Der letzte Regenguß war noch nicht lange vorbei, das Zelt dampfte wie ein Türkisches Bad, kaum auszuhalten. Dann kam Patti Smith auf die Bühne und wehte mit ihrer klaren, transparenten Musik alle Schwüle hinweg. Es war wie ein angenehm kühler Lufthauch.Und auch wie ein Deja-vu: Da steht sie unter einem dieser Gammler-Hüte und sieht eigentlich nicht viel anders aus als 1975, auf dem Cover ihres Debüt-Albums "Horses". Zerknitterte Bluse, ungeformte Haarmassen. Fünfzehn Jahre Hausfrauen-Dasein haben zumindest äußerlich keine Spuren hinterlassen. Eine Frau, die jahrelang Koch-Rezepte befolgt und Erdnuß-Butter-Vorräte angelegt hat, stellt man sich irgendwie doch anders vor.Als zweites Stück des Abends spielt sie "Dancing Barefoot", und wir befinden uns endgültig in den späten 70er Jahren: Madonna, Hip Hop, Grunge, Techno - gab es das alles überhaupt? Oder war diese ganze Zeit nur ein Traum? Auch die bekannten Gesichter neben ihr wirken um kein Haar gealtert. Vor allem der Gitarrist Lenny Kaye scheint in seinem Garten einen Jungbrunnen angelegt zu haben. Erst als sie eines der Band-Mitglieder als "meinen Sohn Jackson vorstellt", bekommt die Show auf einmal eine historische Dimension: Die zweite Smith-Generation steht auch schon auf der Bühne. Und hat nichts Besseres zu tun, als bei einer Schülerband-Version von "Smoke on the Water" die Riffs zu klopfen.Wenn es an diesem größtenteils klassischen Abend Ausrutscher gibt, dann sind es diese seltsamen Cover-Versionen. Die Deep-Purple-Dröhnung kann ja noch als Gag durchgehen. Aber Princes "When doves cry" als lahmen Fußwipper zu bringen - dafür braucht es keine Patti Smith. Auch "The Crystal Ship" von den Doors klingt nicht nach Abgrund, sondern nach Nostalgie. Die Sängerin ruft unvermutet "Jim Morrison" ins Publikum, als wolle sie ihn einfach mal wieder erwähnt haben. Vielleicht hatte sie auch einen Rest von Scheu davor, ihre alte Rolle wieder hundertprozentig auszufüllen, wieder mit der Legende Patti Smith identisch zu werden.Diese Zurückhaltung zeigte sie am Anfang auch dem Publikum gegenüber. Aber die Stimmung im Zelt war von Beginn an so euphorisch, daß sich Patti Smith von der Wärme erfassen ließ und immer ausgelassener tanzte: Sie bedankte sich begeistert bei "Börlin", erzählte noch ein paar Storys von der Berliner Mauer und dem Dalai-Lama - und sie spielte am Ende des zweistündigen Konzerts alte Hits, um ganz in ihnen aufzugehen."People have the Power" wurde zuerst als Gedicht rezitiert, dann als Hymne tremoliert. Ihr "Because the night" klang an diesem Anbend ein bißchen leiser, fragiler als in den alten Platten-Versionen. Und bei "Gloria" schmolzen endgültig alle Seelen: Patti Smith krümmte sich auf den Monitoren über der Bühne, jeder im Publikum sang mit, die große Wiedersehensfeier hatte ihren Siedepunkt erreicht.Es gab nichts Schwüles und keinen Lufthauch mehr, nur noch Hitze.Ralf Schlüter +++

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