Vorwürfe gegen Rammstein und Till Lindemann: Was wir wissen – und was nicht

Vor zwei Wochen erhob die 24-jährige Shelby Lynn nach dem Besuch eines Rammstein-Konzerts in Vilnius schwere Anschuldigungen. Seitdem ist viel passiert. 

Vor dem Rammstein-Konzert in München gab es auch eine Gegendemonstration. Eine Gruppe von etwa 60 Menschen protestierte gegen Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt.
Vor dem Rammstein-Konzert in München gab es auch eine Gegendemonstration. Eine Gruppe von etwa 60 Menschen protestierte gegen Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt.Sven Hoppe/dpa

„Ich bin das Mädchen, das bei Rammstein gespiked wurde.“ Mit diesem Satz auf Twitter löste Shelby Lynn aus Nordirland am 25. Mai ein Beben aus. Ihr Vorwurf: Bei einem Konzert in Litauens Hauptstadt Vilnius drei Tage zuvor seien ihr ohne ihr Wissen Drogen verabreicht worden. Ihr Verdacht: Um sie sexuell gefügig zu machen.

Sie habe Frontmann Till Lindemann gesagt, dass sie keinen Sex mit ihm wolle. Er sei wütend geworden, habe es aber akzeptiert. Lynn spricht von Erinnerungslücken an diesem Abend, veröffentlichte Fotos von Blutergüssen an ihrem Körper. Ein Drogentest am nächsten Tag habe „nichts angezeigt, vielleicht weil es zu spät oder nicht nachvollziehbar“ gewesen sei.

Seitdem haben sich andere junge Frauen gemeldet, die Ähnliches von Pre- und Aftershowpartys berichten. Im Raum stehen Anschuldigungen wegen Machtmissbrauchs, sexueller Übergriffe und des Einsatzes von Drogen, die von Rammstein und Till Lindemann bestritten werden. 


Partys und Row Zero bei Rammstein: Um welche Vorwürfe geht es?

Namentlich hat sich neben Shelby Lynn auch die Berlinerin Kayla Shyx zu Wort gemeldet. Shyx stellte Anfang dieser Woche ein halbstündiges Video ins Netz, in dem sie von ihren Erfahrungen bei einem Rammstein-Konzert und in der sogenannten Row Zero berichtet. Die 21-Jährige ist keine Unbekannte: Sie hat auf YouTube mehr als 770.000 Abonnenten, bei TikTok folgen ihr 1,7 Millionen Menschen. Sie war Teil einer Kika-Dokuserie und wird demnächst auch in einer Serie für RTL+ mitspielen.

In ihrem Video spricht Shyx  von einem „sehr beängstigenden“ Erlebnis bei der Aftershowparty des Konzerts. Sie sei von einer Russin namens Alena Makeeva angesprochen worden, die sich bei Instagram als „Casting Director“ von Rammstein bezeichnet. Makeeva soll, das legen auch andere Chatprotokolle nahe, junge Frauen gezielt für die Row Zero und für die Partys vor und nach den Konzerten rekrutiert haben.

Laut Shyx gab es keine Ausweiskontrolle: „Niemand stellt sicher, dass diese Frauen volljährig sind.“ Die YouTuberin erzählt, sie und andere Mädchen seien nicht zur offiziellen Aftershowparty, sondern in einen separaten Raum geführt worden. Dort hätten einige Mädchen auf den Sofas bereits „benommen“ gewirkt.

Shyx sei aus der Situation geflüchtet, andere Frauen blieben. Gegenüber NDR und Süddeutscher Zeitung versicherten Frauen, die anonym bleiben wollten, eidesstattlich, sie hätten Sex mit Lindemann gehabt. Eine Frau beschreibt die Situation heute als Übergriff und als Machtmissbrauch. Eine andere berichtete, auf einer Aftershowparty Lindemanns in einem Hotelzimmer besinnungslos auf dem Bett gelegen zu haben. Nach ihrer Erinnerung habe Lindemann auf ihr gelegen, als sie wieder zu sich gekommen sei und sie gefragt, ob er aufhören solle. Danach habe sie wieder die Besinnung verloren.


Vorwürfe von Machtmissbrauch und Übergriff: Die Gegenstimmen

Nicht nur Till Lindemanns Ex-Freundin Sophia Thomalla nimmt den Sänger gegen die Vorwürfe in Schutz. „Diesen ‚Vorfall‘ in Vilnius hat es nie gegeben! Das ist frei erfunden von einer Person, die sich auf dem Rücken eines Rockstars für fünf Minuten Fame verschaffen möchte“, sagte Thomalla der Bild-Zeitung. Der 60 Jahre alte Lindemann sei „ein Mann, der Frauen beschützt“.

Gegenüber der NZZ berichteten zwei Frauen aus der Row-Zero-Community von ihren Konzert- und Partyerfahrungen. Sie hätten sich „zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt“. Wer nach den Partys noch mit ins Hotel gehe, der wisse „ja schon, worauf er sich einlässt“. Lindemann sei ein freundlicher, zurückhaltender Mensch, wird eine 24 Jahre alte Karlsruherin zitiert.

Auch Zeit Online hat mit mehreren Frauen gesprochen, die von Einladungen in die Row Zero bei Rammstein-Konzerten erzählten. Mehrere Frauen erklärten, Lindemann nie als übergriffig erlebt zu haben. Keine der Frauen hatte eigenen Angaben zufolge Sex mit Lindemann. Angaben zur Rekrutierungspraxis deckten sich jedoch mit denen anderer Frauen, die bereits in den Medien über ihre Erlebnisse berichtet hatten.

Namentlich meldete sich die Musikerin Jadu in einer Instagram-Story zu Wort, die 2020 mit Till Lindemann auf Europatour war. Sie habe „kein einziges Mal während dieser sehr intensiven Zeit“ mitbekommen, dass jemand unter Drogen gesetzt oder gezwungen worden sei, etwas zu trinken. Sie habe Lindemann niemals als zudringlich oder in sonstiger Weise übergriffig erlebt. Sophia Thomalla teilte diese Story später auf Twitter.

Rammstein-Fans halten im Großen und Ganzen zu ihrer Band und deren Frontmann. Beim Konzert in München am Mittwoch hörte man immer wieder Stimmen, die sagten, die Vorwürfe seien an den Haaren herbeigezogen. Wenn man als Frau in der Row Zero stehe, wisse man, worauf man sich einlasse, so der Tenor.


Statements und Anwälte: So reagiert die Band

Das erste Mal reagierten Rammstein am 28. Mai auf die Anschuldigungen, die Shelby Lynn erhoben hatte. Bei Twitter schrieb die Band: „Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschließen, dass sich, was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt.“

Vor einer Woche dann das nächste Rammstein-Statement bei Instagram: Durch die Veröffentlichungen der letzten Tage seien in der Öffentlichkeit und vor allem bei Fans „Irritationen und Fragen“ entstanden. „Die Vorwürfe haben uns alle sehr getroffen und wir nehmen sie außerordentlich ernst.“ Fans sollten sich bei den Shows wohl und sicher fühlen, heißt es. Und: „Wir verurteilen jede Art von Übergriffigkeit und bitten euch: Beteiligt euch nicht an öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art denen gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge. Wir, die Band, haben aber auch ein Recht – nämlich ebenfalls nicht vorverurteilt zu werden.“

Kurz darauf wurde aus dem Umfeld der Band bekannt, dass sie eine Berliner PR-Agentur engagiert habe, die auf Krisenmanagement spezialisiert ist. Zudem sei eine renommierte Rechtsanwaltskanzlei damit beauftragt worden, die Vorwürfe zu untersuchen. Alena Makeeva dürfe keine Konzerte der Band mehr besuchen, hieß es.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass Till Lindemann seine Interessen nun anwaltlich vertreten lässt und Vorwürfe gegen ihn zurückweist. Die Berliner Rechtsanwälte Simon Bergmann und Christian Schertz teilten mit: „In den sozialen Netzwerken, insbesondere auf Instagram, Twitter und bei YouTube, wurden von diversen Frauen schwerwiegende Vorwürfe zulasten unseres Mandanten erhoben. So wurde wiederholt behauptet, Frauen seien bei Konzerten von Rammstein mithilfe von K.o.-Tropfen beziehungsweise Alkohol betäubt worden, um unserem Mandanten zu ermöglichen, sexuelle Handlungen an ihnen vornehmen zu können. Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr.“