Rom - „Papst kann jeder werden. Der beste Beweis bin ich.“ Für solche Sprüche voller Schalk und Selbstironie ist Johannes XXIII. bekannt und beliebt. Besonders seine Landsleute haben den 1881 in der Lombardei geborenen Angelo Giuseppe Roncalli ins Herz geschlossen, so dass die Heiligsprechung tatsächlich nachvollzieht, was das katholische Kirchenvolk längst praktiziert. Als „Papa buono“, „der gütige Papst“, ist er in die Geschichte eingegangen, was auch mit seiner großväterlich-gemütlichen Art und seinem wohlbeleibten Äußeren zu tun haben dürfte. Es stand in scharfem Kontrast zur hageren, strengen Erscheinung seines Vorgängers Pius XII., des letzten Aristokraten auf dem Papstthron, wie dieser genannt wurde.

Schon ein Vierteljahr nach seiner Wahl im Oktober 1958 rief Johannes XXIII. ein „Ökumenisches Konzil“ aus, das für die katholische Kirche zum wichtigsten Reformereignis seit Hunderten von Jahren werden, ihr Selbstverständnis grundlegend verändern und ihr Verhältnis zur modernen Welt neu bestimmen sollte. Doch haben Historiker inzwischen auch nachgewiesen, dass der Gedanke an ein Konzil schon Pius XII. beschäftigt hatte. Sein Nachfolger nahm wahr, was innerkirchlich in der Luft lag: die Sorge vor dem zunehmenden Verlust des Kontakts zur Wirklichkeit, vor der Erstarrung des kirchlichen Lebens in Dogmen und Ritualen. Durch Johannes XXIII. bekam der Wandel dann eine Chance.

Entschlossener Kirchenführer und gewandter Diplomat

Sein Ziel beschrieb er als „aggiornamento“, wörtlich übersetzt „Verheutigung“. Die katholische Kirche solle sich so auf die Gegenwart einstellen, dass sie deren Erfordernissen genügen könne. Von diesem seelsorgerlichen Ansatz war Johannes XXIII. erfüllt. Und so wandte er sich den Menschen zu: in sprechenden Symbolen und in bildhafter, verständlicher Rede. „Wenn ihr nach Hause kommt, dann trefft ihr eure Kinder – streichelt eure Kinder und sagt: Das ist die Zärtlichkeit des Papstes.“ So verabschiedete er am Abend der Konzilseröffnung im Oktober 1962 die Gläubigen auf dem Petersplatz.

Doch Johannes war nicht bloß der liebenswürdige Opa, den manche bei seinem Amtsantritt in ihm gesehen hatten. Wohl deshalb wehrt sich sein langjähriger Sekretär, der soeben zum Kardinal erhobene, 98 Jahre alte Loris Capovilla, gegen einen verharmlosenden Gebrauch des Wortes vom „Papa buono“. Vielmehr war der Bauernsohn, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, als ehemaliger Patriarch von Venedig auch ein entschlossener Kirchenführer und ein gewandter Diplomat. Als Administrator für die Türkei und Griechenland von 1935 bis 1945 setzte er sich für die verfolgten Juden ein und rettete vielen das Leben.

Nach dem Krieg musste er sich als Nuntius in Paris den Schatten der dortigen kirchlichen Kollaboration mit dem Vichy-Regime stellen. Während seines Pontifikats wurde die Wahrung des Friedens zu Johannes’ großem Thema – neben der innerkirchlichen Erneuerung. In der Kubakrise 1962 vermittelte er zwischen Sowjets und US-Amerikanern. Die Friedensenzyklika „Pacem in terris“, publiziert 1963 kurz vor dem Tod des erkrankten Papstes, ist ein Vermächtnis nicht nur an seine Kirche.

Die eigene Heiligsprechung zu erleben, hätte ihn gewiss beschämt. Andererseits hat ihn das Streben nach einem heiligen Leben von Jugend an beschäftigt. „Jesus ist mit mir nicht zufrieden, solange ich mich nicht mit all meinen Kräften heilige oder wenigstens danach strebe, mich zu heiligen“, schrieb er vor seiner Ausbildung zum Priester. Am Sonntag stellt die katholische Kirche offiziell fest: Jesus war zufrieden mit Angelo Roncalli.