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Mathias Rust: Der rasante Absturz nach der Landung

Rusts Maschine vom Typ Cessna 1987 auf dem Roten Platz in Moskau

Rusts Maschine vom Typ Cessna 1987 auf dem Roten Platz in Moskau.

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imago/ITAR-TASS

Es ist ja nicht so, dass Mathias Rust keine Umsicht gezeigt hätte, als er am 28. Mai 1987 mit seiner Cessna illegal in den sowjetischen Luftraum eindrang. Kurz nachdem er die finnisch-estnische Grenze überflogen hatte, setzte er sich einen Motorradhelm auf. Er habe gehofft, so erzählt er es Jahre später, dass ihm dieser Helm im Fall eines Abschusses das Leben retten könnte.

Heute undenkbar

Der US-amerikanische Künstler Andy Warhol hatte 1968 das Schlagwort der „15 Minutes of Fame“ geprägt: „In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein“, sagte Warhol und spielte damit auf die Flüchtigkeit von Ruhm und medialer Aufmerksamkeit an. Die 15 Minuten des Mathias Rust, der am Freitag von der Öffentlichkeit weitgehend vergessen seinen 50. Geburtstag feiert, begannen an jenem Maitag vor 31 Jahren, als er um 18.40 Uhr über dem Roten Platz in Moskau kreiste, um schließlich auf der Brücke über den Fluss Moskwa zu landen und sein Flugzeug an der Basilius-Kathedrale zum Halten zu bringen.

Mathias Rust

Mathias Rust am 2.9.1987 vor dem russischen Gericht in Moskau.

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dpa

Den Helm hatte der Kreml-Flieger, wie ihn die Medien fortan nannten, nicht gebraucht – zwar begleiteten ihn zeitweise sowjetische Abfangjäger, als er in 700 Meter Höhe aus Richtung Sankt Petersburg kommend nach Moskau flog. Aber abgeschossen wurde der 18-jährige Hobbypilot, der gerade seinen Flugschein gemacht hatte, nicht. Damals war das ein Wunder. Heute, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA, wäre es undenkbar, dass Mathias Rust ein solches Abenteuer überleben würde.

Rust bereut den Flug 

Aber heute würde er wohl auch nicht mehr auf so eine Schnapsidee kommen. Das hat Rust bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte selbst eingeräumt. Im Jahr 2012 in der Talkshow von Markus Lanz. Zwischenzeitlich habe er seine Aktion von 1987 bereut, sagte er damals.

„Hätte ich es nicht gemacht, hätte ich ein einfacheres Leben gehabt.“
Tatsächlich können die Warhol’schen „15 Minutes of Fame“ einen psychisch labilen Menschen – wie es der aus dem schleswig-holsteinischen Wedel stammende Rust einer war – ganz schön aus der Bahn werfen, wenn man ebenso schnell, wie man in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Keine Heldengeschichte

In Moskau war Rust 1987 wegen illegaler Einreise, Verletzung der internationalen Luftverkehrsregeln und Hooliganismus zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Doch deutsche Politiker setzten sich bei Kreml-Chef Michail Gorbatschow für den jungen Mann ein, der schließlich nach 432 Tagen in einem normalen Moskauer Gefängnis heim nach Deutschland durfte.

Dort machte er mit seiner Geschichte zunächst noch einmal Kasse, indem er einen Exklusivvertrag mit dem Stern abschloss. Aber als Heldengeschichte passte die Story nicht so recht in die damalige Zeit, zumal sich Rust auch eher als politischer Wirrkopf entpuppte denn als Menschenrechtsaktivist mit einer klaren Botschaft.

Der schnelle Abstieg

Der Ruhm war also schnell verblasst, womit Rust offenbar nur schwer klar kam. Im Jahr 1989 stach er als Zivildienstleistender in einem Krankenhaus in Hamburg-Rissen eine Schwesternschülerin nieder. Die junge Frau hatte sich angeblich gegen einen Kuss gewehrt, den Rust ihr geben wollte, und ihn – so behauptete er es später – verspottet. Die Frau wurde lebensgefährlich verletzt, kam gerade so mit dem Leben davon.

Im Prozess bescheinigte ein Psychologe dem Täter „Größenfantasien“ und eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Rust musste ins Gefängnis. Zweieinhalb Jahre sollte er wegen versuchten Totschlags absitzen, kam im Oktober 1993 aber schon nach 15 Monaten wieder auf freien Fuß.

Und wieder ging es vor Gericht

Es blieb nicht die einzige Kollision des Kreml-Fliegers mit dem Gesetz. Nach der Jahrtausendwende klaute er in einem Hamburger Kaufhaus einen Kaschmir-Pullover im Wert von umgerechnet knapp 90 Euro. 2001 verurteilte ihn ein Gericht deshalb zu einer Geldstrafe. Ein paar Jahre später stellte er einem Spediteur aus der Hansestadt ungedeckte Schecks aus – wieder landete Rust vor Gericht, und wurde erneut zu einer Geldstrafe verurteilt.

Mathias Rust im Jahr 2012

Mathias Rust im Jahr 2012.

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Danach aber schien es im Leben des Mathias Rust aufwärts zu gehen. Im Jahr 2008 schilderte er in der Zeitung Bild am Sonntag sein neues Leben, in dem Geld nun angeblich keine Rolle mehr spielte. „Für meinen Lebensunterhalt muss ich nicht mehr arbeiten“, sagte er damals dem Blatt.

Rust gab an, Boots- und Autorennen in Estland zu organisieren, zwischen dem Baltikum, Wedel und der Karibik zu pendeln und beim Pokerspiel viel Geld zu verdienen. „Auf einer Jacht habe ich mal an nur fünf Abenden 750.000 Euro gewonnen“, prahlte er.

Konfliktlöser und Yoga-Lehrer

Zeitweilig versuchte sich Rust auch mit einer Konfliktlösungsagentur, die er „Orion and Isis“ nannte und die mit dem offenbar auf ihn gemünzten Slogan „Lassen Sie uns Ihre neuen Flügel sein, die Sie zur Quelle des Friedens tragen“ warb. Rust betrieb diese Agentur im Internet, angeblich waren mehrere Friedensnobelpreisträger und namhafte Wissenschaftler mit an Bord. Aber „Orion und Isis“ verschwand schnell wieder aus dem Netz.

2012, in der Talkshow von Markus Lanz, verkündete Rust seine damals aktuellsten Pläne. Zum Yoga-Lehrer wollte er sich ausbilden lassen und eine Yoga-Schule eröffnen, erzählte er. Was daraus wurde, weiß man nicht. Denn nach diesem vorerst letzten öffentlichen Auftritt ist es wieder still geworden um Rust.

Aufstieg, Fall und Auferstehung einer Knalltüte

Immerhin aber ist dem Kreml-Flieger aus Wedel ein Theaterstück gewidmet worden: Am 21. Oktober 2010 führte das Hamburger Kollektiv Studio Braun im ausverkauften Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erstmals das Werk über sein Leben und Wirken auf. In dem Stück mit dem wenig schmeichelhaften Titel „Rust – ein deutscher Messias. Aufstieg, Fall und Auferstehung einer Knalltüte“ wird der Kreml-Flieger als schräger Friedensengel karikiert.

Rusts Flugzeug, mit dem er im Mai 1987 von einem kleinen Flugplatz in Heist bei Pinneberg aus via Island und Finnland bis ins Herz des Ostblocks vorgedrungen war, hatte die Sowjetunion beschlagnahmt. Inzwischen ist die amerikanische Cessna vom Typ 172P längst wieder in Deutschland – seit einigen Jahren kann man sie im Berliner Technikmuseum bewundern.