Die Altarplatte ruht auf einem bunten Fischerboot, das Predigtpult ist aus Schiffsplanken und einem Steuerrad gebaut und Franziskus’ Hirtenstab besteht aus Ruderteilen. Alle Bestandteile der Papstmesse auf Lampedusa, von Freiwilligen zusammengezimmert, stammen vom Schiffsfriedhof der Insel. In Sichtweite des Altars verrotten dort Boote, die arabische Schriftzeichen tragen. Sie kommen aus Tunesien oder Libyen und haben eine gefährliche, oft tagelange Reise über das Mittelmeer hinter sich, die viele ihrer Insassen nicht überlebten.

Wegen dieser Toten ist Papst Franziskus am Montagmorgen auf dem kleinen Sportplatz von Lampedusa. Er feiert eine Messe zum Gedenken an die schätzungsweise 20.000 Bootsflüchtlinge, die in den vergangenen 25 Jahren im Mittelmeer ertrunken sind – eine schockierende Zahl, die doch kaum im öffentlichen Bewusstsein ist.

Starke Botschaft

Der Anlass steht in merkwürdigem Kontrast zum Jubel und der Freude, mit der zehntausend Menschen Franziskus in Empfang genommen haben. Viele der 6.000 Bewohner Lampedusas sind darunter, Touristen und Pilger. Nachdem der Vatikan vor einer Woche den Besuch angekündigt hatte, waren Flüge und Fähren auf die Insel in kurzer Zeit ausgebucht. Für Lampedusa ist es ein historisches Ereignis. Doch Franziskus ist nicht hier um sich feiern zu lassen. Zwar dreht er seine übliche Runde durch die Menge, schüttelt Hände, küsst Kinder. Aber er will vor allem aufrütteln, mahnen, ins Gewissen reden. Er zelebriert einen Bußgottesdienst. Über der weißen Soutane trägt Franziskus ein violettes Messgewand – die liturgische Farbe der Buße. Er will um Vergebung bitten für die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Schicksal der Flüchtlinge. Vor einigen Wochen, so erzählt er zu Beginn, habe er die Nachricht über den tragischen Tod von jungen Afrikanern im Meer vor Lampedusa gelesen. „Ich habe gespürt, dass ich hierher kommen muss, um zu beten.“ Die Geste soll das Gewissen wachrütteln.

Franziskus’ Botschaft ist so einfach wie stark: Die Verantwortung für das menschliche Drama der Flucht tragen nicht nur Politik oder die sozio-ökonomische Weltlage. Verantwortlich für die vielen Toten sind wir alle, und diese Verantwortung können wir nicht länger ignorieren. Der Papst prangert die Gleichgültigkeit der Wohlstandsgesellschaft an, die „Anästhesie der Herzen“, wie er sie nennt. Jeder verteidige nur seinen Wohlstand, die bedeutungslose „Seifenblase“.

Dank für die Großzügigkeit der Bewohner Lampedusas

Nur indirekt kritisiert Franziskus die EU-Asylpolitik und die Verhältnisse in den afrikanischen, arabischen und asiatischen Heimatländern der Flüchtlinge. Er bittet Gott um Vergebung für die Grausamkeit, „auch in jenen, die Entscheidungen sozialer und wirtschaftlicher Natur treffen, die den Weg für Dramen wie dieses ebnen“. Den Bewohnern Lampedusas dankt er für ihre Großzügigkeit. An die größtenteils muslimischen Flüchtlinge richtet er einen Gruß zum Ramadan-Beginn: „Die Kirche will ein würdevolles Leben für euch und eure Familien.“

Der nur wenige Stunden dauernde Kurzbesuch, eine der vielen Überraschungsgesten des seit drei Monaten amtierenden Papstes, war vom Vatikan als Privatreise deklariert worden. Franziskus wollte außer der Bürgermeisterin der Insel keine Politiker dabei haben.

Die Bitte der Afrikaner

Gleich nach der Ankunft war er an Bord eines Schiffs der Küstenwache gegangen. Begleitet von 120 Fischerbooten fuhr er in einer Schiffsprozession aufs Meer vor der nur 20 Quadratkilometer großen Insel. Dort warf er ein Gebinde aus gelben und weißen Chrysanthemen im Gedenken an die Toten ins Wasser. Anschließend traf er an der Hafenmole mit denen zusammen, um die es vor allem gehen sollte: mit Flüchtlingen. Es waren nicht die 150 Bootsinsassen, die kurz vor seiner Ankunft von der Küstenwache gerettet worden waren. Die 50 jungen Afrikaner, die Franziskus einzeln mit Händedruck und Lächeln begrüßte, leben schon länger im Aufnahmelager.

Einer verlas stockend einen Brief, von den Flüchtlingen in arabischer Sprache verfasst. Sie erklären darin, dass sie ihre Heimatländer aus politischen und wirtschaftlichen Gründen verlassen hätten. Dass sie eine lebensgefährliche Reise hinter sich hätten, auf der sie von Menschenhändlern ausgeraubt wurden. Dass sie nun gezwungen seien in Italien zu bleiben, aber alle in andere europäische Länder möchten. „Wir bitten darum, dass diese Länder uns aufnehmen“, schreiben die jungen Afrikaner.