Nach den drei Konzerten in Berlin vor rund eineinhalb Wochen und dem Gastspiel in Paris traten Rammstein am Mittwoch vor 55.000 Fans im Rahmen ihrer „Stadion Tour“ im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion auf, am heutigen Donnerstag folgt der zweite Streich.
Schon den ganzen Tag hindurch waren Fans der Schock-Rocker in Wien zu sehen, insbesondere aus Deutschland kamen viele für Rammstein hierher. Vor einem Pop-up-Store in der Wiener Innenstadt bildete sich in den Mittagsstunden eine lange Schlange: Fans standen an, um Merchandising-Artikel der Berliner Band zu erwerben. Einige waren aus Italien oder Polen sogar mit ihren Reisekoffern hierhergekommen: „Danach schnell ins Hotel und dann ab zum Stadion“. Um 14 Uhr zog sich die Menschenschlange vor dem Store bereits 75 Meter den Gehweg entlang – trotz des Regens.
Dieses Mal ist vieles anders
Dies ist der dritte Österreich-Besuch der Band im Rahmen ihrer „Stadion Tour“. Im Mai des Vorjahres brachten sie und die je 34.000 Fans an zwei Tagen das Klagenfurter Wörthersee-Stadion zum Beben, zuvor spielten sie die letzten Konzerte vor der Corona-Pause im August 2019 bereits im Ernst-Happel-Stadion.
Doch diesmal ist vieles anders. Rammstein polarisierte immer – durch ihre Auftritte, durch ihre Videos, durch ihren Stil, besonders durch die Texte und gefinkelte mehrdeutige Aussagen. Wer Konzerte von Rammstein besuchte, kam auch in der Vergangenheit durchaus nicht selten in Erklärungsnot, viele Fans aus der Mitte der Gesellschaft haben sich hierfür eine klassische Argumentation überlegt: Es sei ja nur die Show, die man einmal gesehen haben muss. Die Anschuldigungen insbesondere gegen den Frontmann Till Lindemann haben die Band noch einmal in ein düstereres Licht gerückt.

„Bitte hör auf“: Neue Vorwürfe gegen Till Lindemann
Seit die Vorwürfe gegen Lindemann öffentlich wurden, gingen die Wogen auch in Österreich hoch: Auf der einen Seite standen jene, die eine Absage der zwei Wien-Konzerte forderten, auf der anderen die Verteidiger der Band, die in den Anschuldigungen und der medialen Berichterstattung darüber eine Art Hexenjagd sahen. Die Debatte zog sich konstant lodernd und teils dem Sommerloch geschuldet durch die verschiedensten österreichischen Medien – bis am Montag ein Knall die Thematik schlagartig in die Hauptschlagzeilen katapultierte. Über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurden nämlich neue Vorwürfe gegen Lindemann publik, diesmal vonseiten einer Österreicherin.
Die Frau schilderte, dass Lindemann sie mit dem Gesicht nach unten auf ein Bett gedrückt, ihren Rock hochgeschoben und sie anschließend geschlagen habe, sodass seine Handabdrücke danach auf ihrem Gesäß sichtbar gewesen seien – das soll passiert sein, obwohl die Frau nach eigenen Angaben lautstark gerufen habe, dass der Rammstein-Frontmann aufhören solle.
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All das soll sich nach einem Konzert der aktuellen „Stadion Tour“ ereignet haben – wo genau, ist unklar. Die Österreicherin möchte anonym bleiben. Sie soll sich, wie sie dem ORF mitgeteilt hatte, vor den Konsequenzen fürchten. In Wien gebe es aktuell keine Ermittlungen gegen Till Lindemann. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solchen kommt, dürfte generell gering sein, denn die Frau, die den Stein in der österreichischen Causa ins Rollen brachte, wird offenkundig auch keine Anzeige erstatten. Die Staatsanwaltschaft soll indes nicht einmal wissen, ob der Fall in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, denn es sei unklar, ob sich die geschilderte Begegnung überhaupt in Österreich zugetragen hat.
Frauenministerin „wütend und fassungslos“
Was folgte, war jedoch ein für Österreich nicht untypisches Politikum bis in die höchsten Kreise: Während die Salzburger Landeshauptmann-Stellvertreterin Marlene Svazek von der rechtspopulistischen FPÖ extra fürs Konzert nach Wien gekommen war und Medien gegenüber angab, sich nicht zu fürchten, eine Anhängerin von Selbstverantwortung und eine Gegnerin von Vorverurteilungen zu sein, gab es von der österreichischen Frauenministerin Susanne Raab gänzlich andere Töne zu hören. Die namhafte Vertreterin der konservativen Kanzlerpartei ÖVP zeigte sich „wütend und fassungslos“. Sie appellierte im Vorfeld des Konzerts „nochmals an die Veranstalter und die Stadt Wien, effiziente Sicherheits- und Schutzkonzepte zu erstellen, damit sich solche abscheulichen Gewalthandlungen nicht wiederholen“.
Worte, die verschiedenen Vertretern der österreichischen Grünen nicht weit genug gingen: Sie stiegen auf die Barrikaden und forderten mit Nachdruck eine Absage der Wien-Konzerte. Sogar Vizekanzler Werner Kogler, seines Zeichens Kulturminister der Alpenrepublik, sah sich im Vorfeld zu einer Stellungnahme gezwungen. Das ist bemerkenswert, denn in den vergangenen Wochen fiel der Grünen-Parteichef insbesondere durch Abwesenheit und Zurückhaltung auf. Er zeigte Verständnis für Absage-Forderungen, die im politischen Feld beinahe ausschließlich aus seiner Partei zu hören waren, schob jedoch jegliche Verantwortung dafür von sich. Weder er noch Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer, ebenfalls von den Grünen, würden in solche Causen aktiv eingreifen.
„Mega-Großdemo“ gegen Rammstein?
Viktoria Spielmann, die Frauensprecherin der Wiener Grünen, meinte hingegen, die Konzerte dürften nicht stattfinden, sie seien „kein sicherer Raum für Frauen“. Sie rief auch dazu auf, einer federführend von der Organisation #aufstehn organisierten Demonstration beizuwohnen, denn „die Zeit des Täterschutzes ist vorbei“. Die von einem großen österreichischen Boulevard-Medium angekündigte „Mega-Großdemo“ war es zwar nicht, immerhin einige Hundert Demonstrierende waren aber am späten Nachmittag vor das Stadion gekommen – durch Absperrgitter waren sie von vorbeikommenden Rammstein-Fans getrennt. Das Motto: „Keine Bühne für Täter!“ Man wolle dem eigenen Unmut Ausdruck verleihen.
Offenkundig rechneten die Demo-Veranstalter vorab mit Gegenwind vonseiten der Rammstein-Anhänger: „Schaut aufeinander, kommt zu zweit oder mit mehreren Personen und tragt eure Demoschilder erst sichtbar, wenn ihr bei uns angekommen seid“, hieß es auf der Homepage zuvor. Die Befürchtungen bewahrheiteten sich jedoch nicht. In seltenen Fällen gab es aufgeladene Diskussionen, die ein oder andere Beschimpfung wurde in Richtung der Demo-Teilnehmer fallen gelassen, umgekehrt war es ebenso.

„Die wollen dem Till an die Wäsche“
Einige Konzertbesucher zeigten sich gar enttäuscht, dass sie die Demonstrierenden zuerst gar nicht finden konnten. Sie wollten sich der Demo zwar nicht anschließen, aber Fotos machen und sehen, „was das für Leute sind, die diesem ganzen Mist tatsächlich Glauben schenken“. Die Polizei war darauf bedacht, fotografierende Rammstein-Fans, die den Absperrgittern vor den Demonstrierenden zu nahe kamen, gleich wieder wegzuschicken, um gegenseitige Provokationen zu vermeiden.
Generell gingen die Konzertbesucher mit den Vorwürfen gegen die Band salopp um, belächelten die Thematik vielfach. Als sich die Schlange für männliche Personen bei einem Eingang viel kürzer präsentierte als jene für Frauen, meinte ein Mann im Rammstein-Shirt süffisant: „Na, die Mädchen müsst ihr doppelt kontrollieren, die wollen dem Till an die Wäsche.“ Die weiblichen Fans brachen in Gelächter aus. Einzig die Sorge, dass der mediale Druck das Ende der Band bedeuten könnte, hörte man immer wieder. Bei den Getränkeverkaufsständen wollte jeder unbedingt die Rammstein-Becher der aktuellen Tournee als Souvenir haben – „es könnte ja die letzte sein“, wurde vielfach wehmütig gemurmelt.
Fans sehen Inszenierung gegen Rammstein: „Wir stehen zu euch“
Im Oval selbst war von den Vorwürfen kaum die Rede. Man wollte eine schöne Zeit verbringen, die Musik und die Show genießen, die Band und sich selbst feiern. Dass die neuen Anschuldigungen gerade am Montag öffentlich wurden, zwei Tage vor dem Konzert in Wien, wurde von vielen Fans als Teil einer Inszenierung gegen Rammstein interpretiert.
Die „Jetzt erst recht“-Fraktion war unter den Fans deutlich in der Mehrheit. Immer wieder waren auch offene Solidaritätsplakate zu sehen – „Wir stehen zu euch“ war nicht nur einmal zu lesen. Zwei Shirts sah man auffallend oft: Viele Frauen trugen Leibchen mit der Aufschrift „Pussy“ – es ist der Titel jenes Songs, den die Band nach Aufkommen der Vorwürfe aus dem Programm gestrichen hatte. Männer hatten anscheinend eine besondere Vorliebe für Shirts mit einer Textzeile aus dem „Rammlied“: „Manche führen, manche folgen“. Zweiteres trifft auf den Großteil der Fans zu, sie folgen ihren Lieblingen weiter, schwören ihnen die Treue.
Die Band selbst ging mit keinem Wort auf die Vorwürfe ein, auch auf Anspielungen durch veränderte Songtexte verzichtete Lindemann diesmal. Die „Penis-Kanone“, auf die sich Lindemann in der Vergangenheit gerne auf der Bühne schwang, fehlte wie bereits bei den vorangegangenen Konzerten – der Song „Pussy“, bei dem diese früher zum Einsatz kam, wurde schon vor einigen Wochen aus dem Programm genommen. Die berüchtigte „Reihe null“ gab es auch nicht.
„Ich will, dass ihr uns vertraut“
Ansonsten war es ein für Rammstein typisch spektakuläres Konzert: Der Keyboarder Flake wurde als Teil der Performance von „Mein Teil“ in einem Kochtopf angeheizt, bei „Sonne“ sprühten die Flammen so fulminant in die Luft, dass es den Besuchern auch im dritten Rang heiß wurde, bei „Puppe“ wurde zuerst ein Kinderwagen in Feuer gesetzt, bevor anschließend schwarze Papierschnitzel in den Wiener Nachthimmel flogen. Bei „Ich will“ grölte Lindemann die Zeile „Ich will, dass ihr uns vertraut“ nicht wie früher in die Menge, es klang wie eine Bitte – die Fans reagierten mit frenetischem Jubel.
Am Ende knieten sich die Bandmitglieder vor dem Publikum nieder: „Danke, Wien, ihr wart fantastisch“, sagte Lindemann zum Abschied. Nach dem heutigen Konzert wird sich die Band aus Österreich verabschieden, als Ende der Tournee folgen insgesamt noch fünf Konzerte in Warschau und Brüssel. Wie es mit Rammstein danach weitergeht, steht insbesondere ob der Vorwürfe in den Sternen.









