In den sechziger und siebziger Jahren galt es als uncool, Schlagerfan zu sein. Nur die unter Zehnjährigen und die über 50jährigen saßen regelmäßig sonnabends vor dem Fernseher, wenn Schnellsprecher Dieter Thomas Heck in der "Hitparade" die neuesten Herz-Schmerz-Titel vorstellte. Wer jung war und etwas auf sich hielt, haßte Rex Gildo und Howard Carpendale und hörte englischen Rock und Pop.Dann kam Anfang der Achtziger die Neue Deutsche Welle, und plötzlich wurde deutsche Musik szenefähig. Altstars wie Marianne Rosenberg erlangten Kultstatus, die Schwulen begeisterten sich für "Er gehört zu mir" und für den "Grand Prix d'Eurovision". Wiederbelebung der 20er Und heute? Mitte der Neunziger ist Techno bis in die hinterste Dorfdisko vorgedrungen, die elektronischen Beats befinden sich im Zustand ihrer ultimativen Kommerzialisierung. Geplagte junge Menschen sehnen sich nach behaglichen Klängen. In Berliner Szeneclubs wie der "Hafenbar" wird dem neuen Trend des "Easy Listening" gefrönt. DJs legen Platten von James Last und Karel Gott auf, und man tanzt zu seichter Musik im Stil des früheren ARDNachtprogramms. Daneben existiert seit geraumer Zeit eine sehr lebendige Generation von Musikern, die deutsche Texte singen und keine Berührungsängste vor Schlagern haben. Die Palette reicht von Max Raabe, der mit perfekt rollendem Rrrr und korrekt sitzendem Anzug die Schlager der 20er Jahre aufleben läßt, über das Duo Rosenstolz, das Mondän-Pop mit frivolen Texten singt, über die Lassie Singers bis zu Andy und die Anitas, die Schlager und House-Musik ironisch verbinden. Freche Texte Andere Musiker wie die Diseuse Georgette Dee oder Tim Fischer und Cora Frost liegen mit derb-romantischen Chansons über Liebe und Leidenschaft auf Erfolgskurs. Alle diese Musiker leben und arbeiten in Berlin. Ist der nostalgische Trend zu Schlager und Chanson vor allem ein Berliner Phänomen? Peter Plate, Sänger des erfolgreichen Duo "Rosenstolz" ist aus Braunschweig an die Spree gekommen, weil hier Gruppen wie Spliff, Ideal, Nena und Nina Hagen zu Hause waren. Gemeinsam mit seiner ehemaligen Hausnachbarin AnNa R. aus Friedrichshain hat er den "Mondän-Pop" entwickelt: Freche Texte über Erotik und Musik ohne Angst vor Kitsch mit Schlagerelementen - auch wenn Peter Plate sich in diesem Punkt heftig distanziert: "Ich hoffe, daß der deutsche Schlager endlich stirbt. Er hat keinen Humor." Ob Schlager oder nicht - Stücke wie "Nymphoman" kommen jedenfalls an. Rosenstolz hat seine beiden CDs allein in Berlin 25 000mal verkauft. Silvie, 28 Jahre alt, eine der drei Sängerinnen von Andy & die Anitas, glaubt dennoch nicht, daß das Schlager-Revival berlintypisch ist: "Das ist eher ein Zeitphänomen - die Freude am Kitsch." Die Großstadt-Szene habe ihre Vorliebe für plüschige Kneipen entdeckt, und der Nostalgie-Trend in der Musik stehe damit in Zusammenhang. Silvie selbst buddelte vor zwei, drei Jahren spaßeshalber alte Singles aus, Schlager wie "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" oder "Ein Bett im Kornfeld". Damals habe es zwar Deutschrock, aber keine Popmusik mit witzigen deutschen Texten gegeben. "Cindy und Bert oder Christian Anders sind viel liebevoller und spielerischer mit Sprache umgegangen, als die ,Betroffenheitsrocker'", sagt Silvie. Gegen verlogenen Kitsch Doch der neue Szeneschlager will auch keinen verlogenen Gefühlskitsch übernehmen. Ironie und Parodie verfremden die Schlagerromantik. Andy & die Anitas, die ihre Karriere im Hinterzimmer der Kreuzberger Szenekneipe "Bierhimmel" starteten, machen "House-Schlager" - tanzbare Musik mit Textzeilen wie "deinen Ziegenbart findest du erotisch, doch Schamhaar unterm Kinn, das ist einfach idiotisch". Auf der Bühne führen sie dazu in schrillen 60er-Jahre-Outfits oder silberglitzernden Anzügen im Abba-Stil "schlechte Partytänze" auf, die signalisieren, daß sie das Ganze nicht allzu ernst nehmen. Ihre erste Single "Ich will zu dir gemein sein" wurde zum Radiohit. Nostalgie-Geschäft Schon länger im Nostalgie-Geschäft ist Max Raabe mit dem Palastorchester. Wie seine Kollegen Tim Fischer, Cora Frost und Georgette Dee knüpft er an die große Variete-und Tanzpalast-Tradition Berlins in den 20er Jahren an. Seit 1987 singt der ausgebildete Bariton alte Schlager wie "Klara in der Sahara". Den größten Erfolg hatte er mit dem selbstgeschriebenen "Kein Schwein ruft mich an". Raabe wehrt sich allerdings gegen das Etikett "nostalgisch": "Diese Lieder haben zeitlose, geistvolle Texte." Sie würden aus der Reflexion und dem Blickwinkel der 90er Jahre heraus gesungen, seien gebrochen, ironisiert und gerade deshalb immer noch aktuell.Daß so viele Musiker statt Eigenes zu schaffen Vorbilder aus den vergangenen Jahrzehnten persiflieren, sieht Raabe als Zeitphänomen: "Dasselbe passiert in der Mode und Architektur. Wir erleben eben ein Zwischenstadium - eine Pause, bevor etwas ganz Neues beginnt".