Anapu - Der Kampf geht weiter, womöglich blutig und tödlich – nichts anderes verraten wohl die Dellen der Schüsse auf diesem Metallschild, das hier, mitten im Amazonaswald, an einen Baum genagelt ist. „In Erinnerung an die Märtyrer, die im Kampf um die Erhaltung des Waldes und die Landreform gefallen sind“, lautet die Aufschrift. Auf dieser kleinen Lichtung wurde 2005 die Nonne Dorothy Stang erschossen. Auf einem weißen Kreuz, das in einem Blumengeviert steht, sind in ausgebleichtem Grün ihre Geburts- und Sterbedaten zu lesen.

„Zehntausend Reais – ich bin nicht viel wert, oder?“, hatte die 73-Jährige vier Monate vor ihrem Tod einem Zeitungsreporter gesagt, der sie in Anapu besuchte, einer Kleinstadt an der Transamazônica. Die Straße durchquert das halbe Amazonasbecken von Ost nach West. Als sie das in der Wohnküche ihres schlichten Holzhauses sagte, vor dem die Hühner unter den Mangobäumen herumpickten, klang es wie ein makabrer Scherz. Aber diese Summe – damals 3.000 Euro – war auf ihren Kopf ausgesetzt, und das war allgemein bekannt. Denn Irmã Dorothy, die amerikanische Nonne mit der brasilianischen Staatsbürgerschaft, ging der Holzmafia auf die Nerven: Sie bedrohte ihre Geschäftsgrundlage.

Verdammt, verfemt, verfolgt

Ihre Idee war einfacher als die Verwirklichung: Auf schon abgeholzten Waldstücken sollten Kleinbauern angesiedelt werden, die den noch intakten Wald nebenan nachhaltig nützen und damit schützen sollten vor den Kettensägen. Die sich auf dieses Experiment einließen, äußerten sich damals zufrieden. Sie berichteten zwar von ominösen Pistoleiros, die auf Mopeds vorfuhren und Drohungen ausstießen. Aber sie waren dennoch heilfroh, ein eigenes Stück Land zu haben.

Allerdings standen sie, von den Kirchenleuten abgesehen, weitgehend alleine. In ihrer abgeschiedenen Lage hätten sie Schulen und Gesundheitsposten gebraucht und auch Fahrwege, um ihre Ernte zu vermarkten. Obwohl das Projekt, entwicklungspolitisch geradezu ideal, Umweltschutz und Armutsbekämpfung verband, förderte der Staat es kaum – vielleicht lag es am Phlegma der Behörden, vielleicht an der Macht der Holzmafia. Oder vielleicht an beidem.

Gut zwei Jahre nach ihrer Ermordung, die damals weltweit Schlagzeilen machte, kam Papst Benedikt nach Brasilien. Während seines Besuchs erwähnte er seine erschossene Schwester kein einziges Mal. Dass er es einfach vergessen hat, ist unwahrscheinlich. Dorothy Stang gehörte wohl eher zu der Sorte von Katholiken, die er, noch als Kardinal Ratzinger, und sein päpstlicher Vorgänger Johannes Paul II. verdammten, verfemten und verfolgten – als Anhänger der Befreiungstheologie.

Dorothy Stang wich 2004 der Frage aus, wie sie es damit halte. Mit ihrem Gringo-Akzent kam sie schnell auf „nosso povo“ zu sprechen, auf „unsere Leute“ und ihr Recht auf Land und intakte Umwelt. Auf das Pragmatisch-Naheliegende. Sie in die Nähe einer vom Marxismus inspirierten theologischen Richtung zu rücken, erschien absurd.

Debatte um Theologie und Marxismus

Andererseits entsprach das, was sie vertrat, ziemlich genau dem, was man sich heute unter Befreiungstheologie vorstellen könnte. Den Armen und Unterdrückten beizustehen – hat nicht Benedikt-Nachfolger Franziskus genau diesen Anspruch als Priester gelebt?

Paulo Fernando Carneiro de Andrade ist Theologieprofessor an der Katholischen Universität in Rio de Janeiro, und er antwortet auf die Frage, ob Papst Franziskus das Etikett Befreiungstheologie ablehnen würde: „Das weiß ich nicht. Aber was bisher von ihm zu hören war – da würde jeder Befreiungstheologe sagen: Ja, genau, das ist meine Theologie!“ Für Carneiro sind die Kämpfe um die Befreiungstheologie ausgestanden: „Sie ist nicht tot, sondern sie ist integriert.“

Das sehen nicht alle so. Der brasilianische Kardinal Odilo Scherer, der im März als Benedikt-Nachfolger im Gespräch war, findet, ihre Zeit sei vorüber – so als seien auch Armut und Unterdrückung vorbei. Aber wo verläuft die Grenze zwischen konservativ-katholischem Engagement für die Armen und der Befreiungstheologie heute? „In der Kirche Lateinamerikas hat die Option für die Armen immer zweierlei bedeutet“, erklärt Carneiro. „Entweder, man tritt für die Veränderung der sozialen Lage zugunsten der Armen ein, oder, man setzt sich dafür ein, dass die Armen selber das Subjekt der Veränderung sein können.“ Das schließe, sagt Carneiro, Veränderungen der Sozialstrukturen ein – also die Machtfrage. Die Debatte um Theologie und Marxismus sei in Lateinamerika stets ein politischer Konflikt gewesen, den die Konservativen in einen theologischen umgedeutet hätten.

Kein Interesse an der Holzmafia

Irgendwo im Busch nördlich von Anapu macht Pater Amaro Lopes de Souza einen Routinebesuch bei den Siedlern der Kooperative Virola-Jatobá, die Dorothy Stang gegründet hat. „Jetzt, acht Jahre nach ihrem Tod, sind ihre Ideen in die Praxis umgesetzt“, sagt der Pater, der ihr Vorgesetzter war. Die kanadische Nonne Kátia Webster, die elf Jahre lang an Dorothys Seite gearbeitet hat, fügt hinzu, das Projekt habe sich gefestigt. „Es wird von den Leuten immer besser geführt und bewunderungswürdig verteidigt“, sagt sie.

Unterstützt wird die Kooperative, ebenso wie die drei anderen von Dorothy inspirierten, von Poema, einem Verein aus Stuttgart, der auf das Engagement des verstorbenen Daimler-Betriebsrates und Grünen-Abgeordneten Willi Hoss zurückgeht. Poema verteilt Solarlampen, nützlich im Busch, aber letztlich nur eine kleine Hilfe. Denn Poema kann nicht den fehlenden Rückhalt des Staates ersetzen. „Diese Regierung interessiert sich nicht für die Agrarreform, sondern nur für das Agrobusiness“, sagt der Pater.

Die Regierung scheint sich nicht einmal für die Holzmafia zu interessieren. Pater Amaro zeigt auf seinem Handy Fotos von einer Brücke, die die Abholzer gebaut haben, um ihre Beute nach Norden, zum Amazonas hin, abzutransportieren, durch unkontrolliertes Gebiet. Es gehe um 40.000 Kubikmeter Holz, sagt Francisco Lima Souza, der Chef der Kooperative. Das wären 1.600 Lastwagen – die Größenordnung hält ein Vertreter der Naturschutzbehörde in Anapu für „durchaus realistisch“.

Rayfran Sales, der Dorothy erschoss, bekam 27 Jahre und wurde Anfang Juli wegen guter Führung unter Auflagen freigelassen, ebenso wie sein Mittäter Clodoaldo Batista. Der Farmer Vitalmiro Bastos, der die Mörder beauftragte und bezahlte, erhielt 30 Jahre, ist aber zurzeit frei, weil sein Prozess im September neu aufgerollt wird. Sein Kompagnon Regivaldo Pereira wurde 2012 unter Auflagen freigelassen.

In ein paar Tagen kommt Papst Franziskus zum Weltjugendtag nach Rio. Ob er auf Dorothy Stang zu sprechen kommt, ist offen.