Die Premieren der Filme Pedro Almodóvars werden von der internationalen Cineastengemeinde stets sehnsüchtig erwartet. Doch in Almodóvars Heimat Spanien liegen dem Regisseur keineswegs alle zu Füßen. So musste sich sein Film "Sprich mit ihr" bei der Verleihung der spanischen Filmpreise 2003 mit Auszeichnungen in Nebenkategorien begnügen. Almodóvars neuer Regiearbeit "La mala educación" ("Die schlechte Erziehung") wird nun die Ehre zuteil, als erster spanischer Film überhaupt im Mai das renommierte Filmfestival von Cannes zu eröffnen. Der Film, der am Freitag in Spanien seine Weltpremiere feierte, berührt ein heikles Thema: Er erzählt von zwei Zehnjährigen, die während der Franco-Ära in einem Konvent aufwachsen, und von einem Priester, die sich an seinen Schützlingen vergreift. 16 Jahre später kreuzen sich die Wege der Protagonisten erneut; plötzlich verschieben sich sämtliche Konstellationen von persönlichen und geschlechtlichen Identitäten, Opfern und Tätern. Almodóvar hat selbst sechs Jahre in einem Konvent zugebracht; er betont jedoch, der Film sei nicht autobiographisch: "Hätte ich es nötig gehabt, mich zu rächen, hätte ich nicht 40 Jahre damit gewartet. Die Kirche interessiert mich nicht einmal als Gegner. Ich klage den Missbrauch der Kinder durch die Priester an. " Das Urteil der spanischen Presse ist überwiegend positiv. Die linksliberale Tageszeitung "El País" schwärmt von einem "schönem Kino-Hurrican" voller "verstörender Energie". Almodóvars Spiel mit Ellipsen sei "eines der prächtigsten und gewagtesten des modernen Kinos, welches an Überdeutlichkeiten krankt". Die rechte Tageszeitung "ABC" straft den Film hingegen durch demonstrative Geringschätzung: Während "La mala educación" in einem kurzen Artikel abgehandelt wird, bringt das Blatt als Aufmacher Mel Gibsons umstrittene "Passion Christi". Manche Kritiker befürchten, dass Almodóvars Film wegen schwuler Sexszenen in den USA Schwierigkeiten mit der Zensur bekommen könne.Spaniens Konservative haben zur Zeit jedenfalls anderes zu tun, als sich über Filme zu echauffieren. Ihnen weht seit einer Woche der Wind ins Gesicht. So will die künftige sozialistische Regierung auch den Einfluss der katholischen Kirche auf das Schulsystem verringern. Das ist ganz im Sinne Almodóvars, der zu den spanischen Künstlern gehörte, die seit Beginn des Irakkrieges für einen politischen Wechsel getrommelt haben.