Sandra Nachtweih will, dass die Touristeninformation von Pasewalk ins Zentrum der 11.000-Einwohner-Stadt zieht. Sie will, dass die städtischen Betriebe vernünftig wirtschaften. Sie will, dass die existierenden Unternehmen bleiben und sich möglichst weitere ansiedeln. Was Nachtweih will, steht wohl auf der Agenda von so ziemlich jedem Bürgermeister einer Kleinstadt. Seit Sonntagabend weiß Nachtweih, 38 Jahre alt, Mutter von zwei Söhnen, parteilos, dass sie sich im vorpommerschen Pasewalk an die Umsetzung machen darf.

3 185 Wählerinnen und Wähler haben für sie gestimmt, das waren 60,55 Prozent der abgegebenen Stimmen bei einer gestiegenen Wahlbeteiligung von 56,49 Prozent. Nachtweih ist damit schon im ersten Wahlgang der Sieg gelungen, eine Stichwahl ist überflüssig. Die eigentlichen Gewinner des Abends aber waren die Pasewalker, denn sie haben mit der großen Mehrheit für Nachtweih gezeigt, dass sie eine normale Bürgermeisterin mit normaler Agenda wünschen und so ein Signal gegen Rechtsextremismus gesetzt.

Denn einer von Nachtweihs beiden Kontrahenten hatte Plakate mit der Aufschrift „Asylantenstadt Pasewalk. Nicht mit uns“ geklebt, er hatte öffentlich gehetzt und sich im Stadtrat nicht von seinem Stuhl erhoben, als die Stadtvertreter der Geschwister Scholl gedachten. Es war das erste Mal, dass in einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern ein NPD-Kandidat zu einer Bürgermeisterwahl antrat, und das ausgerechnet in Pasewalk.

Der Ort hat eine Tradition des Kampfes gegen Rechtsextreme. Der im November verstorbene Bürgermeister Rainer Dambach arbeitete eng mit dem Aktionsbündnis „Vorpommern. Weltoffen, demokratisch, bunt“ zusammen. Im August 2012 demonstrierten mehr als 2 000 Bürger mit einer Menschenkette und einem Demokratiefest auf dem Pasewalker Marktplatz gegen eine Großveranstaltung der NPD-Parteizeitung in der Region. Das Aktionsbündnis hatte auch gegen den NPD-Kandidaten protestiert, etwa mit gemeinsamem Singen auf dem Marktplatz. Am Sonntag erhielt dieser 408 Stimmen, das waren 7,76 Prozent.

Die Wahlsiegerin Nachtweih sagt, sie habe nicht damit gerechnet, dass ihr Erfolg so deutlich ausfallen könnte. Sie glaube, dass die Hetze von Rechtsextremisten die Bürger dazu motiviert hätte, wählen zu gehen und gegen den NPD-Kandidaten zu stimmen. Ihre Kandidatur wurde von SPD, Linken und einem Bürgerbündnis begrüßt, Nachtweih aber ist unabhängig, engagiert sich zum ersten Mal politisch und will als Bürgermeisterin parteiübergreifend handeln. Ihr politischer Werdegang findet sich so oder ähnlich in etlichen Bürgermeister-Biografien: Verwaltungsstudium, Kreisverwaltung, Wechsel zur Sparkasse, wo sie zuletzt die Firmenkundenabteilung leitete. Mit dem Aktionsbündnis will sie bald Kontakt aufnehmen.

Das Motto, das Nachtweih nun für die Kommune ausgibt, könnte kein besseres für den Kampf gegen Rechtsextremismus sein. Sie wolle die Bürger aktivieren, etwas für die Stadt zu tun, sagt sie. „Einer allein oben an der Spitze kann das nicht leisten.“