Patti Smith hat ziemlich große Füße; auf dem Cover ihrer neuen CD "Trampin " sind sie in Großaufnahme abgebildet. Es sind lange, schmale Tänzerinnenfüße, naturbelassen wie die Frau, zu der sie seit 57 Jahren gehören; am späten Montagnachmittag sollen diese Füße durch einen winzigen Club an der Rückseite des Flughafens Tempelhof tappen. Patti Smith befindet sich auf der Durchreise von Ferrara nach Brüssel oder umgekehrt und macht Station in Berlin. Ihre neue Plattenfirma hat zu einer kleinen Gesprächsrunde vor dem abendlichen Konzert geladen. Etwa zehn Leute warten in einem Zimmer, das ein offenbar schwer deprimierter Ausstatter auf Mutterleibhöhle getrimmt hat. Wände und Minibühne sind mit Tüchern behangen und wahlweise mit rotem Licht angestrahlt. Auf seltenen Sichtinseln ruhen erhaben die Bildprojektionen des CD-Covers und einiger Wirbelsymbole. Kurzum: Viel mehr als die Füße von Patti Smith können die Versammelten nicht sehen.Patti Smith, die Rockpoetin laureata, gilt als Mystikerin, deswegen wohl das fötale Ambiente. Sich selbst enteignet lauscht man den neuen Songs: eine Spur Country, ein paar Romantizismen mehr als gewohnt, ansonsten gottseidank die bekannte Tonsprache des großen Aufbäumens einer Stimme, die versunken mit sich selbst tanzt. Ist diese Sehnsucht nun ein anderes Wort für Einsamkeit; fühlt sich eine verwitwete Mutter zweier Kinder so, wenn sie die eigene Pop-Legende fortleben, -schreiben und -singen muss und will? Im Hintergund des Raums trocknen belegte Brötchen vor sich hin. Wie wird Patti Smith wohl erscheinen, zwischen Hackepeter und Käse - wird sie von der Seite hereinhuschen oder das Zimmer durchmessen und jedem persönlich die Hand schütteln, so als kleines Dankeschön für die jahrzehntelange Anhänglichkeit? Und dann enttäuscht Patti Smith niemanden, nicht die eigens aus Litauen und Dresden angereisten Tempeldiener, die eine Göttin anbeten wollen, und nicht den berufsmäßig coolen Popliteraten. Sie schlüpft von der Seite aufs Podest, steht ein bisschen herum und versucht die Anwesenden zu erkennen, was zwangsläufig misslingen muss; also beanstandet sie höflich, dass es zu dunkel ist. "Turn off the music, and is there any light? This is not a concert! We are here to talk." Schließlich seien wir alle menschliche Wesen, die sich in die Gesichter schauen wollen, spricht Patti, die spirituelle Kommunikatorin, woraufhin sie erst mal den Fotografen verscheucht, weil sie jeden persönlich mit Handschlag begrüßen will.Patti Smith ist inzwischen vollständig ergraut; ihre Legende ist 30 Jahre alt und trägt dieselbe Hülle wie zu Beginn ihrer Künstlerlaufbahn, die man Karriere nicht nennen mag, weil sie ihr außer dem Ruhm nicht viel einbrachte. Man sollte sich nicht täuschen lassen vom schluffigen, schwarzen Männerjackett, nicht von der beschwörenden Stimme und auch nicht vom schweren Silberblick, der immer wieder nach innen schwimmt, weil er vor dem Blickziel abstürzt. Auch wenn das alles nach seltsamer alter Hexe riecht - Patti Smiths Auftreten ist das einer Königin. Und die Geschäftsgrundlage ihrer Kunst ist immer noch der Politaktivismus.Terrorismus, erklärt Patti Smith, rührt daher, dass es Supermächte gibt, die andere Kulturen demütigen. Terrorismus sei überall; auch die Allgegenwart von Werbung sei Terrorismus. Natürlich läßt sie kein gutes Haar an George W. Bush; man fühlt sich seltsam, als sie sich bei Deutschland dafür bedankt, nicht in den Irak-Krieg eingetreten zu sein. Vater Smith flog als Soldat im Zweiten Weltkrieg über Dresden. Als Patti Smith die Stadt vor Monaten besuchte, hätte sie, so sagt sie, sich am liebsten bei den Passanten dafür entschuldigt, dass die Amerikaner den Dresdnern soviel Leid zufügten. Smith ist eine Gesandte der Versöhnung auf interkultureller Basis - damit ist sie ausgelastet. "I am here to serve you." Wenn sie nicht mit ihren Liedern, Fotos und Zeichnungen tourt, schreibt sie an einem Buch über ihre Freundschaft mit Robert Mapplethorpe. Sie war enttäuscht, als damals nur wenige Künstler gegen den Irakkrieg demonstriert haben. Die Kunst muss stärker sein als die Politik, fordert die kleine schmale Frau; sie meint weniger korrupt, weniger strategisch, dafür aufrichtiger. "Don t be afraid!" - es klingt wie eine Weisung. Patti Smith definiert ihre Identität: "menschliches Wesen", nicht nur "Amerikanerin", "New Yorkerin", "Poetin", und plötzlich versteht man, worin die Zuschreibung des Mystischen bei ihr wurzelt: sie wirkt ja, als würde sie das Leid der Welt antizipieren wollen, um es zu bannen. Über ihre Musik wird wenig gesprochen. Am Ende kramt sie ihre Gitarre vor und wirft extra ein Bühenjackett über, das haargenau so aussieht wie das andere. Dann schenkt sie den Leuten im Raum einen Song und kichert, weil sie angeblich keine gute Gitarrristin sei, aber sie sei ja auch nicht gut im Kekse backen. Und sie prophezeit, dass es am Abend ein schreckliches Konzert geben würde - wegen des kleinen Saals, in dem sie ihre E-Gitarren einstöpseln. Aber auch das mache nichts; eEs geht ihr nur um Verständigung. Rock sei Energie, nicht Text, "Tutti, Frutti!" jubelt die Rockpoetin. Und entschwindet. Das neue Album von Patti Smith, "Trampin ", erscheint am 24. April bei Sony Music.Foto: Gottseidank immer noch da: Patti Smith mit einem Bild ihrer Füße.