Hut gezaubert, blond, Frau, zunächst Landesministerin auch sie, nur eben mit SPD-Parteibuch: Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern wurde erst zur Schattenfamilienministerin in Steinmeiers Wahlkampfteam, dann zur SPD-Talkshow-Vertreterin. Mittlerweile hat sie – mit einer Wahlperiode Verspätung – tatsächlich das Familienressort übernommen.