Die kleine Bijou" des französischen Patrick Modiano ist ein Buch, das man, sobald man es durchgelesen hat, wieder vorn aufschlägt, um noch mal zu beginnen. Was weder für noch gegen den Roman spricht. Man weiß bloß nicht genau, was eigentlich passiert. Figuren, Zeiten, Orte, alles ist einem unter den Augen zerronnen. Am Ende heißt es von der Hauptfigur Therese immerhin, dass "das Leben begann". Das wollen wir hoffen. Doch bevor Therese "klar sehen" kann, hat sich der Autor verdünnisiert und wahrscheinlich schon einen neuen Roman begonnen. Modiano schreibt viel. In den letzten Jahren erschienen: "Ein so junger Hund", "Aus tiefstem Vergessen", "Unbekannte Frauen", "Dora Bruder". Alles kleine feine Bücher, aus denen man mit einem kleinen, ein bisschen klebrigen Wehmutsgefühl wieder auftaucht. Patrick Modiano ist ein Meister des Flüchtigen, Zarten, des Bilder-und-Gefühle-in-Bewegung-Setzens. Jemand sieht etwas, das ihn an jemanden erinnert, und während er dieser Erinnerung nachgeht, fällt ihm etwas anderes ein, und plötzlich ist da viel Bewegung im Resonanzraum des Selbst, und alle Gewissheiten geraten ins Wanken. In "Die kleine Bijou" hat Modiano die Kunst der Verflüchtigung übertrieben. Therese ist ein Mädchen Anfang zwanzig im Paris der Nachkriegszeit. Vom Vater weiß sie nichts. Ihre Mutter, eine erfolglose Ballerina, hat sich kaum um sie gekümmert, sie stattdessen wie ein Zirkuspüppchen angezogen und mit dem niedlichen Namen "Kleine Bijou" behängt. Seit zwölf Jahren ist sie nun tot, in Marokko gestorben, wie man dem Kind damals sagte. Nun lebt Therese allein, ohne Freunde und Zukunft, weil sie von sich selbst keine Ahnung hat. Die Erinnerung beginnt, als sie eine "Frau im gelben Mantel" in der Metro sieht, die - so glaubt sie - ihre angeblich tote Mutter ist. Sie folgt ihr, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Es kommen biografische Bruchstücke, Vermutungen, verschüttete Gefühle ans Tageslicht, aber - bis zum Schluss - nichts Gesichertes über die rätselhafte Frau im Mantel. Modiano erzählt aus der zögerlichen, fransigen Sicht des Mädchens. Da Thereses Kindheit traumatisch war, ist die Erinnerung eine heikle Sache. Wenn sie zu schnell kommt, droht ihr löchriges Ich in tausend Splitter zu zerspringen. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, und Therese wird wieder zu dem kleinen Puppentöchterchen, das der depressiven Mutter die Knöchel massieren musste und wahrscheinlich von einem ominösen Onkel missbraucht wurde. Zwischen innen und außen ist kaum noch zu unterschieden. Die Personen, denen sie begegnet, wirken wie Spiegelungen ihrer selbst oder Traumgestalten. "Nichts" heißt das Kabarett gegenüber ihrer Wohnung. Modiano spart nicht mit Hinweisen darauf, dass die Wirklichkeit eine erfundene, luftige Sache ist. Als Beweis, dass es keine gesicherten Identitäten gibt, trägt jede Figur mehrere oder gar keinen Namen. Es gibt rührende Passagen, etwa, wenn sich die Erzählerin von einer Apothekerin den Puls fühlen und die Schuhe abstreifen lässt. Und Peter Handke hat den Text mit Leichtigkeit und Sinn für das schwebende Bild übersetzt. Das Problem ist, dass das Diffuse, Unwirkliche durch keinen Rahmen gefasst wird. Ein Text, der von der Verflüssigung der Welt erzählt, braucht aber auf mindestens einer Ebene Konkretion. Wenn hinter jedem Vorhang, der sich öffnet, nichts als der nächste Vorhang wartet, sollte wenigstens der Samt klar zu erkennen sein. Da in diesem Fall auch der verschwimmt, bleibt ein angenehm gefühliger Nachgeschmack, aber kaum ein Szene, an die man sich erinnert.Patrick Modiano: Die kleine Bijou. Aus dem Französischen von Peter Handke. Hanser, München 2003. 150 S. , 15, 90 Euro.

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