PETER NEUMANN ist skeptisch, ob "Shared Space" in Berlin Verkehrsprobleme lösen würde.Das hört sich gut an: Der Schilderwald wird abgeholzt, Ampeln werden abgebaut, Fußgänger und Radfahrer aus ihren Reservaten befreit. Alle regeln den Verkehr selbst: mit Blickkontakten, Handzeichen, mit "bitte" und "danke". "Shared Space", gemeinschaftlich genutzter Raum, ist keine Utopie, sondern mancherorts Realität. Nun greift das in den Niederlanden ausgebrütete Virus auch in Berlin weiter um sich. Sogar Christdemokraten, nicht als Autoskeptiker bekannt, sind begeistert. Doch der Senat bleibt zurückhaltend. Zu Recht.Großflächig wäre das Konzept in der Politik nicht durchsetzbar. Die Fans verschweigen gern, dass parkende Autos nach der reinen Lehre auf "Shared Space"-Straßen nichts verloren haben, weil sie die Sicht und die Verständigung behindern. Was wohl die vielen Auto fahrenden Grünen-Wähler sagen würden, wenn ihre Parkzone komplett hinter Pollern verschwände? Nichts Gutes! Blinde schätzen Bordsteine, Leit- und Warnmarkierungen, aber derlei trennende Elemente passen nicht zu "Shared Space". Alle Fußgänger würden sich eher über zusätzliche Zebrastreifen freuen als über weitere Bereiche, in denen ihnen Radfahrer den Platz streitig machen. Zwar heißt es, dass das Konzept Straßen sicherer macht. Aber die niederländischen Paradebeispiele waren auch schon vorher keine Unfallschwerpunkte gewesen. So gab es auf einer Straße in Drachten vor dem Umbau einen bis neun Unfälle pro Jahr - danach null bis acht. Das sagt wenig aus.Nichts gegen verkehrsberuhigte Straßen, nichts gegen einzelne kleine "Shared Space"-Zonen (der Pariser Platz ist es längst): Es ist richtig, Straßen für alle attraktiv und sicher zu gestalten. Doch als generelles Konzept und für stärker befahrene Straßen taugt diese Gutmenschentheorie im aggressiven, undisziplinierten Berlin nur wenig. Seite 19