Auf der Weltklimakonferenz in Berlin stand das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) und die damit verbundene Erwärmung der Erdatmosphäre im Mittelpunkt der Debatten. Ratlosigkeit und Uneinigkeit herrschte darüber, wie eine CO2-Verringerung erreicht werden sollte, um eine globale Klimakatastrophe noch zu verhindern. Um so überraschender ist, daß ein deutscher Forscher schon vor zwei Jahren in einem Patent beschrieb, wie theoretisch das gesamte CO2 aus Kraftwerks- und Industrieabgasen entfernt werden kann.Der Chemie-Ingenieur Henry Tischmacher aus Schwetzingen (Baden-Württemberg) setzt dabei auf die erfolgreiche biochemische Umsetzungsarbeit von Algen mit Hilfe von Licht. Die niederen Pflanzen sollen in riesigen Tanks, sogenannten Bioreaktoren, in welche die anfallenden Abgase eingeleitet werden, das Kohlendioxid verarbeiten und dafür Sauerstoff und, je nach eingesetzter Algenart, Farbstoffe, Öle oder Proteine produzieren. Nützliches aus Abgas Insgesamt gibt es etwa 4 000 bekannte Algenarten mit verschiedensten Eigenschaften. "Die Algen entfernen nicht nur das Kohlendioxid, sondern produzieren nebenbei noch die nützlichsten Dinge. Man erreicht also sogar noch eine Wertschöpfung aus diesem Ablauf", erläutert der Wissenschaftler seinen Gedanken.Unerwartete Hilfestellung erhielt Tischmacher im letzten Jahr durch einen der bekanntesten Algenforscher Europas, Professor Michael Melkonian von der Universität Köln. Der Biologe hatte - ohne von Tischmachers Patent zu wissen, welches das technische Verfahren genau beschreibt - Versuche mit Algen unternommen und deren Fähigkeit getestet, eben jenes unerwünschte Treibhausgas zu eliminieren. "Die Ergebnisse Melikonians übertrafen meine kühnsten Erwartungen", so Tischmacher. Von 15 Prozent Kohlendioxid in den Abgasen blieben lediglich 0,1 Prozent übrig. Dabei mußten sie die gesamten Rauchgase aus der Verbrennung verdauen. Tischmachers Konzept geht jedoch dahin, schon vor der Verbrennung den Stickstoffanteil in der Luft herauszufiltern. Das sind immerhin 70 Prozent. So soll die Verbrennung nur mit Sauerstoff ablaufen.Das einzige Problem ist, daß die praktische Umsetzung dieser Technologie bisher nicht erprobt werden konnte. Zu Testen wäre das Abernten der Algen, der Einsatz des zur Verfügung stehenden Lichts, die CO2-Konzentration im Wasser, die Abbauleistung der Mikroorganismen Faktoren, die aufeinander abgestimmt sein müssen, um einen optimalen Ablauf zu garantieren und die Algentanks in ihren Dimensionen zu begrenzen. Und dazu sind praktische Erfahrungen erforderlich. Unverwüstliches Leben Das Überleben in den Tanks ist für die Algen kein großes Problem. Diese Organismen und die noch primitiveren und drei Milliarden Jahre alten Cyanobakterien (Blaualgen) gedeihen selbst unter schwierigsten Bedingungen. "Das Wunderbare daran ist, daß sie sowohl in 300 Meter Tiefe oder bei 90 Grad Hitze in einer essigsauren Lösung oder unter Schwefelbedingungen die faszinierendsten Dinge tun", erklärt der Wissenschaftler. Viele Algenarten sind überhaupt noch nicht ausreichend erforscht. Hier liege ein riesiges Potential an Möglichkeiten, wofür sich die Algen einsetzen ließen. Und dazu müsse man sie nur mit ein paar notwendigen Nährstoffen versorgen und mit Kohlendioxid füttern.Seit Jahren wirbt Henry Tischmacher für sein Verfahren. Förder- und Entwicklungsgelder waren bisher nicht zu bekommen. "Um eine Förderung zu erhalten, muß man sehr genau den Fördergegenstand treffen", schildert er das Dilemma von Projekten, die interdisziplinär angelegt sind, also über den einzelnen Wissenschaftszweig hinausgehen. Das Bundesforschungsministerium erteilte letztes Jahr denn auch einer finanziellen Förderung eine klare Absage. Kein Wort findet sich darin zum Thema Biotechnologie, um die es sich eigentlich handelt oder darüber, daß innerhalb des Prozesses Sonnenenergie genutzt wird. Die Begründung lautete, daß die "Förderung im Bereich Kraftwerkstechnik/fossile Energieträger in den nächsten Jahren eingestellt" wird. Noch nicht im Griff Die Zeit drängt. Aus ökologischen und aus ökonomischen Gründen. In Japan sei man mit der Technologie bereits erheblich weiter. Der momentane Stand in Deutschland erfordere noch schätzungsweise fünf Jahre Entwicklungsarbeit. Und so fordert der Chemie-Ingenieur jetzt endlich verstärkte Anstrengungen und verbesserte Zusammenarbeit aller auf diesem Gebiet arbeitenden Wissenschaftler und Institutionen.