Neuer Inhalt

100-Jährige in China: Warum die Menschen auf Hainan so alt werden

28-21_71-121008826_RGB_ori

Er weiß, wovon er spricht: Herr Li Shaoqian ist 100 Jahre alt.

Foto:

Finn Mayer-Kuckuk

Luoyi -

Er ist seit 80 Jahren mit seiner Frau verheiratet, und er hat 30 Enkel und Urenkel. Li Shaoqian ist gerade 100 Jahre alt geworden, aber er läuft immer noch kilometerweit in seinem Dorf umher. Nur eines macht ihm Sorgen: Seine 98-jährige Frau hat es in den Beinen und kann nicht mehr auf die täglichen Spaziergänge mitkommen. „Ich koche ohnehin täglich für die Familie“, sagt Li. „Das Wichtigste bei alldem ist, immer fröhlich zu bleiben!“

Auf der chinesischen Südseeinsel Hainan werden die Menschen besonders alt. Hier wiederum fällt der Landkreis Chengmai besonders auf: Über 200 seiner 560.000 Bewohner sind älter als 100 Jahre. Damit leben hier 17 Mal mehr Uralte als im chinesischen Durchschnitt. Im dem kleinen Dorf Luoyi, das zu Chengmai gehört und in dem auch Li Shaoqian lebt, ist der statistische Ausreißer noch deutlicher: Die Zahl der Metusaleme liegt 42 Mal höher als im Rest des Landes, fünfmal höher als in Deutschland und immer noch dreimal über dem deutschen Spitzenreiter Berlin.

Bloß kein Stress

Die Lebenserwartung in China bewegt sich generell immer noch deutlich unter der in Mitteleuropa und weit hinter den Nachbarn Japan und Südkorea. Das Land arbeitet sich gerade erst aus der Armut heraus, die flächendeckende medizinische Versorgung ist noch im Aufbau. Zudem schlagen Arbeitsunfälle, Rauchen, Umweltverschmutzung und in den Städten zunehmend auch Übergewicht und ungesunde Ernährung auf die Lebenserwartung.

Immer mit der Ruhe: Den ganzen Tag lang Tee trinken und im Schatten der Bäume palavern.

Immer mit der Ruhe: Den ganzen Tag lang Tee trinken und im Schatten der Bäume palavern.

Foto:

Finn Mayer-Kuckuk

Die Bewohner von Chengmai sind den typischen Umweltbelastungen der Chinesen nicht so sehr ausgesetzt. Hainan hat auf Tourismus gesetzt statt auf Schwerindustrie. Während das Trinkwasser im Norden des Landes mit Schwermetallen belastet ist, gilt es hier als gesund. Den Dauersmog, der den Bewohnern von Peking nicht nur auf die Lunge, sondern auch auf die Seele schlägt, kennt Li nur aus dem Fernsehen.

Ein einfaches Leben

Doch das allein reicht nicht, um das hohe Alter zu erklären. „Ich habe nie Sport gemacht“, sagt Li etwas herausfordernd auf die Frage, ob er sich viel Bewegung verschafft. Die Aussage ist aber mit Vorsicht zu genießen. Li ist Bauer und hat sein Leben lang auf dem Feld gearbeitet. Auch heute noch baut er sein eigenes Gemüse an und ernährt sich auch hauptsächlich von dem, was sein kleiner Acker hervorbringt. „Fleisch gibt es bei uns kaum, wir essen das wirklich selten.“

Er hackt auch immer noch das Holz für die Kochstelle selbst. Bis er 80 war, hat er täglich einige Gläschen Schnaps getrunken, „dann habe ich es nicht mehr so gut vertragen und aufgehört“. Er hat nie geraucht. Und: Er war sein Leben lang nicht in einem Krankenhaus, „höchstens zu Besuch“.

Eine medizinische Studie im Auftrag des Ortskomitees der Kommunistischen Partei nennt Gründe für die gute Gesundheit der Bewohner von Chengmai. „Sie leben ein einfaches Leben“, resümieren die Ärzte. „Außerdem denken sie unkompliziert und großzügig.“ Und sie gehen früh ins Bett. Kurz: Die Leute in Chengmai machen sich keinen Stress.

Feste Dorfgemeinschaft

Weitere Ursachen für ihre Langlebigkeit sieht die Studie in der Ernährung. Die Mehrheit der Bewohner von Chengmai isst wie Li kaum Fleisch und dafür viel Gemüse. Vor allem beschränken sie sich im Schnitt auf kleinere Portionen als die Bewohner anderer Regionen Chinas. So essen sie weniger Reis. „Die Ernährungsweise hier ist definitiv gesund“, sagt Umweltwissenschaftlerin Jennifer Holdaway, vormals Leiterin der China Environment and Health Initiative und heute beratende Expertin am Institut für Geografie und Rohstoffforschung der Chinesischen Wissenschaftsakademie in Peking. Das Klima sei ebenfalls von Vorteil: Die Leute verbringen viel Zeit im Freien. Außerdem sei der Boden reich an Selen, das könne durchaus auch etwas bewirken.

Die Propaganda der Kommunistischen Partei überlässt im Dorf Luoyi nichts dem Zufall: Sorgt euch um die Alten!

Die Propaganda der Kommunistischen Partei überlässt im Dorf Luoyi nichts dem Zufall: Sorgt euch um die Alten!

Foto:

Finn Mayer-Kuckuk

Eine größere Rolle dürfte allerdings der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft spielen. Wer Luoyi besucht, sieht die Alten zu jeder Tageszeit auf dem Dorfplatz zusammenkommen. Frühmorgens machen sie Schattenboxen, abends tanzen sie zusammen, und den ganzen Tag lang trinken sie Tee und palavern im Schatten der Bäume. Von Lis vier Kindern wohnen noch zwei Töchter mit ihren Familien in der Nachbarschaft. Sie sind selbst bereits alt, doch sie helfen den Eltern.

Hauptsache glücklich

Li hat in dem Jahrhundert seines Lebens viel erlebt. Im Zweiten Weltkrieg hat er vor Ort in Luoyi gegen die Japaner gekämpft. Im Jahr 1944 ist er der Kommunistischen Partei beigetreten. Das war mitten im Krieg, und noch fünf Jahre, bevor Mao Zedong im 1500 Kilometer entfernten Peking die Revolution ausgerufen und die Macht übernommen hat. Li gehört damit zu den dienstältesten Mitgliedern der Partei.

Derzeit tut sich noch einmal viel. Neben dem Bauerndorf mit seinen Wasserbüffeln und schiefen Steinmauern ist ein hässlicher, moderner Stadtteil entlang einer Asphaltstraße entstanden. Dieser Teil von Luoyi sieht bereits aus wie eine beliebige chinesische Kleinstadt inklusive des Gestanks von Abgasen, Chemikalien, Zigaretten und Müll. Dahinter strecken sich gerippeartig die Rohbauten von Wohnhochhäusern in den Himmel. Immobilienfirmen errichten sie als Investitionsobjekte. Sie bewerben sie bei den begüterten Bewohnern von Shanghai und Peking: „Da leben, wo die Menschen uralt werden!“

Ob das funktioniert? Li hat Zweifel. „Ich glaube, man muss immer so gelebt haben wie wir, um alt zu werden.“ Die reichen Leute in ihren Palästen aus Glas und Beton seien sicher nicht so glücklich wie er.