Für seinen neuen, menschlicheren Ton gegenüber Homosexuellen zeugen Vertreter von Lesben und Schwulen in Deutschland Papst Franziskus Respekt. Die Erwartung, dass damit auch ein Wandel in der katholischen Kirche einhergehen wird, haben sie aber nicht. „Ich mache mir da keine großen Hoffnungen“, sagte der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD), Manfred Bruns, der Berliner Zeitung. Denn in der Sache habe der Papst nichts Neues gesagt. „Das entspricht dem, was schon im katholischen Katechismus steht. Der Unterschied ist nur, dass sich Franziskus nicht dogmatisch, sondern menschlich äußert.“

Papst Franziskus hatte auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien Schwule vor Diskriminierung in Schutz genommen. Über einen Homosexuellen, der Gott suche und ein Mensch guten Willens sei, könne er nicht den Stab brechen. „Wer bin ich, ihn zu verurteilen.“ Viele Politiker und Vertreter der katholischen Reformbewegung hatten darin einen Mentalitätswandel gesehen und dem Papst Beifall gezollt. Auch die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche lobte am Dienstag die „erfrischende Offenheit und die verständlichen Worte“ des Papstes. „Stagnation und kirchenpolitischer Rückschritt“ brächen langsam auf, sagte der Sprecher Markus Gutfleisch, um zugleich jedoch einzuschränken, dass das Kirchenoberhaupt immer noch Lesben, Schwule und Bisexuelle ausgrenze, „die ihre Sexualität in Verantwortung vor Gott leben“.

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ sprach dagegen schon von einem Kurswechsel. Für homosexuelle Priester könne das eine große Befreiung und Chance sein, sagte Christian Weisner vom Bundesteam der Kirchen-Volks-Bewegung. Mit seinen Worten schlage Franziskus eine andere Richtung ein als sein Vorgänger Papst Benedikt. Dieser hatte 2005 zu Beginn seines Pontifikates ein Vatikan-Dokument über den Umgang mit homosexuellen Priesteramtskandidaten gebilligt. Darin werden praktizierende Homosexuelle von der Weihe ausgeschlossen. Wenn Franziskus hier einen Freiraum für den Dialog öffne, müsse dieser aber auch genutzt werden, forderte Weisner.

Kleine Hoffnung

So viel Euphorie kann Manfred Bruns nicht aufbringen. „Es gibt diesen Spruch: Gott liebt die Sünder, aber er verurteilt die Sünde. Und das ist der Punkt. Die Kirche kann nicht von ihrer verquasten Sexualmoral lassen.“ Solange für die Kirche nur der Sex natürlich sei, der auf Zeugung ausgerichtet sei, werde homosexuelle Liebe nicht akzeptiert. „Sonst müsste sie ja auch das Verbot von Pille und Kondom aufgeben.“ Eine kleine Hoffnung hat der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes gleichwohl: Dass sich zumindest im Arbeitsrecht eine neue Offenheit in der katholischen Kirche durchsetzen wird. Denn bislang dürfen Menschen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben ebenso wie wiederverheiratete Geschiedene, offiziell in der katholischen Kirche keinen Job bekommen oder müssen mit ihrer fristlosen Kündigung rechnen. „Wenn überhaupt, wird sich das wahrscheinlich aber erst mal nur für die Wiederverheirateten ändern“, mutmaßt Bruns.

Ähnlich skeptisch ist auch der Publizist und katholische Theologe David Berger. „Ich halte den Jubel für völlig überzogen, auch wenn er erklärbar ist.“ Nach den offen homophoben Einstellungen der vergangenen Päpste sei die Freude über ein Oberhaupt der katholischen Kirche, das einen anderen Ton anschlage, verständlicherweise groß. „Wenn man so lange auf einen Wandel hingearbeitet hat, dann wird man so dankbar für jedes Anzeichen einer Veränderung, auch wenn im Grunde nur der Ton etwas netter ist“, sagt Berger, der sich 2010 als homosexuell outete, einen Bestseller über sein Leben als schwuler Theologe schrieb und seit Kurzem Chefredakteurin des Schwulenmagazins „Männer“ ist. Aber er sei zu sehr Realist. „Was jetzt vom Tisch fällt, sind Gnadenbröselchen. Inhaltlich hat sich aber gar nichts geändert. Ich fühle mich als schwul lebender Katholik weiter diskriminiert.“

Taten müssen folgen

Wenn die Äußerungen des Papstes wirklich für einen Mentalitätswandel in der katholischen Kirche stehen sollen, dann müssen ihnen nach Auffassung von Berger Taten folgen. Wie der LSVD-Sprecher Bruns fordert auch er eine Öffnung der katholischen Kirche für ihre Mitarbeiter, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. „Damit würde die katholische Kirche zum ersten Mal zeigen, dass sie es ernst meint mit dem neuen Ton. Bislang reden wir nur von einer Nettigkeit. Die Kirche ist jetzt in der Handlungspflicht.“